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Der letzte Strohhalm für Griechenland?

Konservative Ökonomen schlagen eine offene Währungsunion als Rettung für Griechenland vor. Andere halten ein geordnetes Insolvenzverfahren und einen Schuldenerlass für unabwendbar.

Demonstration am Marathon: Anhänger der rechtspopulistischen Partei Unabhängige Griechen im  Panathenaen-Stadion. (11. November 2012)
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AFP
Unter Druck: Premier Samaras (r.) und Finanzminister Stournaras beraten das Budget 2013, ...
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AFP
...immer wieder kommt es in den Strassen Athens zu Krawallen. (7. November 2012)
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AFP
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Die Situation in Griechenland ist unhaltbar geworden. Das Bruttoinlandprodukt ist innerhalb von drei Jahren um 20 Prozent geschrumpft, die Arbeitslosigkeit ist 39 Monate in Folge gestiegen und hat dramatische Ausmasse erreicht: 58 Prozent der griechischen Jugendlichen haben keinen Job. Die politische Situation erinnert an die Weimarer Republik der 1930er-Jahre: täglich Demonstrationen und Strassenschlachten. Kommunisten und Faschisten sind im Aufwind. Es ist unvorstellbar geworden, dass sich Griechenland aus eigener Kraft aus der Misere befreien kann. Was aber sind mögliche Lösungen?

Konservative Kreise in Deutschland liebäugeln mit einem Teilaustritt Griechenlands aus dem Euro. Hans-Werner Sinn plädiert in seinem Buch «Die Target-Falle» für eine «offene Währungsunion». Das bedeutet konkret: Die Einheitszone wird aufgeteilt in reguläre Mitglieder und assoziierte. Diese befinden sich im EWS II. EWS steht für Europäisches Währungssystem. Diese sogenannte «Währungsschlange» gab es schon, bevor der Euro kreiert wurde. Die Zentralbanken der Mitgliedstaaten dieses Systems hatten sich verpflichtet, die Währungen innerhalb einer vorgegebenen Bandbreite zu halten.

Trainingslager für Eurokandidaten

Mit der Einführung des Euro wurde das ursprüngliche EWS überflüssig. Es wurde durch das EWS II abgelöst. Dieses System gilt als Übergangslösung für Länder, die sich dem Euro anschliessen wollen, es ist eine Art Trainingslager. Die Mitglieder des EWS II verpflichten sich ebenfalls, den Kurs ihrer nationalen Währung stets in einer Bandbreite von 15 Prozent zu halten. Derzeit befinden sich Dänemark, Lettland und Litauen in dieser Mini-Schlange.

In einer offenen Währungsunion könnte Griechenland ebenfalls seine Vollmitgliedschaft im Euro mit einer Teilmitgliedschaft im EWS II eintauschen. Das würde bedeuten, dass die Griechen zur Drachme zurückkehren, deren Kurs zum Euro neu fixieren und sich danach verpflichten würden, diesen Kurs in der abgemachten 15-Prozent-Bandbreite zu halten. Der Euro könnte weiter in Griechenland als eine Art Parallelwährung zirkulieren. Sobald sich die Wirtschaft erholt hat, dürfte Griechenland wieder ein vollwertiges Mitglied des Euroclubs werden.

Eine zum Scheitern verurteilte Theorie

So weit zur Theorie. In der Praxis hat das EWS II kaum Chancen. Politisch ist eine Mini-Währungsschlange hoch riskant. Es würde mit grösster Wahrscheinlichkeit sofort zu einem Dominoeffekt kommen: Portugal würde gedrängt, ins Trainingslager EWS II abzusteigen, aber bald auch Spanien und Italien. «Und danach würde die Verunsicherung der Märkte sehr bald Frankreich und Belgien erfassen», stellt Peter Bofinger in seinem Buch «Zurück zur D-Mark?» fest. «Am Ende müsste Deutschland entweder auch Frankreich ziehen lassen oder aber, ganz auf sich gestellt, ein gewaltiges Rettungsprogramm für Frankreich finanzieren.» Zudem ist der Vorschlag ganz offensichtlich scheinheilig: Kein Mensch glaubt daran, dass ein in das EWS II relegiertes Griechenland jemals wieder den Aufstieg in den richtigen Euroclub schaffen würde.

Griechenland ist pleite und braucht – wie jedes bankrotte Unternehmen oder jeder bankrotte Privathaushalt – ein geordnetes Insolvenzverfahren. Das fordert der «Economist» in seiner neuesten Ausgabe. Am Anfang eines jeden Verfahrens steht jedoch ein Schuldenerlass. Das ist im Fall Griechenland schneller gesagt als getan, denn mehr als 70 Prozent der griechischen Schulden befinden sich mittlerweile in öffentlichen Händen, will heissen: bei den anderen Staaten oder beim IWF.

Politisch verständlich, wirtschaftlich eine Katastrophe

Die Politiker, die noch vor kurzem die privaten Gläubiger zu einem Schuldenerlass genötigt haben, scheuen davor zurück, sich selbst die gleiche Medizin zu verordnen. Das würde nämlich bedeuten, endlich den Wählern reinen Wein einzuschenken und zuzugeben, dass das Geld verloren ist. Stattdessen verordnen sie den Griechen weiterhin Austeritätsdiäten und hoffen auf ein Wunder. «Politisch ist das verständlich», stellt der «Economist» nüchtern fest. «Wirtschaftlich ist das eine Katastrophe.»

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