Arbeiten Schweizer wirklich so viel?

Die Schweizer Vollzeitangestellten arbeiten mehr als fast alle anderen Europäer. Zählt man die Teilzeitjobs dazu, zeigt sich plötzlich ein ganz anderes Bild.

Viele haben mehrere Jobs gleichzeitig: Eine Verkäuferin bei der Arbeit.

Viele haben mehrere Jobs gleichzeitig: Eine Verkäuferin bei der Arbeit. Bild: Keystone

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7,892 Milliarden Arbeitsstunden haben die Erwerbstätigen in der Schweiz letztes Jahr geleistet, also 1,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Das liegt laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) vor allem daran, dass die Zahl der Beschäftigten um 1,7 Prozent gestiegen ist und diese 0,2 Prozent mehr Arbeitstage geleistet haben.

Zum ersten Mal hat das BFS in der jährlichen Arbeitskräfteerhebung auch berücksichtigt, wie viel die Schweizer im Vergleich zu ihren europäischen Nachbarn leisten. Die Schweizer Vollzeitangestellten arbeiten demnach pro Woche 42 Stunden und 48 Minuten – mehr schaffen nur noch die Kolleginnen und Kollegen in Island. Auf Platz 3 folgen die Briten mit 40 Stunden und 54 Minuten. Am wenigsten arbeiten die Vollzeitangestellten in Frankreich (37 Stunden und 36 Minuten) und in Finnland (37 Stunden und 54 Minuten).

Setzt man die Arbeitsstunden ins Verhältnis zur Gesamtbevölkerung, landet die Schweiz wiederum fast an der Spitze, mit 23 Stunden und 58 Minuten. Verantwortlich dafür ist die hohe Erwerbstätigenquote: Weil viele Menschen einen Job haben, wird pro Kopf viel gearbeitet. In Ländern wie Italien (15 Stunden und 55 Minuten) oder Griechenland (16 Stunden und 19 Minuten) ist dieser Wert deutlich tiefer. Sie gehören auch zu den Ländern Europas mit den höchsten Arbeitslosenquoten.

Viele arbeiten Teilzeit – wie viele aber freiwillig?

Ein anderes Bild ergibt sich allerdings, wenn man die Arbeitsstunden ins Verhältnis zur Zahl aller Erwerbstätiger setzt – also sowohl zu den Vollzeit- als auch zu den Teilzeitangestellten. Dann rutscht die Schweiz mit einer Arbeitszeit von 36 Stunden und 12 Minuten pro Woche ins letzte Drittel der Rangliste ab. Verantwortlich dafür ist laut dem BFS der hohe Anteil Teilzeiterwerbstätiger von rund einem Drittel. Das heisst: Viele Schweizer haben zwar einen Job, ein grosser Teil davon ist aber nicht Vollzeit angestellt. Noch tiefer als in der Schweiz ist der Wert in Ländern wie Finnland, Schweden, Norwegen oder den Niederlanden. Am höchsten ist die wöchentliche Arbeitszeit in Griechenland mit 40 Stunden und 54 Minuten.

Stellt sich die Frage, wie die hohe Zahl von Teilzeitangestellten in der Schweiz zu bewerten ist. Der Bund hat sie in einer kürzlich publizierten Auswertung der Arbeitskräfteerhebung (Sake) thematisiert (der TA berichtete). Demnach sind in der Schweiz 345’000 Menschen oder 7,1 Prozent aller Erwerbstätigen «unterbeschäftigt». Das heisst: Sie haben zwar einen Teilzeitjob, würden aber gern aufstocken. Das sind fast 30 Prozent mehr als noch 2010. Ausserdem nehmen immer mehr Menschen mehrere Teilzeitjobs an.

Arbeitnehmervertreter finden das bedenklich. Sie glauben, dass viele Angestellte mit ihrem Erstjob nicht genug verdienen und darum mehrere Stellen annehmen. Das sei ungesund und führe zu Lücken in der Altersvorsorge. Der Arbeitgeberverband hingegen warnt vor pauschalen Interpretationen. Für gewisse Angestellte sei diese Arbeitsform eine «Bereicherung und Abwechslung».

Mehr Arbeit, mehr Ferien. Video: Tamedia/SDA (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.07.2017, 12:11 Uhr

Weniger Arbeit, mehr Ferien

Die Beschäftigten der Schweiz haben 2016 knapp 8 Milliarden Stunden gearbeitet. Das sind 1,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Ausschlaggebend dafür ist nicht gewachsener Arbeitseifer, sondern die gestiegene Beschäftigtenzahl und das Schaltjahr.

Wegen des Schaltjahrs nämlich nahm die Zahl der absolvierten Arbeitstage um 0,2 Prozent zu. Die Anzahl der Beschäftigten stieg derweil um 1,7 Prozent. So kamen durch alle Erwerbstätigen 7,892 Milliarden Arbeitsstunden zusammen, wie das Bundesamt für Statistik (BFS) mitteilte.

Der Anstieg bei den Arbeitsstunden wäre noch stärker ausgefallen, wenn die tatsächliche wöchentliche Arbeitszeit pro Stelle 2016 nicht um 0,5 Prozent zurückgegangen wäre. Die wöchentliche Arbeitszeit der Vollzeitbeschäftigten sank von 2011 bis 2016 um 13 Minuten auf 41 Stunden und 10 Minuten. Nicht mitgerechnet sind dabei die Arbeitnehmenden in einer eigenen Firma.
Gleichzeitig gab es mehr Ferien. Seit 2011 stieg die Anzahl der Ferienwochen um 0,3 Tage auf 5,12 Wochen. Mit 4,9 Wochen schauten die 20- bis 49-Jährigen gegenüber Jüngeren und Älteren in die Röhre. Die 15- bis 19-Jährigen hatten 5,3 Wochen Ferien, die 50- bis 64-Jährigen 5,6 Wochen.

Bauern und Förster an der Spitze

Am meisten arbeiteten Bauern, Förster und andere Vollzeitbeschäftigte im Primärsektor. Sie kamen auf 44 Stunden und 40 Minuten pro Woche. Auch kein Zuckerschlecken war die Arbeit mit 42 Stunden und 7 Minuten im Gastgewerbe. Versicherungs- und Kreditbeschäftigte verbrachten mit 42 Stunden und 1 Minute ebenfalls überdurchschnittlich viel Zeit am Arbeitsplatz.

2016 nahm die Zahl der Überstunden ab. Deren Quote an der Arbeitszeit betrug 2,3 Prozent. Indessen stieg die Absenzenquote bei den Vollzeitarbeitnehmenden auf 4 Prozent. Nur in den beiden Kategorien Kredit- und Versicherungswesen sowie freiberufliche, wissenschaftliche und technische Dienstleistungen übertraf die Überstunden- die Absenzenquote.

Für 74 Prozent aller Absenzen waren im vergangenen Jahr Krankheiten oder Unfälle verantwortlich. Freudigere Ereignisse schlugen in Form des Mutterschaftsurlaubs in 13 Prozent der Fälle zu Buche. Der Dienst am Vaterland in Militär oder Zivildienst verursachte 7 Prozent der Absenzen. (sda)

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