Die Wirtschaft brummt, die Löhne stagnieren

Die Wachstumsprognosen für das laufende Jahr sind optimistisch – allerdings profitieren die Beschäftigen kaum.

Aufschwung in der Industrie: Ein Arbeiter lötet an einer Kaffeemaschine in der Metallwarenfabrik Schätti AG. (23. April 2018)

Aufschwung in der Industrie: Ein Arbeiter lötet an einer Kaffeemaschine in der Metallwarenfabrik Schätti AG. (23. April 2018)

(Bild: Keystone Alessandro della Valle)

Markus Diem Meier@MarkusDiemMeier

In der Schweiz herrscht Hochkonjunktur. Zum gleichen Schluss wie das Staatswirtschaft für Wirtschaft (Seco) kommen nun auch die Ökonomen der Konjunkturforschungsstelle der ETH (Kof). Für das laufende Jahr veranschlagen sie in ihrer Prognose das Wachstum auf 2,9 Prozent, noch im Juni lag die Erwartung erst bei 2,3 Prozent. Vor zwei Jahren legte die Schweizer Wirtschaft mit 1,4 Prozent nur rund halb so stark zu. Wichtiger Treiber ist die starke Lage der Weltwirtschaft und damit der Aussenhandel. Für 2019 rechnet man beim Kof dann nur noch mit 1,7 Prozent, 2020 mit 2,1 Prozent.

Die Wachstumsraten des Schweizer Bruttoinlandsprodukts (BIP) sind allerdings durch zwei Effekte verzerrt, die wenig über den Verlauf der Konjunktur aussagen: Erstens die Lizenzeinnahmen, die an hier ansässige internationale Spitzenverbände wie den Weltfussballverband Fifa und das internationale Olympische Komitee (IOC) aus weltweiten Sportanlässen fliessen und zweitens der Transithandel mit Rohstoffen angesichts vieler internationaler Rohstoffhändler. Dieser Handel wird in der Schweiz nur verbucht. Ohne diese Einflüsse wächst das BIP im laufenden Jahr um 2,8 Prozent und 2019 und 2020 um je 1,8 Prozent.

Stagnierende Löhne

Das starke Wachstum hat den Arbeitsmarkt bereits deutlich belebt. Die vom Seco erhobene Arbeitslosenquote, die sich auf gemeldete Stellensuchende abstützt, belief sich im August auf 2,6 Prozent. 2016 lag sie im Jahresdurchschnitt noch bei 3,3 Prozent.

Der Durchschnitt für das laufende Jahr wird laut Kof 2,7 Prozent betragen und sich in den beiden nächsten Jahren auf je 2,5 Prozent weiter reduzieren. Tiefer kann sie laut Kof schon deshalb nicht sinken, weil hier die sogenannte Sockelarbeitslosigkeit vermutet wird. Das ist jene, die dadurch verbleibt, dass einige Leute am Suchen eines Jobs sind oder für die offenen Jobs nicht über die geeigneten Qualifikationen verfügen.

Weiter prognostiziert das Kof auch eine weitere Zunahme der Beschäftigung in der Schweiz. Für ein Rätsel halten die Ökonomen angesichts dieser starken Entwicklungen, dass die so genannte ILO-Arbeitslosenquote nicht stärker abnimmt. Sie wird durch Umfragen erhoben und kann so auch die nicht gemeldeten Arbeitslosen einbeziehen. Für das laufende Jahr schätzt das Kof diese Quote auf 4,7 Prozent, in den nächsten beiden Jahren soll sie auf einen Durchschnitt von 4,4 Prozent abnehmen.

Wenig von der besseren Wirtschaftslage haben gemäss der Prognose die Beschäftigten. Nominal sollen die Gehälter in den nächsten beiden Jahren zwar mit 1,1 Prozent 2019 und 1,2 Prozent 2020 so stark zulegen, wie noch nie in diesem Jahrzehnt. Doch die erwartete Teuerung hat zur Folge, dass die Löhne real, das heisst kaufkraftbereinigt, im Vergleich zu den letzten Jahren aussergewöhnlich gering steigen. Damals legten sie hauptsächlich wegen der negativen Teuerung zu.

Im laufenden Jahr schrumpfen die Reallöhne sogar um 0,2 Prozent. Im nächsten Jahr wachsen sie nur 0,3 Prozent und 2020 nur um 0,5 Prozent. Diese Entwicklung widerspiegelt allerdings nicht den Strukturwandel in der Schweiz. In einigen Bereichen sind deutlich höhere und in anderen tiefere Lohnzuwächse zu erwarten.

Stabiler Frankenkurs

Gemäss dem Kof werden alle Branchen expandieren. Die geringsten Wachstumsraten sind beim Bau zu erwarten, der in den letzten Jahren stark zugelegt hat. Besonders deutlich profitieren sollen hingegen jene Branchen, die unter dem Frankenschock gelitten haben: Die Industrie und der Tourismus. Auch der Detailhandel hat wieder Marktanteile zurückgewonnen und soll gemäss der Kof-Einschätzung weiter expandieren.

Die Prognosen gehen davon aus, dass es zu keiner neuen Aufwertung des Frankens kommt, der Preis des Euro im Bereich von 1.13 Franken verbleibt, und dass die oft genannten internationalen Risiken sich nicht auf die Schweiz auswirken.

Wie Kof-Leiter Jan-Egbert Sturm erklärt, zeigen sich die Entwicklungen, die gegenwärtig am meisten Sorge bereiten, bisher noch nicht in den Wirtschaftsdaten. Die wichtigsten solchen Sorgen betreffen die Unsicherheit um Italien, Trumps Handelskrieg, ein drohender ungeordneter Brexit oder eine neue Schwellenländer-Krise.

Für den Fall einer erneuten Eurokrise hat das Kof ein Alternativszenario mit einer scharfen Aufwertung des Frankens errechnet. In diesem Fall wäre im nächsten Jahr mit einer Rezession zu rechnen – mit einem um 0,7 Prozent schrumpfenden BIP.

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