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Auf Surftour im Frankenmarkt

Wohin geht der Frankenkurs? Welche News bewegen die Märkte? Und wie interveniert die Nationalbank? Devisenhändler sagen, was sich seit der Aufhebung des Mindestkurses verändert hat.

Beim Franken bewegt sich wieder etwas: Handelsraum bei der UBS.
Beim Franken bewegt sich wieder etwas: Handelsraum bei der UBS.
Keystone

Für Schweizer Devisenhändler waren die letzten drei Jahre eine Zeit der Langeweile. Beim Euro, der Währung der wichtigsten Handelspartner der Schweiz, tat sich rein gar nichts. Die SNB stützte den Mindestkurs bei 1.20 Franken, alle übrigen Kurse liessen sich daraus ableiten. Ein Beispiel ist der wichtige Dollar-Franken-Kurs: Er ergab sich automatisch aus dem Euro-Dollar-Kurs und der Euro-Franken-Untergrenze.

Mit der Aufhebung des Mindestkurses vor zehn Tagen änderte sich dies schlagartig. Seither kann sich der Franken wieder frei bewegen – zum Euro als auch zum Dollar. «Jetzt gibt es wieder einen Trend im Markt», sagt Giuseppe Manieri, Experte beim beim auf Währungen spezialisierten Asset Manager Premium Currency Advisors. «Jetzt gibt es wieder Stoff für Analysen.» Und ein weiterer Faktor macht den Frankenhandel derzeit spannend: die SNB.

SNB hält sich bedeckt

Sie hat im Zeitraum vom vorletzten Donnerstag – dem Tag, als die Untergrenze aufgehoben wurde – bis zum vergangenen Mittwoch rund 26 Milliarden Franken auf den Markt gebracht. Dies legen Zahlen nahe, die heute durch die Nationalbank veröffentlicht wurden. Ein Mysterium bleibt der genaue Zeitpunkt dieser Interventionen. Fanden sie am Tag X noch vor der Kursfreigabe statt? Oder danach? Oder im Verlauf der darauffolgenden Woche?

Die SNB hält sich dazu bedeckt. «Wir äussern uns im Allgemeinen nicht zu den kurzfristigen Bewegungen der Giroguthaben», sagt sie. Auch bezüglich der Interventionen bleibt die Nationalbank unkonkret. «Wir sind grundsätzlich bereit, auf dem Devisenmarkt zu intervenieren», lautet die Losung. Umso mehr machen sich die Markteilnehmer Gedanken darüber, was sich nun auf dem Frankenmarkt abspielt.

Mehrere Erkenntnisse zeichnen sich ab:

  • Der Franken ist sensibel auf den «Ro-Ro-Effekt». Das heisst, dass die Schweizer Währung sofort abgibt, wenn der Risikoappetit der Anleger zunimmt («Risk-On»), und zulegt, wenn risikoscheues Verhalten vorherrscht («Risk-Off»). Aktuell sei der Markt im Risk-On-Modus, wie der Analyst Andreas Ruhlmann von der IG Bank erklärt. «Die Unsicherheiten im Vorfeld der Wahlen in Griechenland haben zu grossem Interesse für den Franken geführt», sagt er. «Jetzt ist der Risikoappetit wieder gestiegen, und der Franken ist schwächer geworden.» Im heutigen Handel legte beispielsweise der Euro von 98 Rappen auf über 1.01 Franken zu.
  • Der Franken ist fundamental wenig attraktiv. «Aktuell wird der Euro eher gegen andere Währungen wie den australischen oder den neuseeländischen Dollar verkauft», sagt Andreas Ruhlmann. Dies sei unter anderem wegen der Negativzinsen von –0,75 Prozent erklärbar, die Anleger im Franken neu bezahlen müssen. Ruhlmann hält besonders den Dollar für attraktiver als den Franken. «Der Franken steht tendenziell unter Druck. Die US-Währung dagegen hat grosses Aufwertungspotenzial», sagt er. Allerdings gibt Peter Rosenstreich, Währungsexperte bei Swissquote, zu bedenken: «Wer den Franken kauft, behält ihn normalerweise eine Weile lang.»
  • Die SNB handelt verdeckt. Anders als früher, als die Nationalbank grosse Order in der Region von 1.20 platziert hat, agiert die Nationalbank nun diskreter am Markt. Warum sie das tut, erklärt der Devisenverkäufer Jürg Nessier von der ZKB: «Egal, ob Zentralbank oder Grossinvestor: Grosse Marktteilnehmer operieren am effektivsten, indem sie den Markt im Ungewissen lassen.» Laut Giuseppe Manieri lässt sich das Einschreiten dennoch erahnen. «Heute hat der Dollar gegenüber fast allen Währungen nachgegeben, ausser gegenüber dem Franken», sagt er. «Dies könnte das direkte oder indirekte Ergebnis einer stützenden Intervention sein.»
  • Das Versteckspiel geht leichter als früher. Dies sei eine Folge des FX-Skandals, wo sich Händler verschiedener Banken absprachen und auf Kosten der Kunden eigene Profite erwirtschafteten, sagt Giuseppe Manieri. «Seither dürfen die Händler bei Grossbanken während der Arbeit keine Handys mehr benutzen, und Chat-Räume sind Tabu.» So spreche sich auch weniger stark herum, wenn ein Händler mit der SNB als Gegenpartei in Kontakt komme. Trotzdem würden sich Gerüchte im Markt verbreiten, so Manieri. «Der Devisenmarkt ist nach wie vor stark von persönlichen Kontakten geprägt.»
  • Die SNB hat beschränkte Macht. Zwar könne die Nationalbank jetzt jederzeit in den Handel einsteigen und beispielsweise bestehende Bewegungen mit eigenen Interventionen verstärken, sagt Giuseppe Manieri. «Die Nationalbank kann sich wie ein Surfer auf einer Welle verhalten.» Trotzdem sei die SNB letztlich nicht in der Lage, im globalen Devisenmarkt, auf dem täglich Milliarden umgesetzt werden, gegen den Strom zu schwimmen. «Die SNB kann alleine durch Interventionen keinen Trend auslösen», sagt Manieri. «Soll der Franken schwächer werden, so muss sich das ökonomische wie auch das geldpolitische Umfeld auf globaler Ebene ändern.»

Seit der Kursfreigabe hat die Nationalbank auf ihre eigene Weise versucht, die Märkte rhetorisch zu beeinflussen. Der Frankenkurs überschiesse derzeit, liess SNB-Präsident Thomas Jordan das Publikum vom ersten Tag an wissen. Beobachter wie Jürg Nessier stimmen dem teilweise zu. «Der Franken war zuletzt überkauft», sagt er. «Jetzt normalisiert sich die Situation langsam.» Ob die Bewegung anhält, und sich der Schweizer Franken – wie von der SNB erwünscht – weiter abschwächt, weiss aber auch Nessier letztlich nicht. Immerhin: Sein Job ist seit dem 15. Januar einiges spannender geworden.

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