«Es würde ein paar Tage Unruhe geben»

Ohne Negativzinsen gehts nicht? Ach was! Starker Franken? Dann halt! Ökonom Klaus Wellershoff sagt im Interview, was er für das bisher undenkbare Szenario erwartet.

«Es ist nicht die Aufgabe der Nationalbank, uns vor billigem Einkaufen zu schützen»: Klaus Wellershoff.

«Es ist nicht die Aufgabe der Nationalbank, uns vor billigem Einkaufen zu schützen»: Klaus Wellershoff. Bild: © Christian Grund / 13 Photo

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Herr Wellershoff, die Politik der Nationalbank (SNB) steht zunehmend in der Kritik. Was sagen Sie dazu?
Es fällt auf, dass sich die Politik des SNB-Direktoriums stark von derjenigen aller ihrer Vorgänger unterscheidet. Wir sehen eine sehr extreme Geldpolitik wie noch nie – trotz einem sehr guten Umfeld. Wir haben Vollbeschäftigung, ein starkes Wachstum, auch künftig soll dieses laut Prognosen hoch bleiben, und wir haben eine Inflationsrate im Zielbereich. Trotzdem hält die SNB an Negativzinsen fest. Inflationsbereinigt sind die Zinsen so tief wie niemals in den letzten Jahrzehnten in der Schweiz. Und das hat reale negative Effekte zur Folge: unter anderem bei den Pensionskassen und am Immobilienmarkt. Und man fragt sich, weshalb die SNB eine derart expansive Geldpolitik verfolgen muss.

Weil man dort befürchtet, dass es erneut zu einer zu starken Aufwertung des Frankens kommt.
Das kann immer passieren und ist auch in der Vergangenheit immer wieder passiert. Da hat man in der Regel im Nachhinein reagiert und nicht schon präventiv. Wenn man wegen einer Eventualität permanent eine solch extreme Geldpolitik betreibt, wird sie sich nie ändern. Diese Politik wird gemacht in der Angst, dass in Europa etwas schiefgehen kann. In Europa kann sehr viel schiefgehen. Die Frage ist aber, ob man eine so extreme Geldpolitik aufgrund einer äusserst unsicheren politischen Einschätzung der Zukunft betreiben soll. Diese Einschätzung gab es schon in den letzten 10 Jahren, und sie war bis jetzt falsch.

Wir haben doch gesehen, dass wegen der starken Aufwertung des Frankens besonders die Exportwirtschaft stark gelitten hat.
Ich glaube nicht, dass das stimmt. Wir hatten zwei Aufwertungsschocks – 2011 und 2015. Beide Male ist es nicht zu einer Rezession gekommen. Jeder Ökonom würde unterschreiben, dass das auch wegen der Politik der SNB so war. Aber aktuell haben wir keinen Aufwertungsschock. Im Gegenteil. Es gibt zwar noch eine Überbewertung des Frankens. Aber im historischen Vergleich ist sie eher normal. Die Situation rechtfertigt jedenfalls keine aussergewöhnliche Geldpolitik.

«Der Franken ist nicht stark überbewertet.»

Sie halten also die Überbewertung des Frankens für kein Problem?
Der Franken ist nicht stark überbewertet. Wir sind ja nicht in der Situation wie im Januar 2015, als der Franken 20 Prozent gegenüber den wichtigsten Auslandswährungen aufgewertet hat.

Dass wir keine aussergewöhnlich schwierige Situation mit Überbewertung mehr haben, liegt doch gerade an der aktuellen Politik der SNB mit Negativzinsen und der Bereitschaft zu weiteren Devisenkäufen?
Dann wäre die logische Folge, dass wir für alle Zeiten mit Negativzinsen leben müssen, nur weil sich der Franken möglicherweise wieder aufwerten könnte. Das scheint mir absurd.

Würden die Negativzinsen aufgehoben, würde auch die Zinsdifferenz zur Europäischen Zentralbank schrumpfen. Das würde dem Franken doch Schub verleihen. Diese Zinsdifferenz gab es schon lange.
Ich glaube nicht, dass man nachweisen kann, dass die Zinsdifferenz den Franken stark oder schwach gemacht hat in der Vergangenheit. Zum letzten Aufwertungsschock kam es wegen der Sorgen um die Eurozone. Das hatte mit der Zinsdifferenz nichts zu tun. Wegen 0,5 Prozent Zinsdifferenz geschieht an den Finanzmärkten wenig.

Sie glauben also nicht, dass der Franken sich wieder aufwerten würde, wenn die SNB die Zinsen aus dem negativen Bereich hebt?
Es würde ein paar Tage Unruhe geben. Die Aufgabe der SNB ist es, langfristig das Preisniveau zu stabilisieren. Da haben wir ein Problem. Die Notenbankgeldmenge wurde in der Schweiz sehr viel stärker ausgeweitet als bei den europäischen Nachbarn. Die Bilanz der SNB ist heute fast achtmal so gross wie noch 2007.

«Die Aufgabe der SNB ist es, für Preisstabilität zu sorgen.»

Wenn man aber die Negativzinsen aufhebt, blieben bei einer Aufwertung nur weitere Devisenkäufe. Damit würde die Bilanz noch weiter aufgebläht.
Das unterstellt, dass die zentrale Aufgabe der Notenbank darin besteht, uns vor Wechselkursschwankungen zu beschützen. Das ist nicht ihre Aufgabe. Sie muss für Preisstabilität sorgen. Ein starker Franken sorgt über günstigere Importe für eine sehr tiefe Inflation. Wir konnten Autos günstiger aus dem Ausland kaufen und günstiger dahin reisen. Das sind doch keine schlechten Entwicklungen. Es kam nicht zu einer sogenannten Deflationsspirale mit immer tieferen Preisen und Löhnen.

Aber es gingen viele Arbeitsplätze wegen der Aufwertung verloren. Eine Studie spricht sogar von 100'000 Stellen.
Es ist nicht die Aufgabe der SNB, für Arbeitsplätze in der Schweiz zu sorgen, sondern für Preisstabilität.

Zudem hat die SNB als Zielwert eine Inflation von zwei Prozent. Die Frankenaufwertung hat die Distanz zu diesem Ziel massiv vergrössert, und wir sind noch immer weit davon entfernt.
Es ist auch nicht die Aufgabe der Nationalbank, uns vor billigem Einkaufen zu schützen. Dass eine Aufwertung für ein Jahr lang zu tieferen Importpreisen führt, ist nicht gleichzusetzen mit einer Gefährdung der Preisstabilität.

Dennoch bleibt der Umstand, dass die SNB von ihrem Zielwert von 2 Prozent Inflation weit entfernt bleibt, nach eigener Prognose bei unveränderter Geldpolitik noch für Jahre.
Inflationsprognosen sind immer schwierig. Auch die SNB lag meist falsch. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 09.01.2019, 14:47 Uhr

Nationalbank rutscht 2018 tief in die roten Zahlen

Die heftigen Einbrüche an den Aktienmärkten von Ende Jahr haben deutliche Spuren im Ergebnis der Schweizerischen Nationalbank (SNB) hinterlassen. Die SNB weist für 2018 laut provisorischen Zahlen einen Verlust von rund 15 Milliarden Franken aus, nachdem sie im Jahr davor noch einen Rekordgewinn von 54,4 Milliarden geschrieben hatte. Bund und Kantone können dennoch erneut mit einer Ausschüttung von 2 Milliarden Franken rechnen.

Der hohe Jahresverlust ist zum grössten Teil auf die Fremdwährungspositionen der SNB zurückzuführen, auf denen 2018 ein Verlust von 16 Milliarden Franken resultierte, wie einer SNB-Mitteilung vom Mittwoch zu entnehmen ist. Hier dürfte sich der starke Abschwung der globalen Aktienmärkte bemerkbar gemacht haben. Zudem hat sich der Euro im vergangenen Jahr zum Franken abgeschwächt, während sich im Gegenzug der US-Dollar aufgewertet hat.

Auf dem Goldbestand resultierte derweil ein Bewertungsverlust von 0,3 Milliarden Franken. Mit ihren Frankenpositionen, wo die Nationalbank nicht zuletzt von den Negativzinsen auf Girokontoguthaben profitiert, konnte die SNB einen Erfolg von 2 Milliarden Franken erzielen.

Da das Ergebnis der Nationalbank überwiegend von der Entwicklung der Devisen-, Gold- und Kapitalmärkte abhängig ist, sind starke Schwankungen im Ergebnis die Regel. Der SNB-Rekordgewinn von 54,4 Milliarden Franken aus dem Jahr 2017 war nicht zuletzt auf das damals äusserst günstige Börsenumfeld zurückzuführen.

Der klare Verlust für das abgelaufene Jahr kommt entsprechend nicht überraschend. Bereits für die ersten neun Monate 2018 hatte die Nationalbank einen Verlust von 7,8 Milliarden Franken ausgewiesen. Im vierten Quartal resultierte damit noch ein weiteres Minus von rund 7 Milliarden Franken. Die Ökonomen der UBS hatten im Vorfeld einen SNB-Jahresverlust von 14 Milliarden prognostiziert.

Die Zuweisung an die Rückstellungen für Währungsreserven für 2018 wird laut der Mitteilung rund 5,4 Milliarden Franken betragen. Nach Berücksichtigung der vorhandenen Ausschüttungsreserve von 67,3 Milliarden resultiere ein Bilanzgewinn von rund 47 Milliarden, so die SNB.

Dies ermöglicht eine Dividendenzahlung von 15 Franken pro Aktie, was dem im Gesetz festgesetzten maximalen Betrag entspricht, sowie eine Gewinnausschüttung an Bund und Kantone von 1 Milliarde Franken. Bund und Kantonen steht zudem eine Zusatzausschüttung von 1 Milliarde Franken zu, da die Ausschüttungsreserve nach Gewinnverwendung den Betrag von 20 Milliarden übersteigt.

Der auszuschüttende Betrag von insgesamt 2 Milliarden Franken geht zu einem Drittel an den Bund und zu zwei Dritteln an die Kantone. Nach diesen Auszahlungen wird die Ausschüttungsreserve laut den SNB-Angaben rund 45 Milliarden Franken betragen.

Den ausführlichen Bericht zum Jahresabschluss mit den definitiven Zahlen wird die SNB am 4. März publizieren und den Geschäftsbericht am 21. März 2019. (sda)

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