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Weshalb die Weltwirtschaft überraschend boomt

Alle wichtigen Wirtschaftsräume leisten trotz politischen Krisen einen Beitrag zum Wachstum. Woher das kommt und was das für die Schweiz bedeutet.

Alle Hände voll zu tun: Rund um die Welt kommt die Konjunktur richtig in Schwung (unser Bild stammt aus dem Renault-Werk im französischen Dieppe).
Alle Hände voll zu tun: Rund um die Welt kommt die Konjunktur richtig in Schwung (unser Bild stammt aus dem Renault-Werk im französischen Dieppe).
Philippe Wojazer, Reuters

Wer hätte das zu Jahresbeginn gedacht: Die Weltwirtschaft erfreut sich aktuell eines Wachstums, wie man es in diesem Jahrzehnt noch nicht oft erlebt hat. Und das ungeachtet vieler fortbestehender politischer Unwägbarkeiten. Grund für die überraschende Dynamik ist die breite regionale Verankerung des Aufschwungs. Im Folgenden beleuchten wir die wichtigsten Aspekte der weltumspannenden «Hochdrucklage».

1. Von welchem Wachstum sprechen wir derzeit?

Wachstumsmodelle veranschlagen den globalen Pulsschlag zur Jahresmitte mit einer aufs Jahr hochgerechneten Rate von 4 bis 4,5 Prozent. Damit dürfte der Zuwachs der weltweiten Wirtschaftsleistung um etwa 0,5 Prozentpunkte über dem längerfristigen Wachstumstrend liegen, wie Experten schätzen. Verglichen mit dem letzten grösseren Durchhänger im ersten Quartal 2016, hat sich das Wachstum der Weltwirtschaft bis heute annähernd verdoppelt. Konjunkturforscher sehen sich nun vor die Frage gestellt, ob sie ihre Prognosen für dieses und nächstes Jahr anheben sollen; in den letzten Jahren überwogen demgegenüber die Abwärtskorrekturen.

2. Von wem gehen die stärksten Wachstumsimpulse aus?

Eindeutig von den Industriestaaten: Ihre Expansionsrate hat sich im bisherigen Jahresverlauf der 3-Prozent-Marke angenähert (wiederum aufs Jahr hochgerechnet). Dass hierzu die Eurozone den stärksten Beitrag leistet – mit hochgerechneten 2,6 Prozent –, hätten noch vor kurzem nur die wenigsten Beobachter für möglich gehalten. Erstmals seit fünf Jahren erleben die Euroländer somit wieder einen namhaften zyklischen Aufschwung. Nach einem erneut schwachen Jahresauftakt scheint die US-Wirtschaft ihre Schlagzahl erhöht zu haben: Aktuell wächst sie mit gut 3 Prozent, und nicht wenige Konjunkturauguren sehen in der zweiten Jahreshälfte noch Luft nach oben.

Selbst das seit Jahren stagnierende Japan hat mittlerweile etwas Boden gefunden. Die weltweit drittgrösste Wirtschaft ist auf einen Wachstumspfad mit einer Jahresrate von 1,5 Prozent eingeschwenkt. Eine Enttäuschung gibt es gleichwohl in der entwickelten Welt – Grossbritannien. Steckte die britische Wirtschaft das Brexit-Votum im Juni 2016 anfänglich überraschend gut weg, zeigen sich jetzt unübersehbare Bremsspuren: Aktuell liegt die Wachstumsrate noch knapp über der 1-Prozent-Schwelle.

3. Und wie steht es mit den Schwellenländern?

Ihr derzeitiges Wachstumstempo wird mit aufs Jahr hochgerechneten knapp 6 Prozent geschätzt. Die aufstrebende Welt expandiert damit in etwa entsprechend ihrem längerfristigen Trend. Geholfen hat ihr die in diesem Jahr wieder beschleunigte Gangart in China. Die zweitgrösste Wirtschaft der Welt hat zu Wochenbeginn für das zweite Quartal eine Zunahme des Bruttoinlandprodukts (BIP) um 6,9 Prozent ausgewiesen – wie bereits im ersten Quartal. Nachdem die chinesische Führung für dieses Jahr ein Wachstum von rund 6,5 Prozent anvisiert hat, besteht nun gar die Chance, die letztjährige BIP-Steigerung von 6,7 Prozent zu übertreffen. Viele Schwellenländer profitieren hiervon in Form vermehrter Exporte von Rohstoffen und Industriegütern ins Reich der Mitte.

4. Wird das globale Hoch noch für geraume Zeit anhalten?

Gewichtigen Anteil am breiten zyklischen Aufschwung, insbesondere in den Industriestaaten, hatte in den letzten beiden Jahren die Kombination aus ultralockerer Geldpolitik und expansiver Fiskalpolitik. Sie ermöglichte die Schaffung überaus günstiger Rahmenbedingungen für Investoren und Kreditnehmer. Bemerkenswert an diesem Aufschwung ist zweierlei: Zum einen hat sich bislang nirgendwo ein nennenswerter Inflationsdruck aufgebaut, obwohl etwa in den USA und Deutschland Vollbeschäftigungsniveaus erreicht worden sind. Einzige Ausnahme ist Grossbritannien, wo jedoch die Pfundschwäche die Importpreise in die Höhe trieb.

Zum andern verharrt die Produktivitätsentwicklung weltweit auf tiefem Niveau. Aus diesem Grund hat sich das längerfristige Wachstumspotenzial in den wichtigsten Wirtschaftsräumen in den letzten Jahren verringert. Vor diesem Hintergrund ist es für etliche Experten nur mehr eine Frage der Zeit, bis sich der anhaltende Konjunkturauftrieb erst in steigenden Produktionskosten und dann in höheren Konsumentenpreisen niederschlägt. Möglicherweise überschätzen sie aber den Handlungsdruck der Notenbanken.

Denn solange sich die Kernteuerung (ohne die schwankungsanfälligen Energie- und Nahrungsmittelpreise) nicht dem weitherum geltenden Inflationsziel von um die 2 Prozent nähert, werden sich die Währungshüter viel Zeit nehmen auf ihrem Weg zur Normalisierung der Geldpolitik. Höchste Priorität hat für sie gegenwärtig, die Finanzmärkte nur ja nicht in Aufregung zu versetzen und so das monetäre Umfeld abrupt zu verschlechtern. Für den Aufschwung und seine Nachhaltigkeit sind das gute Nachrichten.

5. Was heisst das für die Schweiz?

Eine kleine offene Volkswirtschaft wie die unsere kann davon nur profitieren. Das zeigt sich am Beispiel Deutschlands mit seiner ebenfalls starken Exportorientierung: Konjunkturforscher erhöhen ihre Wachstumsprognosen für den wichtigsten Handelspartner der Schweiz kontinuierlich und erwarten im zweiten Quartal ein BIP-Wachstum von über 3 Prozent aufs Jahr hochgerechnet. Was dabei zusätzlich ins Auge sticht: Nicht nur die deutschen Ausfuhren, sondern auch die Importe steigen überproportional – sicherlich zum Vorteil des Schweizer Exportsektors.

Entscheidend für das Wachstum hierzulande ist letztlich, ob unter dem Eindruck des positiven globalen Umfelds auch der zuletzt schwächelnde Privatkonsum neuen Schwung bekommt. Die zu erwartende rückläufige Arbeitslosigkeit spricht dafür, die sinkenden Realeinkommen aufgrund der leicht steigenden Teuerung sprechen eher dagegen. Je nach Ausgang dieses Kräfteringens besteht auch für Schweizer Konjunkturbeobachter Anlass, ihre Prognosen für die diesjährige BIP-Steigerung – von derzeit um die 1,5 Prozent – ebenfalls nach oben zu korrigieren.

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