China belehrt die Schwarzmaler eines Besseren

Trotz der Turbulenzen am Aktienmarkt konnte sich die chinesische Wirtschaft auf ihrem Wachstumspfad halten. Zu verdanken ist dies dem florierenden Dienstleistungssektor.

Chinas Wirtschaft hält sich überraschend gut auf Kurs - chinesischer Bauarbeiter hantiert an einem Gerüst auf einer Baustelle im Zentrum Pekings.

Chinas Wirtschaft hält sich überraschend gut auf Kurs - chinesischer Bauarbeiter hantiert an einem Gerüst auf einer Baustelle im Zentrum Pekings.

(Bild: Reuters Jason Lee)

Robert Mayer@tagesanzeiger

Mit einem realen Zuwachs der Wirtschaftsleistung um 6,9 Prozent im dritten Quartal hat sich China besser gehalten als von den meisten Experten erwartet; sie hatten das Wachstum mehrheitlich auf 6,7 bis 6,8 Prozent veranschlagt. Zugleich offenbart der jüngste Quartalsausweis aber die schwächste Performance der weltweit zweitgrössten Volkswirtschaft seit dem ersten Jahresviertel 2009. In den ersten beiden Quartalen dieses Jahres hatte China ein Wachstum von je 7 Prozent ausgewiesen. Ob das Land die von der politischen Führung gesetzte Vorgabe einer «etwa» 7-prozentigen Steigerung des Ausstosses für das Gesamtjahr noch erfüllen kann, bleibt eine offene Frage. Die Meinungen unter den Beobachtern sind geteilt.

Nachfolgend beleuchten wir die wichtigsten Aspekte zu den chinesischen Wirtschaftszahlen:

1. Trend zu einer «Wirtschaft der zwei Geschwindigkeiten» bestätigt sich

Während der Dienstleistungssektor im Berichtsquartal das Wachstum von real 8,4 Prozent aus dem ersten Halbjahr beibehalten und damit seine Rolle als treibende Kraft der chinesischen Wirtschaft unterstreichen konnte, verlangsamte sich das Tempo im sekundären Sektor (vor allem Industrie, Energie und Bergbau) auf noch 6 Prozent. Überraschend aus Sicht der meisten Experten ist primär Ersteres, beruht doch die hohe Dynamik bei den Dienstleistungen im Wesentlichen auf dem Finanzsektor, namentlich den hohen Kommissionseinnahmen der Wertpapierhändler. Angesichts des scharfen Klimasturzes am chinesischen Aktienmarkt – im dritten Quartal sind die Kurse um durchschnittlich etwa 30 Prozent eingebrochen – hätte man eigentlich einen Bremseffekt im Dienstleistungssektor erwarten dürfen. Dieser erreicht per Ende September einen Anteil von 51,4 Prozent an der chinesischen Wirtschaft, was im Vorjahresvergleich einem Plus von gut 2 Prozentpunkten entspricht; 2001 hatte der Anteil noch rund 41 Prozent betragen.

2. Zunehmend deflationäre Einflüsse in der Industrie

Im September hat der industrielle Ausstoss im Vorjahresvergleich noch um 5,7 Prozent zugelegt – die schwächste Zunahme seit 2008. Belastend wirkten dabei insbesondere die hohen Überkapazitäten bei Produktionsanlagen sowie die rückläufigen Bauinvestitionen, die wiederum eine Folge hoher Leerstände bei Wohnungsbauten in kleineren Städten sind. In diesem schwierigen Umfeld sieht sich die Industrie – von Zement über Aluminium bis hin zu Stahl – mit enormem Preisdruck und schwindenden Gewinnen konfrontiert. Chinas Produzentenpreise sinken mittlerweile seit 43 Monaten in Folge. Dieser deflationäre Druck, der vom weltweit grössten Industriesektor ausgeht, macht sich zunehmend rund um den Globus bemerkbar.

3. Investitionen bleiben hinter den Erwartungen zurück

Mit einem Anteil von 44 Prozent (2014) stellen die Anlageinvestitionen das Rückgrat der chinesischen Wirtschaft dar. Ihre Ausweitung um 10,3 Prozent in den ersten neun Monaten 2015 gegenüber dem Vorjahr bedeutet den geringsten Zuwachs seit 2000; die Experten waren von einem Plus von durchschnittlich 10,8 Prozent ausgegangen. Da und dort wird diese (relative) Investitionsschwäche als Zeichen dafür gewertet, dass die von der Regierung angestrebten Impulse zur Belebung der Wirtschaft noch nicht voll zum Tragen gekommen sind. Seit Januar sind insgesamt über 200 Projekte zum Ausbau des Strassen- und Eisenbahnnetzes sowie der Wasser- und Energieversorgung für umgerechnet über 280 Milliarden Dollar bewilligt worden. Gespannt sein darf man nun, ob Peking unter dem Eindruck einer sich abkühlenden Wirtschaft kurzfristig noch stärker Gegensteuer mit Investitionsprogrammen geben wird. Das würde aber dem erklärten Mittelfristziel widersprechen, die Wachstumsakzente künftig stärker beim Privatkonsum und bei Dienstleistungen zu setzen. Einig sind sich die Beobachter in der Erwartung, dass die chinesische Notenbank in absehbarer Zeit weitere Schritte zur Lockerung ihrer Geldpolitik bekannt geben wird.

4. Zweifel über Chinas Statistiken sind nicht geringer geworden

Dass sich die Wirtschaft des Riesenreichs trotz vorausgegangener Negativnachrichten, wie zuletzt der stark geschrumpften Importe, im Berichtsquartal widerstandsfähiger gezeigt hat, als weithin erwartet wurde, dürfte die Diskussion über die Verlässlichkeit chinesischer Wirtschaftszahlen neu befeuern. In Analystenkreisen hält sich die Einschätzung hartnäckig, dass China in Tat und Wahrheit nur noch mit einer jährlichen Rate von 4 bis 6 Prozent wachse und die ausgewiesenen Daten aus «übergeordneten» Gründen von den Behörden geschönt würden. Gestützt werden solche Behauptungen mit Verweis auf ausgewählte Statistiken, die politischen Einflüssen weniger ausgesetzt sind. Dazu zählen etwa die Industrieproduktion, die Erzeugung von Elektrizität oder die mit der Bahn beförderten Frachtmengen. Dem wird von chinesischen Offiziellen entgegengehalten, mit dem wachsenden Gewicht des Dienstleistungssektors würden ebendiese Daten an gesamtwirtschaftlicher Aussagekraft verlieren, weil sie sich primär auf den schrumpfenden Industriebereich bezögen. Solange die Pekinger Führung keine Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung gemäss internationalen Standards publiziert, dürfte die Debatte über die Güte ihrer Daten kaum abflauen.

DerBund.ch/Newsnet

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