Tourist als Staatsfeind Nummer 1

Barcelona und die Touristen – das ist ein schwieriges Verhältnis. Eine neue Steuer soll es nun richten. Auch andere Städte wehren sich gegen den Massentourismus.

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Billigere Hotels, weniger Menschenmassen, mehr Ruhe und Beschaulichkeit: Der kluge Tourist reist nach Möglichkeit in der Nebensaison – wenn es denn eine solche gibt. In Barcelona, so klagen seit einiger Zeit Anwohner und Politiker, sei das schon lange nicht mehr der Fall. «Es gibt hier keine Haupt- oder Nebensaison mehr. Die Infrastruktur ist das ganze Jahr überlastet durch den Massentourismus, der die historischen Quartiere komplett entstellt hat», klagt Joan Balañach, Mitglied eines Bürgervereins in Barcelona, in der Zeitung «Le Temps».

Barcelona und die Touristen, das ist eine zusehends konfliktgeladenere Beziehung. Zwischen 1990 und 2014 hat sich die Zahl der Touristen fast verfünffacht, von 1,7 auf 7,9 Millionen. Diese anschwellenden Besucherströme haben in den letzten Jahren einerseits viel Geld in die Stadt gebracht. 13,9 Milliarden Dollar jährlich sind es laut dem niederländischen Tourismusprofessor Greg Richards, 100’000 Jobs hängen demnach von der Tourismusindustrie ab. Andererseits wächst der Unmut in der Bevölkerung über die Folgen dieses Booms: Sie klagt über Lärm, Abfall und überfüllte Strassen.

«Ein unbewohnbarer Ort»

Barcelonas Bürgermeisterin Ada Colau teilt diese Sorgen. Bereits kurz nach ihrer Wahl letzten Sommer kündigte sie an, die Besucherströme eindämmen zu wollen. Denn der Tourismus mache Barcelona für die 1,7 Millionen Ansässigen zu einem unbewohnbaren Ort. Im Juli 2015 erliess die Stadt ein zwölfmonatiges Moratorium für neue Touristenunterkünfte. Seither hat kein Hotel eine Lizenz für neue Betten bekommen. Und vor wenigen Tagen erst lancierte die Stadträtin Gala Pin die Idee einer neuen Tourismussteuer: Sie fordert, dass nicht nur Übernachtungsgäste eine Steuer bezahlen müssen, sondern auch solche, die nur einen Tag lang in der Stadt verweilen. Das würde unter anderem die Gäste treffen, die per Kreuzfahrtschiff oder Bus für einen Tagestrip nach Barcelona kommen.

Die nackten Italiener waren zu viel: Der Auftritt dieser Touristen sorgte vor zwei Jahren für Demonstrationen in Barcelona.

Auch auf Onlineplattformen wie Airbnb hat es Ada Colau in ihrem Kampf gegen die Touristenmassen abgesehen. Laut einer Studie des spanischen Tourismusinstituts Exceltur werden über solche Plattformen mehr als 130’000 Zimmer in Privatwohnungen vermietet. Im letzten Dezember verhängte die Stadt eine Busse von 60’000 Euro gegen die Websites Airbnb und Homeaway wegen der Bewerbung von Apartments, die nicht im katalonischen Tourismusregister eingetragen sind. Für dasselbe Vergehen war Airbnb schon 2014 mit 30’000 Euro gebüsst worden.

Bussen bis zu 100’000 Euro in Berlin

Nicht nur Barcelona setzt neuerdings auf harte Sanktionen gegen die Betreiber von illegalen Ferienwohnungen. Auch die Stadt Berlin will sie verfolgen und härter bestrafen. 2014 hat das Verwaltungsgericht Berlin die dauerhafte Vermietung von Wohnungen an Touristen verboten. Am 1. Mai endete die zweijährige Übergangsfrist. Seither können die Berliner Behörden Bussen von bis zu 100’000 Euro erteilen, wenn Mietwohnungen ohne Sondererlaubnis gegen Geld als Ferienwohnung angeboten werden. Auch in Berlin sollen mit solch drastischen Massnahmen die negativen Folgen des Tourismus bekämpft werden. Denn das Vermarkten von normalen Wohnungen treibe die Mieten nach oben und verknappe den Wohnraum. Für wen genau das Verbot nun gilt, ist zwar nicht ganz klar. Trotzdem hat Airbnb scheinbar bereits darauf reagiert: Laut Recherchen der «Zeit» hat die Plattform vielen Gastgebern von sich aus gekündigt.

Auch in Amsterdam sind die Touristenströme Fluch und Segen zugleich. Laut «Le Temps» versucht die niederländische Hauptstadt das Problem allerdings auf andere Art zu lösen – indem sie die Zahl der Festivals reduzieren will. Derzeit seien es 300 pro Jahr. Der berühmte italienische Nationalpark Cinque Terre wiederum will künftig eine Besucherlimite von 1,5 Millionen pro Jahr erlassen. Letztes Jahr besuchten ganze 2,5 Millionen Touristen den Küstenstreifen im Norden Italiens – zu viele, befanden die Bewohner der idyllischen Fischerdörfer. Sie riefen eine Onlinepetition ins Leben: «Rettet die Cinque Terre vor dem Massentourismus». Besucher sollen sich nun künftig im Internet ein Ticket kaufen müssen.

Ein Blick auf die europäischen Tourismusstatistiken zeigt allerdings: Es sind nicht die meistbesuchten Städte, die sich am lautesten über den Fremdenverkehr beklagen. Die grösste Zahl an Besuchern verzeichnen London, Paris und Rom. Dass die Probleme dort weniger ausgeprägt scheinen, habe zwei Gründe, sagt der Tourismusexperte Urs Wagenseil von der Hochschule Luzern (HSLU): «Einerseits waren Städte wie Paris und London schon immer extrem international, der Tourist fällt viel weniger auf und stört deshalb wohl auch weniger. Andererseits gelingt die räumliche Verteilung der Gäste dort besser.» In Barcelona hingegen konzentrierten sich die Hauptattraktionen – die Sagrada Familia, La Rambla oder der Hafen – auf einen relativ engen Raum. «Das führt zu einer regelrechten Massierung der Gäste.» Insofern sei Barcelona mit Luzern vergleichbar, wo sich die Sehenswürdigkeiten um den Schwanenplatz und das Seebecken gruppieren – und wo letzten Sommer ebenfalls eine heftige Debatte über die Nachteile des Tourismus geführt wurde.

Neue Steuern wie jene, die in Barcelona für Tagestouristen erhoben werden soll, würden das Problem aber kaum lösen, glaubt Wagenseil. Viel zu kompliziert wäre ihre Umsetzung. «Die Politik sollte eher versuchen, die Einheimischen für die Mechanismen und Vorteile des Tourismus zu sensibilisieren. Immerhin ist er ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.05.2016, 14:20 Uhr

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