Der Kanton Bern steht relativ gut da

Prognostiker rechnen für die Schweiz für 2012 mit steigenden Arbeitslosenzahlen. Die Wirtschaftsregion Bern dürfte weniger stark betroffen sein.

Bern zählt in absoluten Zahlen die meisten Industriearbeitsplätze aller Kantone.

Bern zählt in absoluten Zahlen die meisten Industriearbeitsplätze aller Kantone.

(Bild: Manu Friederich)

Seit Jahren ungeschlagen an der Spitze des Sorgenbarometers der Credit Suisse steht die Arbeitslosigkeit. Jeder zweite Befragte hat Angst davor, die Arbeit zu verlieren. Die jüngsten Arbeitslosenzahlen und die düsteren Aussichten für den Schweizer Arbeitsmarkt dürften diese Ängste zusätzlich schüren. So rechnet das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) bei der Arbeitslosenquote mit einem Höchststand Ende kommenden Jahres von 3,9 Prozent. Das würde bedeuten, dass in der Schweiz rund 160'000 Personen ohne Arbeit wären – 40'000 mehr als heute. Die Frage drängt sich auf: Was bedeuten diese schweizweiten Prognosen für den Kanton Bern? Haben auch Berner Grund, sich zunehmend Sorgen um ihre Stelle zu machen?

Die nachlassende Konjunktur hat in den vergangenen zwei Monaten erste Spuren bei den Arbeitslosenzahlen hinterlassen. Die Quote stieg leicht an – auf 3,1 Prozent im November. Was für den schweizweiten Arbeitsmarkt gilt, bestätigt Adrian Studer, Leiter Berner Wirtschaft (Beco), auch für den Kanton Bern. Neben den saisonalen Effekten habe auch die schwächelnde Konjunktur zur höheren Quote beigetragen. Die gute Nachricht: Im Kanton Bern ist die Quote mit 2,1 Prozent eine der tiefsten in der Schweiz. Sie liegt jeweils rund ein Prozentpunkt unter dem nationalen Durchschnitt. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Stabilisierende Effekte

Die Wirtschaftsstruktur im Kanton Bern ist im Vergleich mit anderen Wirtschaftsräumen stabiler. Das hat vor allem mit der öffentlichen Verwaltung zu tun. Deren Arbeitsplätze sind weniger abhängig von konjunkturellen Schwankungen. Die Kehrseite: In Hochkonjunkturphasen wirkt das bremsend. Auch der Landwirtschaftssektor – überdurchschnittlich vertreten im Emmental und Oberland – wirkt, abgesehen vom Strukturwandel, stabilisierend.

Die Grösse des Kantons bringt auch einen gewissen Ausgleich. Jede der fünf Verwaltungsregionen des Kantons hat ein eigenes wirtschaftliches Profil.

• Die Region Bern-Mittelland ist neben der öffentlichen Verwaltung vom Gesundheitswesen und von Dienstleistungen für Unternehmen wie dem Personalverleih geprägt. • In der Verwaltungsregion Emmental-Oberaargau ist der Maschinenbau überdurchschnittlich vertreten. • Im Oberland liegt die Zahl der Beschäftigten in den tourismusnahen Branchen deutlich über dem kantonalen Durchschnitt. • Im Berner Jura und im Seeland haben Metall-, Präzisions- und Uhrenindustrie eine starke Stellung.

Nicht nur auf Europa ausgerichtet

Der Industriesektor vereint ein Fünftel aller Beschäftigten im Kanton Bern (94'000 Beschäftigte, ohne Bau). Vor dem Hintergrund der Frankenstärke steht die Industrie im besonderen Fokus der Marktbeobachter. Das betrifft vor allem die Regionen Berner Jura, Oberaargau-Emmental und Biel-Seeland, denn sie beheimaten die stark exportorientierten Firmen. Der Kanton Bern zählt absolut gesehen die meisten Industriearbeitsplätze aller Kantone. In der jüngsten Betriebszählung aus dem Jahr 2008 stellte sich heraus, dass Bern diesbezüglich den Kanton Zürich überholt hat. Das lässt zunächst keine guten Rückschlüsse für die Berner Wirtschaftsregion zu. Tatsächlich leidet die Maschinen- und Metallindustrie stark unter der Frankenstärke. In Burgdorf etwa gehen 70 Arbeitsplätze verloren: Die Jensen Group, tätig in der Herstellung von Maschinen für Grosswäschereien, konzentriert die Produktion in Dänemark. Adval Tech, Automobilzulieferer in Niederwangen, baute im laufenden Jahr 100 Stellen ab. Andere Firmen entlassen ihre Mitarbeiter nicht, verlängern jedoch bei gleichbleibendem Lohn die Arbeitszeit. Es gibt im Emmental mit der Mopac sogar ein Unternehmen, das die Arbeitszeit jeweils an den durchschnittlichen Eurokurs eines Monats koppelt.

Im Schweizerischen Verband für Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie klagen bereits ein Drittel der Mitglieder, sie befänden sich in der Verlustzone. Adrian Haas, Direktor des Berner Handels- und Industrievereins, hält diese Zahl für den Kanton Bern jedoch für zu hoch.

Tatsächlich gibt es im Berner Jura und im Seeland zahlreiche Industriefirmen mit hoher Spezialisierung, die sich einigermassen gut behaupten können. Sie werden getragen durch die boomende Uhrenindustrie. Die Uhrenexporte wachsen nach wie vor im zweistelligen Bereich. Diese Branche ist stark auf Asien und die arabischen Staaten ausgerichtet, wo die Frankenstärke kein Thema ist.Die Laubscher AG in Täuffelen im Seeland etwa beklagt keine Umsatzrückgänge. Manfred Laubscher, Chef des Zulieferers von Präzisionsdrehteilen, beliefert nicht nur die Uhren-, sondern auch die Medizinalindustrie. «Da läuft es auch gut», sagt er. Aber auch Laubscher spürt den Preisdruck. «Die Hälfte des Umsatzes generieren wir in der Schweiz. Die exportorientierten Kunden wollen von uns einen Eurorabatt.» Auch die Sonceboz SA im Berner Jura verfügt über eine gute Auftragslage. Die 800 Mitarbeiter entwickeln und stellen unter anderem Elektromotoren her. 95 Prozent gehen in den Export. Sonceboz-Finanzchef Paul-Henri Pfister erklärt sich die gute Lage wie folgt: «Wir produzieren hoch innovative Produkte.»

Bernische RAV rüsten kaum auf

Die Auswirkungen der Eurokrise sind auf dem Arbeitsmarkt derzeit noch nicht stark spürbar. Das zeigt sich auch an den Personalverhältnissen in den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) im Kanton Bern. «Wir stocken das Personal nur punktuell auf», sagt Beco-Leiter Adrian Studer. Das gelte auch für die RAV im Berner Oberland. Das erstaunt, denn diese Region gehört zu den bedeutenden Tourismusregionen der Schweiz und ist damit dem starken Franken ausgesetzt.

Trotzdem wird sich die Lage auch für den Kanton Bern im kommenden Jahr verschärfen. In welchem Ausmass, hängt entscheidend davon ab, wie sich der Frankenkurs entwickelt. Beeinflussen wird dies die Frage, ob aus der Schuldenkrise in einigen südeuropäischen Ländern eine europaweite Finanzkrise entsteht. Die Konjunkturforscher korrigieren ihre Prognosen reihenweise nach unten. Viele Unternehmen warten mit Entlassungen zu – sie wollen im Laufe des nächsten Jahres Entscheide fällen. Beco-Chef Studer ist überzeugt, dass die Arbeitslosenquote steigen wird. Er rechnet damit, dass die Auswirkungen der Frankenstärke mit Verzögerung im zweiten und im dritten Quartal durchschlagen werden. «Das hängt auch damit zusammen, dass die Unternehmen die Währungsrisiken teilweise absichern konnten. Das läuft aber aus.» Auch wenn der Kanton Bern – egal wie sich die Konjunktur entwickelt – im Vergleich zur gesamten Schweiz besser davonkommen wird, ist das für den Einzelnen, der entlassen wird, bestimmt kein Trost.

Der Bund

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