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Der grosse Bluff

Der Showdown um die griechischen Staatschulden war vor allem Hype. Weder für die EU noch für die Griechen gibt es echte Alternativen.

Nach der Abstimmung ums Sparpaket spitzt sich die Lage zu: Randalierer kämpfen Sicherheitskräfte. (29. Juni 2011)
Nach der Abstimmung ums Sparpaket spitzt sich die Lage zu: Randalierer kämpfen Sicherheitskräfte. (29. Juni 2011)
Reuters
Der Sachschaden ist gross: In Brand gesetzter Bus. (29. Juni 2011)
Der Sachschaden ist gross: In Brand gesetzter Bus. (29. Juni 2011)
Reuters
Bereits in den Tagen und Wochen zuvor ist es immer wieder zu Protesten gekommen: Demonstration vor dem Parlament in Athen. (26. Juni 2011)
Bereits in den Tagen und Wochen zuvor ist es immer wieder zu Protesten gekommen: Demonstration vor dem Parlament in Athen. (26. Juni 2011)
Keystone
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Aufgezogen wurde die Show in bester Krimi-Manier. Werden die Griechen einem verschärften Sparpaket zustimmen oder nicht, und was, wenn nicht? fragte sich die Welt. Und werden sie dann weiterhin Hilfsgelder von der EU erhalten und wenn nicht, bricht dann das weltweite Finanzchaos aus?

Fingernägel kauend verfolgte man die News. Doch das Ganze war ein gigantischer Bluff – das griechische Parlament winkte das Sparpaket durch. Beide Seiten hatten letztlich gar keine andere Wahl. Und das sind die Gründe:

Würden EU, EZB und IWF Griechenland fallen lassen, dann droht auch ihnen die schlimmste aller Welten, ein chaotischer Staatsbankrott. Selbst die härtesten der Hardliner haben dies inzwischen erkannt. Einer davon ist Axel Weber, ehemaliger Präsident der deutschen Bundesbank und einst Favorit für das Amt des EZB-Präsidenten. Weber ist unter Protest aus der EZB ausgetreten, weil sie griechische Schrottpapiere gegen sichere EZB-Anleihen umgetauscht hat. In seinem ersten Interview nach seinem Rücktritt erklärte er im «Wall Street Journal» nun: «Europa muss sich ernsthaft überlegen, für alle griechischen Schulden zu bürgen. Athens einzige Alternative ist ein chaotischer Bankrott. Das wäre teurer und könnte eine neue Finanzkrise hervorrufen.»

Die Griechen ihrerseits können zwar drohen, ihre Zinszahlungen gegenüber den Gläubigerbanken einzustellen. Doch sie wären selbst die grössten Opfer. «Ein grosser Teil der griechischen Schulden liegt bei den Griechen selbst», erklärte Lorenzo Bini Smaghi, Mitglied der EZB-Geschäftsleitung, kürzlich gegenüber der «Financial Times». «Wenn Griechenland bankrottgeht, dann bricht das griechische Bankensystem zusammen. Es würde dann eine gewaltige Rekapitalisierung brauchen. Nur: Wer würde das bezahlen?»

Die nächste Tranche Hilfsgelder fliesst

So gesehen ist es logisch, dass das griechische Parlament dem neuen Sparpaket zugestimmt hat, wenn auch mit Hängen und Würgen. Damit wird Griechenland die nächste Tranche Geld (12 Milliarden Euro) erhalten und kann sich auch Hoffnung machen, dass Euroland in den nächsten zwei Jahren nochmals rund 100 Milliarden Euro Unterstützungsgelder lockermachen wird. Als Gegenleistung ist die Einheitswährung vorläufig gerettet und dem internationalen Finanzsystem ist ein weiterer «Lehman-Moment» erspart geblieben.

Die wichtigsten Probleme bleiben

Nur: Die wichtigsten Probleme bleiben. Dass Griechenlands Schuldensituation langfristig nicht mehr aufrechtzuerhalten ist, pfeifen inzwischen die Spatzen von den Dächern. Der wachsende Unmut bei den Steuerzahlern und Wählern im Norden Europas über die Hilfe an den Süden verschwindet ebenfalls nicht. Die Finanzmärkte werden weiterhin misstrauisch bleiben, und auch ein Übergreifen einer Panik auf andere Defizitsünder ist deswegen auch noch nicht vom Tisch.

Doch langsam kommt Bewegung in die vertrackte Sache. Bei einem Treffen mit Vertretern der Grossbanken in Rom hat man sich prinzipiell für eine geordnete Lösung ausgesprochen und auch schon konkrete Modelle diskutiert. Es handelt sich dabei um eine adaptierte Version der sogenannten Brady-Bonds. (Alles sehr technisch und äusserst kompliziert– siehe «Never Mind the Markets».) In Deutschland wenden sich prominente Wirtschaftsvertreter mit ganzseitigen Inseraten an die Öffentlichkeit, um die Griechen-Hysterie zu dämpfen. Generell wächst die Einsicht, dass das Problem weder mit Macho-Sprüchen noch mit Schnellschüssen zu lösen ist. Und vor allem: Langsam dämmert es vielen, dass sehr viel auf dem Spiel steht.

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