«Das schlechte Gewissen hat zugenommen»

Weniger Schweizer kaufen in Deutschland ein. Wieso das Schweizer Händlern nichts nützt, erklärt Prof. Dr. Thomas Rudolph von der Universität St. Gallen.

Mekka für Einkaufstouristen: Schweizer fahren am liebsten nach Konstanz am Bodensee.

Mekka für Einkaufstouristen: Schweizer fahren am liebsten nach Konstanz am Bodensee. Bild: Keystone

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Geht der Einkaufstourismus zurück?
Nach unseren Zahlen ist es tatsächlich so, es fahren rund drei Prozent weniger Leute über die Grenze. Das Problem aus Schweizer Sicht ist aber, dass diejenigen, die in Deutschland einkaufen, regelmässiger hinfahren und dort mehr einkaufen. Unter dem Strich sieht der Nettoeffekt für die Schweiz darum negativ aus. Wir haben eine Hochrechnung gemacht und sehen wertmässig eine weitere Zunahme des Einkaufstourismus um die zehn Prozent. Das Interessante ist, dass er personenmässig abgenommen hat.

Kann man das mit dem starken Euro erklären?
Das kann damit ein Stück weit zusammenhängen. Es kann auch sein, dass die Innenstädte ständig voll sind und das die Leute stört. Es kann aber auch sein, dass der eine oder andere langsam Gewissensbisse hat.

Gewissensbisse? Aus patriotischer Sicht?
Ja, das schlechte Gewissen hat signifikant zugenommen. Das hat unsere aktuelle, schweizweite Umfrage unter 3000 Befragten ergeben.

Wem gegenüber haben die Schweizer denn ein schlechtes Gewissen?
Gegenüber den Schweizer Detailhändlern. Die Kunden nehmen schliesslich wahr, dass der eine oder andere in Konkurs gegangen ist, beispielsweise im Textilhandel.

«Das Mekka des Einkaufstourismus für die Schweizer ist Konstanz.»

Warum kaufen Schweizer denn überhaupt im Ausland ein?
Das wichtigste Motiv ist der tiefe Preis. Das zweitwichtigste Motiv, da stimmen rund 65 Prozent der Befragten zu, ist die grosse Auswahl. Der dritte Grund ist der Ausflugscharakter, da stimmen knapp 60 Prozent zu. Das Mekka des Einkaufstourismus für die Schweizer ist Konstanz, ein Drittel der Befragten fährt regelmässig dahin. Konstanz verkörpert genau die drei Motive: tiefe Preise, grosses Angebot und das Ferienerlebnis. Knapp 70 Prozent der Schweizer Bevölkerung kaufen ab und zu im Ausland ein und hiervon mehr als 40 Prozent regelmässig. Das sind die Gewohnheitseinkaufstouristen.

Umfrage

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Was kaufen sie ein?
Am häufigsten kaufen sie Drogeriemarktartikel und Lebensmittel. Von ihren Gesamtausgaben für Drogerieartikel geben sie 44 Prozent im Ausland aus. Für die Schweizer Drogeriemarktketten ist das eine Riesenbelastung, aus Kundensicht ist es aber verständlich, weil die Preisunterschiede sehr hoch sind.

Welche Rolle spielt der Onlinehandel?
Der Onlinehandel hat extrem zugenommen. Immer mehr Menschen in der Schweiz kaufen online im Ausland ein, insbesondere auch in der Innerschweiz. Das ist ein Phänomen, das wir in diesem Jahr besonders stark sehen und das wohl weiter zunehmen wird.

«Ein zweiter Dämpfer für den Einkaufstourismus wäre eine Senkung der Freigrenze auf 50 Franken.»

Wann setzte der Einkaufstourismus-Boom ein? Lässt sich das mit dem Fall der Euro-Untergrenze Anfang 2015 erklären?
Der Einkaufstourismus ist eigentlich ein uraltes Phänomen. Es gab auch schon Zeiten, in denen die Österreicher und die Deutschen in die Schweiz gekommen sind, um Schokolade und Nudeln zu kaufen, weil der Schweizer Franken damals wesentlich schwächer war. Mit dem Fall der Euro-Untergrenze im Januar 2015 und der damit einhergehenden 20-prozentigen Aufwertung des Schweizer Frankens hat der Einkaufstourismus in die andere Richtung aber massiv zugenommen.

Wenn sich der Franken weiter abschwächen würde, wäre das ein Grund für den Rückgang des Einkaufstourismus?
Ja. Die kritische Schwelle liegt bei 1.40 Franken. Wenn der Wechselkurs in diese Richtung gehen würde, würden rund 80 Prozent wesentlich weniger im Ausland einkaufen. Ein zweiter Dämpfer für den Einkaufstourismus wäre eine Senkung der Freigrenze auf 50 Franken. Wenn die kommt, dann würden 36 Prozent nicht mehr ins Ausland fahren oder viel seltener.
(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.09.2017, 16:32 Uhr

Deutschland wird teurer

Neben dem Euro-Franken Wechselkurs spielt auch die Entwicklung der Preise eine Rolle für Einkaufstouristen, wie Sascha Jucker von der Credit Suisse erklärt. «In Deutschland ziehen die Preise an. Im August 2017 lagen dort bspw. die Preise von Lebensmitteln wesentlich höher als noch vor einem Jahr (+2.8%). Dasselbe gilt für Kleider/Schuhe (+2.7%) und Produkte zur Körper- und Gesundheitspflege (+1,8%). In der Schweiz stagnieren die Preise im Foodbereich tendenziell, im Non-Food sind sie immer noch leicht rückläufig. Dadurch verringert sich die Preisdifferenz selbst bei konstantem Euro-Franken-Wechselkurs.» Auch er geht allerdings davon aus, dass der Einkaufstourismus – wie bereits nach vergangenen Aufwertungsschüben des Frankens – bei einem konstanten Wechselkurs nur zögerlich zurückgehen wird.

Einkaufstourismus-Studie

Professor Thomas Rudolph und sein Team am Forschungszentrum für Handelsmanagement an der Universität St.Gallen hat schweizweit 3000 Personen zum Einkaufstourismus befragt. Die Studie wird in den nächsten Wochen erscheinen.

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