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Der Adler schlägt zurück

Mit «The German problem» titelte der «Economist» gegen die deutsche Wirtschaftsmacht. Das «Handelsblatt» nahm den Ball dankend auf – und zeigt einen Ausweg.

Stinkefinger (Stinkekralle?) lässt grüssen: Illustration von «Handelsblatt Global» zur Exportüberschuss-Replik.
Stinkefinger (Stinkekralle?) lässt grüssen: Illustration von «Handelsblatt Global» zur Exportüberschuss-Replik.

Mit «Das deutsche Problem» überschrieb letzte Woche das britische Wochenmagazin «The Economist» seine Titelgeschichte, in der es darlegte, warum die anhaltend hohen Leistungsbilanzüberschüsse unseres nördlichen Nachbarlandes schlecht seien für die Weltwirtschaft. Die Ausführungen der Autoren sind weder neu noch originell. Sie folgen der Argumentationslinie, wie sie primär von angelsächsischen Ökonomen seit längerem verfochten wird: Die Exportüberhänge rührten daher, dass die Deutschen zu viel sparen und zu wenig Geld für Importe und Investitionen ausgeben. Aus dieser Perspektive liegt der Schluss nahe, Deutschland allein sei für das aussenwirtschaftliche Ungleichgewicht verantwortlich und solle mit geeigneter Politik für dessen rasche Ausmerzung sorgen.

«The German problem»: So hatte der «Economist» die Debatte lanciert.

Die Vorhaltungen des «Economist» haben nun wieder «Handelsblatt Global», die englischsprachige Ausgabe der deutschen Wirtschaftszeitung, zu einer Replik bewogen. Was dabei aber wohltuend überrascht: Die angelsächsische Kritik an den deutschen Überschüssen wird nicht rundweg zurückgewiesen, und man verlegt sich auch nicht auf die simple (merkantilistische) Rechtfertigung, wonach Exportüberschüsse von globaler Wettbewerbsfähigkeit und Stärke zeugten.

Temporäre Einflüsse am Werk

Die «Handelsblatt»Autoren führen zwei Hauptargumente ins Feld, um die Kritik des «Economist» – aber auch des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) – zu entkräften. Zum einen sei eine Reihe temporärer Faktoren für das Ungleichgewicht im deutschen Aussenhandel verantwortlich. Mit deren nachlassender Wirkung würden sich auch die Exportüberschüsse zurückbilden – ja Letztere könnten sich gar in hohe Defizite verwandeln.

Zum andern müssten die Deutschland-Kritiker zur Kenntnis nehmen, dass sich Volkswirtschaften nicht wie Grosskonzerne «managen» lassen. Die hohen Überschüsse sind in der Sicht von «Handelsblatt Global» nicht Ergebnis bewusst herbeigeführter (wirtschafts-)politischer Weichenstellungen, die sich bei Bedarf wieder rückgängig machen lassen. Stattdessen, so die Autoren, begründeten tagtäglich gefällte individuelle Entscheide von Millionen unabhängiger Wirtschaftssubjekte – etwa zur Verwendung der Einkommen – in ihrer Aggregierung die gesamtwirtschaftliche Entwicklung.

Mit 270 Milliarden Euro – entsprechend 8,3 Prozent der Wirtschaftsleistung – hat Deutschland im vergangenen Jahr den weltweit höchsten Leistungsbilanzüberschuss erzielt. Nach Einschätzung von Christoph M. Schmidt, Vorsitzender der deutschen Wirtschaftsweisen, trugen aber überwiegend befristete Einflüsse zu diesem Ergebnis bei. Als stärksten Faktor nennt Schmidt die ultralockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank, die den Aussenwert des Euro verringert und dadurch die preisliche Wettbewerbsfähigkeit deutscher Exporteure entsprechend begünstigt hat. Eine ähnlich vorteilhafte Wirkung aus deutscher Warte hatte gemäss dem Wirtschaftsprofessor der zwischen 2014 und 2016 dramatisch gesunkene Ölpreis.

Mehr oder klüger investieren?

Den dritten temporären Einfluss sieht Schmidt in der Demografie: Viele Deutsche sparen gegenwärtig für ihren Ruhestand, doch sobald diese Menschen in ein paar Jahren in Pension gehen werden, beginnen sie ihr Angespartes zu konsumieren. Damit werden sie gleichzeitig für vermehrte Importe nach Deutschland sorgen. Nicht zuletzt die absehbare Alterung der Bevölkerung und die daraus erwachsenden fiskalischen Belastungen – geringere Steuereinnahmen bei steigenden Gesundheits- und Pflegekosten – haben die deutschen Regierungen auf Bundes- und Länderebene bewogen, Schuldenbremsen einzuführen und eine restriktive Haushaltspolitik zu betreiben. Man kann dieses Gebaren – und die derzeitigen leichten Überschüsse in der Kasse des Bundes – mit Blick auf die historisch tiefen Zinsen und die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit in Südeuropa als töricht und egoistisch bezeichnen, wie dies der «Economist» tat. In der Optik der meisten Deutschen gilt eine solche Politik hingegen als vorausschauend und wohlüberlegt, wie «Handelsblatt Global» herausstrich.

Einig sind sich die beiden gewichtigen Wirtschaftspublikationen nur in einem: Deutschland muss seine Investitionen steigern, insbesondere im öffentlichen Sektor. Doch bereits jenseits dieser grundsätzlichen Feststellung schimmern bereits wieder die Differenzen durch. Der «Economist» schien höhere deutsche Investitionen primär unter dem Aspekt einer nachfrageseitigen wirtschaftlichen Stimulierung über die Landesgrenzen hinaus zu betrachten. Demgegenüber betonte «Handelsblatt Online», es gehe nicht einfach um mehr Investitionen, sondern um einen klugen Einsatz dieser Mittel. Vielen Deutschen, schrieben die Autoren, komme heute beim Thema öffentliche Investitionen als Erstes der Berliner Flughafen in den Sinn: jenes verpfuschte Bauwerk, das 2006 begonnen wurde, ursprünglich 2010 fertiggestellt sein sollte und nun 2019 den Betrieb aufnehmen soll – woran aber nur noch Optimisten glauben.

Freiwillige Entscheidungen

Ähnlich verhält es sich mit einem zweiten, von angelsächsischen Beobachtern immer wieder genannten Kritikpunkt: den zu geringen Lohnsteigerungen, dank denen der deutsche Exportsektor seine Position auf den Weltmärkten zu festigen vermag. Soll man die Gewerkschaften etwa dafür tadeln, dass sie angesichts eines rekordhohen Beschäftigungsstandes in Deutschland nicht maximale Lohnsteigerungen herauspressen, sondern flexiblere Wochenarbeitszeiten, längere Ferien und eine höhere Arbeitsplatzsicherheit priorisieren? Aus Sicht des «Economist» erscheint somit auch die gewerkschaftliche Politik als egoistisch, weil sie nicht oder zu wenig dazu beiträgt, die deutschen Aussenhandelsüberschüsse einzudämmen.

Genau da macht «Handelsblatt Online» in seiner Entgegnung auf den «Economist» den entscheidenden Punkt: Ausgerechnet eine Publikation, die auf ihr liberales Erbe so stolz sei, lamentiere über selbst gewählte Entscheidungen freier Akteure in einer Wirtschaft, in welcher der Staat gottlob nur beschränkten Manövrierraum habe. «Dies ist der intellektuelle Schwachpunkt an einem Grossteil der heutigen Deutschland-Kritik», bilanzierte Chefredaktor Andreas Kluth.

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