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Der kühle Kopf hinter dem Rettungsschirm

Vor 16 Monaten übernahm der den Job. Mit der Angst, er könnte zu langweilig sein. Mittlerweile hat Klaus Regling, Chef des europäischen Rettungsfonds, mehrere krisengeschüttelte Staaten vor dem Bankrott gerettet.

Hatte am Anfang nur fünf Mitarbeiter: Der Chef des Euro-Rettungsschirm Klaus Regling in Luxembourg. (Archivbild)
Hatte am Anfang nur fünf Mitarbeiter: Der Chef des Euro-Rettungsschirm Klaus Regling in Luxembourg. (Archivbild)
Keystone

Aus seinem kargen Büro im zweiten Stock eines Büro-Glaskastens an der Avenue Kennedy in Luxemburg blickt Klaus Regling auf ein Kino. Aus einem der Kino-Fenster bleckt ein Hai aus Pappmaschee Regling seine spitzen Zähne entgegen. Es ist kaum zu vermuten, dass sich der Chef des Rettungsfonds davon einschüchtern lässt. Regling (61) ist ein kühler Kopf, der den EFSF mit ruhiger Hand zu einem immer leistungsstärkeren Feuerlöscher gegen die Brandherde der Schuldenkrise ausbaut.

Und doch drängen sich beim Blick auf das Lichtspieltheater Parallelen auf. Täglich gibt es neue Horrorszenarien, hüben wie drüben. Und der Name des Kinos, Utopolis, erinnert daran, dass der Rettungsfonds selbst aus einer Art Utopie geboren wurde. Kalin Anev, EFSF-Generalsekretär und Mitarbeiter der ersten Stunde: «Die ganze Idee war, dass allein die Existenz des Schirms die Märkte beruhigen würde, dass er nie genutzt würde und die Krise 2013 vorüber sei.»

Auch Regling hielt das für möglich. An einem späten Abend Anfang Juni vergangenen Jahres erhält er einen Anruf aus der tagenden Eurogruppe. Ein Finanzminister, vermutlich der deutsche, fragt nach, ob Regling Interesse an dem EFSF-Chefposten habe und gleich am nächsten Morgen in Brüssel vorsprechen wolle. Der zögert nur kurz, und am nächsten Mittag kommt das Jobangebot, am Abend sagt der Lübecker Finanzfachmann zu. Mit mulmigem Gefühl: «Ich hatte die Sorge, dass es vielleicht zu langweilig wird.»

Und dann kam Irland

Blickt man heute zurück, dann wirkt die Sorge oder Hoffnung von damals naiv. Der EFSF ging zunächst mit vier Beschäftigten an den Start, plus Sekretärin. Ein Eintrag bei der Luxemburger Handelskammer, ein paar Büroräume mit dunkelblauem Teppich, eine Kaffeemaschine der Schweizer Marke Jura. Das war der EFSF im August 2010. Und der sollte die globalen Finanzmärkte einschüchtern. Gut gebrüllt Löwe.

Dass der Job doch etwas spannender werden würde, das zeigte sich schon im Herbst: Irland musste Milliarden in sein marodes Finanzsystem pumpen, überhob sich, und griff als erstes Land nach den EFSF-Milliarden. Schon war der unerwartete Ernstfall eingetreten. Im Eiltempo wurde sichergestellt, dass der EFSF für seine Anleihen auch die höchste Kreditwürdigkeit erhielt. Wegen der Anforderungen der Ratingagenturen schmolz die Ausleihsumme von den geplanten 440 auf effektive 250 Milliarden Euro zusammen.

Und doch gelang es Regling auf einer Werbetour rund um die Welt, Investoren für die ersten Anleihen des noch unbekannten EFSF zu gewinnen. Tag der Wahrheit ist der 25. Januar: Man sitzt gespannt bei der Finanzagentur in Frankfurt, die die Kreditaufnahme für den Fonds abwickelt. «Und dann kam die Erfolgsnachricht», sagt Regling, und wirkt noch heute erleichtert. «500 Investoren boten 45 Milliarden Euro, dabei haben wir nur fünf Milliarden Euro aufgenommen.» Das in Plexiglas gerahmte Zertifikat der historischen Anleihe steht heute auf dem Tisch im schnörkellosen Empfangszimmer wie ein Pokal.

Von wegen eingefriedet

Der Glaube an die ursprüngliche Utopie, dass sich der EFSF bald selbst überflüssig gemacht haben werde, war damals schon erschüttert. Berlin pochte auf eine Einbeziehung von Banken und Fonds an künftigen Rettungsaktionen. Und so wurde die Arbeit an einem permanenten Rettungsschirm (ESM) aufgenommen, der aus dem EFSF hervorgehen und Staatsinsolvenzen ermöglichen soll. Aber selbst, als dann im Frühjahr Portugal an den Eurotropf gelegt werden musste, hielt Regling seinen Rettungsschirm noch für ein Erfolgsmodell: Mit dem bilateralen Kreditprogramm für Griechenland und mit den EFSF-Paketen für Dublin und Lissabon seien nun alle Brandherde der Eurozone «eingefriedet», hoffte er im April.

Zuversicht verbreiten, Vertrauen bilden, und hinter verschlossenen Türen an den kniffligen Lösungen für die ständig neuen Aufträge arbeiten: Das ist der Job Reglings und seines Teams. Und der wird von Tag zu Tag heikler. Denn natürlich ist die Einfriedung der Brandherde längst nicht abgeschlossen. Jetzt ist sogar Frankreich ins Visier der Finanzmärkte geraten. Und der erste Hilferuf aus Paris galt, natürlich, dem EFSF. Doch wenn der auch Frankreich auffangen muss, dann werden selbst die aufgestockten 780 Milliarden Euro nicht reichen. Dann muss ein Finanzhebel her, um das Volumen zu vervielfachen. Und selbst dann könnte das Geld ausgehen. Deswegen sollen beim EFSF jetzt noch neue Sonderfonds angedockt werden, in die Chinesen, Inder oder Norweger einzahlen, um die Eurozone über Wasser zu halten.

Wird es den Mitarbeitern manchmal unheimlich, dass Gedeih oder Verderb der Eurozone nun plötzlich in ihren Händen liegen? Hat die Gruppe von inzwischen knapp zwanzig Experten noch keine Panikattacken? «Nein, nein, mein Gott, das nicht», sagt Finanzfachmann Juha Kilponen. «Aber die Probleme sind schon echt gross. Es ist eine Herausforderung, in der Mitte des Sturmes zu stehen.» Und wenn er mit Freunden und Bekannten über seinen Job rede, «dann wünschen mir alle von Herzen viel Erfolg», fügt Generalsekretär Anev hinzu. Beschimpfungen, der EFSF versänke Steuermilliarden, will noch keiner der beiden vernommen haben.

Sofort wieder raus geschickt

Auf den Fluren unter den schnöden Alurostdecken, in der kleinen Küche oder im Konferenzraum mit den zwölf Stühlen ist von dem enormen Druck nicht viel zu spüren. Wohl aber in Reglings Büro. Kaum Platz genommen, wird man schon wieder hinausgeschickt: Ein dringender Anruf auf dem Handy, der nicht mitgehört werden darf. Denn ungare Nachrichten über Pläne für Finanzhebel oder den Schuldenschnitt für Athen würden die Buschfeuer der Eurozone gleich wieder anfachen. Und vor dem Euro-Gipfel von morgen ist die Dramatik besonders hoch. Denn die Zukunft von Euroland hängt davon ab, wie rasch und effektiv Reglings Team die Brandmauern hochziehen kann. Oder ob ihnen das Löschwasser ausgeht.

Regling selbst, der sieben Jahre lang die Finanzdirektion der EU-Kommission leitete und davor Bundesfinanzminister Theo Waigel diente, gibt sich unerschrocken. Es sei ja in den vergangenen beiden Jahren «wirklich viel getan worden», beschwört er. Sparbemühungen, das Hochsetzen des Renteneintrittsalters in mehreren Euroländern, die Schärfung des Stabilitätspaktes... Nach der Krise werde Europa «ziemlich gut dastehen». Aber wann? Wann ist es endlich soweit? «Nun, das ist ja das Charakteristikum einer Krise: Keiner erwartet es mehr, und plötzlich beruhigt sie sich dann.»

Derzeit stehen die Signale auf Zuspitzung. Und das macht den EFSF sexy. Als Utopie gestartet, wird der Regling-Schirm zum Europäischen Währungsfonds ausgebaut. An der Avenue J. F. Kennedy ist man darüber gar nicht so betrübt. Büro-Reserven sind vorhanden, auch, nachdem die Personalstärke bis Jahresende auf 25 hochgefahren sein wird. Die Branche geht jedenfalls fest davon aus, dass der EFSF eine spannende Zukunft hat. Das zeigt sich am Gerangel um die Jobs: Bis zu 400 Bewerbungen zählt Generalsekretär Anev für jede neue Stellenausschreibung.

dapd/wid

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