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«Die US-Wirtschaft wird trotzdem nicht gesunden»

Für Felix Brill, Chefökonom bei Wellershoff und Partners, hat weniger die Entscheidung der US-Notenbank als deren Wortwahl eine grosse Tragweite. Diese deute einen Politikwechsel des Fed an.

Bis die US-Wirtschaft wieder auf die Beine kommt, braucht es mehr als billiges Geld: Produktion beim Autobauer Chrysler.
Bis die US-Wirtschaft wieder auf die Beine kommt, braucht es mehr als billiges Geld: Produktion beim Autobauer Chrysler.
zvg

Herr Brill, die US-Notenbank Fed hat milliardenschwere Anleihenkäufe angekündigt. Zudem belässt sie den Leitzins auf dem aktuellen Rekordtief. Reichen diese Massnahmen, um die US-Wirtschaft anzukurbeln? Wohl kaum. Aus den bisherigen geldpolitischen Lockerungen lässt sich ableiten, dass der konjunkturelle Effekt bescheiden ausfallen wird. Es ist daher zu bezweifeln, ob diese Massnahmen wirklich die gewünschte Wirkung zeigen werden. Interessant ist die Fokussierung auf die Hypothekenpapiere: Damit zielt das Fed besonders auf eine stärkere Erholung auf dem Immobilienmarkt ab, der sich jüngst stabilisiert hat. Auf die breite Konjunktur wird der Einfluss dagegen bescheiden sein.

Handelt es sich bei der neusten Fed-Aktivität also vor allem um eine psychologische Massnahme? Das kann man so sehen. Hervorzuheben ist dabei die Ankündigung, dass das Fed künftig auch dann noch sehr expansiv sein will, wenn die Wirtschaft bereits deutliche Anzeichen einer Erholung zeigen sollte. In so einem Fall müsste normalerweise Gegensteuer gegeben werden. Die heutige Entscheidung des Fed ist also insofern von grosser Tragweite, als sie einen Politikwechsel andeutet. Das Fed verfolgt eigentlich ja zwei Ziele: Beschäftigung und Preisstabilität. Das heutige Statement legt den Schluss nahe, dass die Priorität nun bei der Beschäftigung liegen wird. Zur Not scheint die Notenbank dafür auch eine höhere Inflation zu akzeptieren. Dazu passt auch, dass der Leitzins bis 2015 bei faktisch Null bleiben soll.

Ein fixer Termin für ein Ende des Programms wurde nicht genannt; es werde so lange gelten, bis der Arbeitsmarkt deutliche Zeichen einer Verbesserung zeige, hiess es. Was ist Ihre Einschätzung, wie lange es dauern wird? Das ist zum jetzigen Zeitpunkt schwierig zu beurteilen. Bisher ist es trotz weitreichender fiskalischer und geldpolitischer Massnahmen nicht zu einem nachhaltigen Aufschwung der US-Wirtschaft gekommen. Die Zeichen deuten aktuell nicht darauf hin, dass sich der Arbeitsmarkt in absehbarer Zeit deutlich erholen wird. Angesichts der anhaltend schlechten Konjunkturlage sind die Firmen zurückhaltend damit, neue Mitarbeiter einzustellen. Und auch die Konsumenten bleiben skeptisch. Eventuell könnten die nun angekündigten Massnahmen sogar das Gegenteil der erwünschten Wirkung verursachen: Aus Sorge um die Inflation könnten sowohl die Konsumenten als auch die Unternehmen zurückhaltender werden – ein gefundenes Fressen für die Republikaner im Präsidentschaftswahlkampf.

Sie sprechen es an: Präsidentschaftskandidat Mitt Romney hatte vor dem heutigen Entscheid vor einem weiteren Eingreifen gewarnt und angekündigt, Notenbankchef Bernanke zu ersetzen, sollte er gewählt werden. Ja, das Fed bietet den Republikanern mit dieser Entscheidung eine grosse Angriffsfläche. Im Wahlkampf wird nun sicherlich viel darüber diskutiert werden, wie es um die Unabhängigkeit des Fed bestellt ist. Der Zeitpunkt für die Ankündigung ist denn auch einigermassen erstaunlich: kurz vor den Wahlen und trotz der jüngsten Ereignisse in Europa, die auf eine allmähliche Stabilisierung hinweisen. Der Weg zu einer nachhaltigen Verbesserung der Lage in Europa ist zwar nach wie vor steinig, aber mit der Ankündigung der EZB von vergangener Woche und dem positiven Entscheid des deutschen Bundesverfassungsgerichts zum Rettungsschirm ESM und zum europäischen Fiskalpakt vor zwei Tagen sind die ärgsten Sorgen eigentlich vom Tisch. Unmittelbares Ungemach hätte also nicht gedroht. Bernankes Vertrag läuft im Übrigen sicher noch bis Januar 2014.

Seit 2008 hatte die US-Notenbank eine Geldpolitik des «Quantitative Easing» – QE1 und QE2 – betrieben und zu weiteren unkonventionellen Massnahmen gegriffen. Wie fällt diese Bilanz aus? Die erste Runde von November 2008 bis März 2010 war recht erfolgreich – sie hat die Kernschmelze im Finanzsystem verhindert und letztlich die Konjunktur gestützt. Bei der zweiten Runde fällt das Urteil aber zurückhaltender aus; sie hatte einen bescheidenen Effekt auf die Konjunktur. Dabei wurde versucht, die langfristigen Zinsen tief zu halten – mit dem Nebeneffekt, die Verschuldungsproblematik in den Griff zu bekommen. Der US-Haushalt ist noch nicht konsolidiert, die Verschuldungsquote der US-Wirtschaft ist inzwischen sogar höher als jene der Eurozone. Die neue Regierung wird nicht darum herum kommen, erste Massnahmen einzuleiten, um diesem Hauhaltsproblem zu begegnen. Nicht zuletzt, weil die Märkte weltweit in die USA schauen. Das hat auch die Lagebeurteilung der SNB gezeigt: Sie hat heute bei den Konjunkturrisiken nicht nur auf die Situation in Europa, sondern auch in den USA verwiesen. Sie sieht also von den USA her Schwierigkeiten auf die Weltwirtschaft zukommen.

Wie gross ist die Gefahr, dass das Fed mit den propagierten Massnahmen eine nächste Blase kultiviert? Diese Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen. Phasen zu lockerer Geldpolitik haben in der Vergangenheit zu Blasen auf verschiedenen Märkten geführt. Wann es tatsächlich zu einer erneuten Blase kommen und wann diese schliesslich platzen wird, lässt sich aber nicht vorhersagen.

Abgesehen von Interventionen mit zweifelhafter Wirkung: Mit welchen weiteren Massnahmen könnte denn die US-Wirtschaft gesunden? Kurzfristig ist der fiskalpolitische Spielraum sehr beschränkt. Vor der Präsidentschaftwahl herrscht zudem eine politische Pattsituation; die Fronten sind verhärtet. Steuersenkungen sind zurzeit kein Thema – von dieser Seite her wird die Konjunktur also nicht stimuliert. Zudem ist die Schuldenobergrenze bald erreicht, und gewisse Konjunkturmassnahmen laufen bald aus. Werden diese nicht verlängert, droht eine erhebliche Bremswirkung. Insgesamt muss sogar befürchtet werden, dass die US-Wirtschaft statt sich zu erholen in eine Rezession rutschen wird. Die Ankündigung des Fed ändert nicht viel an dieser Situation.

Der heutige Entscheid der US-Notenbank war mit Spannung erwartet worden. Welche Folgen hätte es gehabt, wenn das Fed keine weiteren geldpolitischen Massnahmen angekündigt hätte? Obwohl viele Experten damit gerechnet hatten, waren Reaktionen auf den Märkten spürbar. Nicht die Ankündigung selber, sondern die Wortwahl hat die Reaktionen ausgelöst: Das Fed wird selbst dann noch eine expansive Geldpolitik betreiben, wenn sich die Wirtschaft bereits erholt hat – das ist ein starkes Votum.

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