Basel III für Dummies

Gestern wurde in Basel Geschichte geschrieben. Die für die Banken weltweit wichtigsten Regulierungen werden komplett überholt. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten zu den neuen Anforderungen.

Zwei einflussreiche Architekten von Basel III: Fed-Chef Ben Bernanke und Philipp Hildebrand von der Schweizerischen Nationalbank.

Zwei einflussreiche Architekten von Basel III: Fed-Chef Ben Bernanke und Philipp Hildebrand von der Schweizerischen Nationalbank.

(Bild: Keystone)

Markus Diem Meier@MarkusDiemMeier

Was ist Basel III? Für die weltweite Regulierung der Banken haben die Basler Regeln eine überragende Bedeutung. Bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel werden die Regulierungen ausgearbeitet, die für die Banken weltweit Gültigkeit haben sollen, deshalb werden die Regelwerke der BIZ mit «Basel» bezeichnet. Basel III überholt die älteren Regelwerke vollständig. Insbesondere gelten neu deutlich strengere Massstäbe für das Eigenkapital, das Banken im Minimum halten müssen.

Wieso ist das Regelwerk wichtig? Die neuen und strengeren Regeln sollen Banken besser vor einer weiteren Krise schützen. Insbesondere sollen die Eigenkapitalbestände der Banken deutlich erhöht und die Art, wie sie errechnet werden, strenger ausgelegt werden. Halten die Banken künftig mehr Eigenkapital, können sie mehr Verluste absorbieren. Für systemrelevante Banken sinkt daher die Wahrscheinlichkeit, dass sie durch Steuergelder gerettet werden müssen.

Müssen Banken mit Basel III nicht mehr vom Staat gerettet werden? Basel III löst die sogenannte «Too big to fail»-Problematik nicht. Wenn eine systemrelevante Bank Verluste macht, die auch die neuen und höheren Eigenkapitalbestände übersteigen, wird eine Rettung weiterhin erforderlich.

Wie wird der Eigenkapitalanteil bei einer Bank gemessen? Diese Messung ist der Knackpunkt der ganzen Auseinandersetzung, weil der Eigenkapitalanteil sehr breit definiert werden kann und bisher auch wurde. Einerseits wurde ein Kernkapital («Tier 1») definiert, das bisher im Zentrum der Betrachtungen stand. Zu diesem zählte das Aktienkapital, zurückbehaltene Gewinne, aber auch sogenanntes hybrides Kapital (Zwischenformen von Schulden und Eigenkapital). Dieses Kernkapital wird zudem nicht ins Verhältnis zu den gesamten Anlagen (den Aktiven) einer Bank gesetzt, sondern zu Anlagen, die nach ihrem Risiko gewichtet werden. Eine Investition, von der erwartet werden kann, dass sie mit absoluter Sicherheit zurückbezahlt wird, erscheint unter den risikogewichteten Anlagen überhaupt nicht, eine unsichere dafür umso stärker. Eine engere Eigenkapitaldefinition – das harte Kernkapital («Core Tier 1») – bezieht als Eigenkapital nur das Aktienkapital und zurückbehaltene Gewinne mit ein. Weil sich hybrides Kapital in der Krise als unzureichendes Polster erwiesen hat, wird neu der Fokus auf diese strengere Definition gelegt. Auch das harte Kernkapital wird ins Verhältnis zu den risikogewichteten Anlagen gesetzt. Eine weitere Definition für den Eigenkapitalanteil ist die Leverage Ratio. Sie setzt das eng gefasste Eigenkapital ins Verhältnis zu den ungewichteten gesamten Anlagen einer Bank und ist damit die Eigenkapitaldefinition, die am wenigsten interpretationsbedürftig ist.

Wie sehen die neuen Eigenkapitalregeln aus? Die Rate für das harte Kernkapital («Core Tier 1») soll mit Basel III von 2 Prozent auf 4,5 Prozent der risikogewichteten Anlagen der Banken erhöht werden. Zusätzlich soll ein sogenannter «Capital Conservation Buffer» von 2,5 Prozent eingeführt werden, womit das notwendige harte Kernkapital auf 7 Prozent steigt. Dieser Buffer darf allerdings in Krisenzeiten unterschritten werden. Weiter soll noch ein «Countercyclical Buffer» von 0 bis 2,5 Prozent dazukommen, der von den Bedingungen auf den Kapitalmärkten eines Landes abhängt. Bei einem Boom auf den Kreditmärkten erreicht er sein Maximum, wodurch das harte Kernkapital dann 9,5 Prozent betragen muss. Das bisher grosszügiger definierte «Tier 1»-Kapital wird neu ebenfalls enger gefasst (weniger hybride Kapitalformen sind zugelassen) und das bisherige Minimum wird von 4 Prozent auf 6 Prozent erhöht. Auch die Risikogewichtung soll strenger werden, wodurch sich die Summe der risikogewichteten Anlagen erhöht. Für eine Leverage Ratio sind vorerst noch keine definitiven Beschlüsse gefallen. In einer Testphase soll sie sich auf minimal 3 Prozent belaufen. Ein endgültiger Beschluss dazu soll erst im ersten Halbjahr von 2017 gefällt werden.

Welche Bedeutung haben Übergangsfristen? Die neuen Regeln treten nicht sofort in Kraft. Denn die Banken könnten sich nicht gleichzeitig auf den Märkten das neu benötigte Kapital beschaffen. Die ganze Branche könnte ansonsten erneut in eine Krise geraten. Daher gibt es zum Teil lange Übergangsfristen: Die 4,5 Prozent-Rate für das harte Kernkapital («Core Tier 1») muss bis zum Jahr 2015 schrittweise eingeführt werden, der «Capital Conservation Buffer» von 2,5 Prozent bis 2019, die 6 Prozent-Rate für das «Tier 1»-Kernkapital ebenfalls bis 2015.

Gefährden die neuen Regeln das Wirtschaftswachstum? Davor warnen Banklobbyisten. Laut mehreren Studien sollen die neuen Regeln im Gegensatz dazu sogar positive Effekte auf das Wachstum haben. Denn sie machen das Finanzsystem sicherer. Nur in der Übergangszeit bis zur Implementierung der neuen Regeln sind minimale Wachstumseinschnitte möglich. Laut BIZ bloss 0,04 Prozent für jede Erhöhung des risikogewichteten Eigenkapitals um 1 Prozent.

Ist das Thema Bankenregulierung damit abgeschlossen? Nein. In vielen Ländern werden die Regeln noch ergänzt. In der Schweiz zum Beispiel muss bis Ende September eine Expertenkommission des Bundes über Regeln befinden, die über jene von Basel III für die Schweizer Grossbanken hinaus gehen sollen. Auch bei der BIZ sollen für systemrelevante Banken noch weitergehende Regeln erlassen werden. Definitive Internationale Beschlüsse zur Leverage Ratio und zu Liquiditätsregeln stehen aus Basel ebenfalls noch aus. In der Schweiz sind solche bereits eingeführt worden.

Sind die neuen Regeln bereits definitiv? Nein. Einerseits sollen sie am nächsten G-20-Gipfel noch zur Sprache kommen, andererseits müssen sie auch von den einzelnen Ländern ins Gesetz übernommen werden.

Welche Bedeutung hat Basel III für die Schweizer Banken? Laut bisherigen Schätzungen müssen die beiden Grossbanken ihre Kapitalbasis um mehr als 20 Milliarden Franken stärken. Allerdings dürfte ihnen das angesichts der langen Übergangsfristen ohne Kapitalaufnahme – das heisst aus einbehaltenen Gewinnen – gelingen.

Was bedeuten die Regeln für die Bankaktien? Die Banken in Europa haben auf die neuen Vorschriften am Montagmorgen mit deutlichen Aufschlägen reagiert. Auf den Märkten ist man offenbar erleichtert, dass die Regeln nicht noch strenger ausgefallen sind und dass lange Übergangsfristen zur Verfügung stehen.

DerBund.ch/Newsnet

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