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Briten haben den «Panik-Knopf» gedrückt

Grossbritannien und die Schweiz sind in der Eurokrise beide zur Rolle des betroffenen Zuschauers verdammt. Doch der Platz der Briten ist sehr viel unbequemer.

Es sieht zunehmend düster aus: Sitz der Bank of England in London.
Es sieht zunehmend düster aus: Sitz der Bank of England in London.
Keystone

Die Notenpresse anzuwerfen, um der Wirtschaft zu helfen: Das sei die letzte Gefechtsposition verzweifelter Regierungen, wenn alle anderen Optionen fehlgeschlagen sind. So griff George Osborne damals die Labour-Regierung an, als er noch in der Opposition war. Heute ist er britischer Finanz- und Wirtschaftsminister in einer konservativen Regierung, die selbst auf der letzten Gefechtsposition zu stehen scheint. Die Massnahmen, die er damals verurteilte, können ihm heute nur recht sein.

Wie gestern bekannt wurde, kauft die Bank of England ab nächster Woche für weitere 75 Milliarden Pfund (rund 106 Milliarden Franken) britische Staatsanleihen. Bereits in den beiden vergangenen Jahren hatte die englische Zentralbank zu diesen geldpolitischen Notfalltropfen gegriffen und für insgesamt 200 Milliarden Pfund Staatsanleihen gekauft. Den Leitzins hält sie nach wie vor auf dem historischen Tiefstand von 0,5 Prozent.

Der «Panik-Knopf»

So gesehen sind Osbornes Worte von damals heute noch näher an der Wahrheit, wie der «Telegraph» schreibt. Denn wer die ohnehin schon lockere Geldpolitik der Bank of England ausweite, müsse in der Tat verzweifelt sein und alle anderen Optionen ausgeschöpft haben, schreibt der «Telegraph» unter dem Titel «Die Nationalbank drückt den Panik-Knopf».

Die Reaktionen sind gemischt: Die einen loben und rufen nach mehr, die anderen sorgen sich bereits um die negativen Auswirkungen, die eine Inflation als Folge der Politik des lockeren Geldes haben könnte: Die Renten Zehntausender Briten seien in Gefahr, warnen die Pensionskassen.

«Schlimmste Krise seit den 30er-Jahren»

Der Chef der Bank of England, Sir Mervyn King, macht keinen Hehl aus seiner Besorgnis: «Wir erleben gerade die schlimmste Finanzkrise seit den 30er-Jahren, wenn nicht die schlimmste aller Zeiten», sagte er nach der Ankündigung der Intervention. Und dies in einer Zeit, da die Regierung mit einem rigorosen Sparpaket und Steuererhöhungen den von der letzten Krise noch immer gebeutelten Staatshaushalt zu sanieren versucht. Die Staatsverschuldung liegt bei 83,5 Prozent des BIP, das Haushaltsdefizit konnte von einem Spitzenwert von 11,4 Prozent im Jahr 2009 auf geschätzte 8,6 Prozent für 2011 gedrückt werden.

Wie die Schweiz ist das Nicht-Euroland Grossbritannien in der Eurokrise zur Rolle des betroffenen Zuschauers verdammt. Nur unter ausgetauschten Vorzeichen: Die Schweiz kämpft mit dem Starken Franken und weist immer noch ein stattliches Wachstum von prgnostizierten 1,9 Prozent aus für 2011. Der Stuhl, auf dem die Briten sitzen und der zunehmend grusligen Vorstellung beiwohnen, ist einiges unbequemer.

Beunruhigende Zeichen

Die Wirtschaft stockt, das Wachstum betrug zwischen April und Juni gerade noch 0,1 Prozent. Das Bruttoinlandprodukt erholt sich nicht vom Rückgang um 7,1 Prozent, den es 2008 und 2009 erlitt. «Sie können den Donner hören und die Blitze sehen auf der anderen Seite des Kanals», beschreibt ein Kommentator des «Guardian» die Situation der Regierung – dem Sturm in der Eurozone ausgesetzt, verzweifelt hoffend, dass die nun als «starke Aktionen» angepriesene Geldpolitik ihre Wirkung tut. Die Stellungnahme der britischen Handelskammer ist so sehr eine Binsenwahrheit, wie sie zutrifft: «Das Vertrauen wird sich erst wieder voll herstellen, wenn die Unruhe in der Eurozone vorbei ist.»

Will man das britische Drücken des «Panik-Knopfes» als Zeichen der Verzweiflung werten, als was müssen dann die Signale gewertet werden, die am gleichen Tag aus der EU kamen? Wegen der akuten Vertrauenskrise am Geldmarkt greift die Europäische Zentralbank (EZB) den Banken mit langfristigen Liquiditätsspritzen unter die Arme. Die Banken, sagte EZB-Präsident Trichet gestern, sollten dabei so viel Geld bekommen, wie sie benötigten.

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