Zum Hauptinhalt springen

Die schwindelerregenden Schwankungen der SNB

Die Nationalbank hat heute ein Rekordergebnis bekannt gegeben: 38 Milliarden Franken Gewinn fielen im abgelaufenen Jahr an. Fürs Jahr 2015 sind diverse Szenarien möglich.

Der Gewinn der Nationalbank ist zunehmenden Schwankungen unterworfen. Das zeigt der Blick auf die vergangenen 25 Jahre (siehe Grafik oben). Zwischen 1990 und 2004 lag das Jahresergebnis der Nationalbank nur selten über 5 Milliarden Franken (das Jahr 2000 war eine Ausnahme, weil dort die Bewertungsmethode beim Gold umgestellt wurde). Der höchste Verlust aus dieser Ära datiert aus dem Jahr 1995, er betrug damals 1,6 Milliarden Franken.

In der jüngeren Vergangenheit hat sich das Bild geändert. Der Gewinn der Notenbank ist volatiler geworden, wie es im Jargon heisst. 2010 resultierte ein Rekordverlust von 19,1 Milliarden Franken: Es war ein Jahr, in dem sich der Franken gegenüber Währungen wie dem Euro, aber auch dem Dollar stark aufwertete. Die neuste Zahl wurde heute vermeldet. Im abgelaufenen Jahr fiel gemäss Grobangaben der SNB ein Gewinn von 38 Milliarden Franken an – eine Zahl, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt.

Günstige Börsenkurse

Wie erklärt sich dieser Rekord? Mehrere Faktoren haben das Ergebnis in die Höhe getrieben.

Zunächst die Erträge auf den Wertpapieren im SNB-Devisenportfolio. Diese Erträge fallen an, weil die Nationalbank keine Euros oder Dollars in Cash hält, sondern die Fremdwährungen hauptsächlich in Form von Obligationen und Aktien aufbewahrt. Diese Wertschriften warfen 2014 total 9 Milliarden Franken an Zins- und Dividendenerträgen ab. Diese Summe ist im Vergleich zur Zeit vor der Finanzkrise grösser geworden, weil die Devisenreserven der Nationalbank angewachsen sind.

Ein anderer Posten waren die Kursgewinne auf diesen Wertschriften. Im abgelaufenen Jahr lagen sie bei 13 Milliarden Franken. 2014 war für Anleger generell ein gutes Jahr: Sowohl der Kurs von Anleihen als auch jener von Aktien ist an der Börse angestiegen. Das muss nicht immer so sein: Anders als die Wertschriftenerträge können die Kursgewinne der Anleihen und Obligationen im Portfolio der SNB auch negativ ausfallen, sprich, es kann Bewertungsverluste auf diesen Wertpapieren geben.

Auch die zwei restlichen Posten sind abhängig von den Kursen am Finanzmarkt. So etwa die Fremdwährungskurse: Das Erstarken des Dollars führte 2014 dazu, dass die in Schweizer Franken bewerteten US-Wertpapiere bei der SNB massiv an Wert gewannen. Dies im Gegensatz zu den Europapieren, die an Wert verloren. Unter dem Strich sorgten Währungseffekte bei der Nationalbank so für ein Plus von rund 12 Milliarden Franken. Schliesslich resultierte auch beim Gold ein Bewertungsgewinn von 4 Milliarden Franken.

Der Gewinn bleibt volatil

Eine fast unumstössliche Weisheit unter Finanzanlegern ist, dass man zum heutigen Zeitpunkt nie weiss, in welche Richtung sich die Kurse morgen entwickeln. So bleibt auch beim Ergebnis, das die Nationalbank in den kommenden Jahren erzielen wird, vieles möglich. Verschiedene Szenarien zeigen die Dimensionen auf, innerhalb derer auch 2015 Gewinne oder Verluste anfallen könnten.

  • Alle Kurse bleiben gleich. In diesem Szenario fallen nur die Erträge aus den Aktien und Anleihen im Depot der SNB ins Gewicht. Die beste Schätzung dafür sind die Erträge aus dem vergangenen Jahr, sie beliefen sich auf 9 Milliarden Franken. So hoch wäre dann Ende Jahr auch der Gewinn der Nationalbank.
  • Die Börse sackt ab. Dies könnte etwa der Fall sein, wenn die globale Wirtschaft dieses Jahr unter Erwarten schlecht läuft. Auch eine Zinserhöhung in den USA könnte zu Verlusten auf diversen Wertpapierklassen führen. Aufs SNB-Ergebnis würde sich das grob geschätzt so auswirken: Ein Absinken der Anleihenkurse um 5 Prozent könnte über 20 Milliarden Franken an Bewertungsverlusten auslösen, ein Absinken der Aktienkurse um 10 Prozent würde etwa 8 Milliarden Franken an Verlusten bedeuten. Unter dem Strich (also inklusive der oben erwähnten Erträge) könnte der Jahresverlust der SNB 2015 unter diesen Vorzeichen zwischen 10 und 15 Milliarden Franken betragen.
  • Anleger flüchten ins Gold. Eine Schwankung des Goldpreises von 20 Prozent wäre im Licht der jüngsten Vergangenheit keine besonders grosse Überraschung. Bezogen auf die SNB würde das einen zusätzlichen Gewinn von etwa 7 Milliarden Franken nach sich ziehen. Das Schlussergebnis läge dann bei etwa 16 Milliarden Franken.
  • Die Euro-Untergrenze wird gesenkt. In diesem Fall würden die Eurowertschriften bei der SNB an Wert verlieren. Gemäss letzten, verfügbaren Zahlen zu den Devisenbeständen könnte das etwa heissen, dass bei einer Absenkung des Mindestkurses von 1.20 auf 1.15 Franken pro Euro ein Verlust von knapp 10 Milliarden Franken anfiele. Das Ergebnis per Ende Jahr würde dann bei null oder knapp darunter liegen.

Die obigen Schätzungen basieren auf eigenen Rechnungen. Sie sind grundsätzlich mit Vorsicht zu geniessen. Erstens ist die Feinaufgliederung der SNB-Anlagen nicht bekannt: Beispielsweise gibt die Nationalbank nur global über die Verteilung ihrer Anlagen auf Aktien und Obligationen Auskunft, schlüsselt diese aber nicht nach einzelnen Währungen auf. Zweitens finden Bewegungen auf dem Finanzmarkt nie isoliert statt: Veränderungen bei einem Parameter (etwa dem Dollar) sind vielfach mit Veränderungen anderer Kurse (zum Beispiel dem Gold) verknüpft. Und drittens besteht – wie bereits angetönt – eine fundamentale Unsicherheit darüber, was auf dem Finanzmarkt überhaupt möglich ist. Die Finanzkrise mit ihren wilden Ausschlägen lässt grüssen.

Was sich mit ziemlicher Sicherheit dennoch sagen lässt, ist, dass die Gewinnzahlen der Nationalbank auch in Zukunft grösseren Schwankungen unterworfen sein werden. Mit Blick auf andere Zentralbanken handelt es sich dabei aber um ein Luxusproblem: Die SNB sammelt, während sie gegen den starken Franken kämpft, tendenziell Devisen an. Das kann in manchen Jahren auch zu buchhalterischen Verlusten führen. In Ländern wie Russland ist dies derzeit ganz anders. Die Devisenreserven der russischen Zentralbank schmelzen momentan dahin, weil sie zur Stützung des Rubels gebraucht werden. Dass im Zuge der russischen Währungskrise sogar Bewertungsgewinne bei der Zentralbank anfallen, ist angesichts der katastrophalen Wirtschaftslage ein schwacher Trost.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch