Zittern an den Börsen, Flucht ins Gold

Schubweise geht es an den Aktienmärkten abwärts. Nun retten sich Anleger ins gelbe Edelmetall. Ist der Trend nachhaltig?

Die zunehmende Nervosität an den Märkten unterstützt den Goldpreis: Gold im Tresor der Zürcher Kantonalbank.

Die zunehmende Nervosität an den Märkten unterstützt den Goldpreis: Gold im Tresor der Zürcher Kantonalbank. Bild: Martin Ruetschi/Keystone

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Totgesagte leben länger. Hat der Goldpreis dieses Jahr lange kaum auf die zunehmenden Handelsspannungen, die negativen Nachrichten aus den Schwellenländern oder die politischen Risiken in Italien reagiert, zeigt er jüngst eine bemerkenswerte Erholung (vergleiche folgende Grafik). Nun scheint die Marke von 1200 Dollar pro Feinunze überwunden und der Ausbruch nach oben möglich.

Denn mittlerweile scheinen die Anleger den globalen Risiken grössere Aufmerksamkeit zu schenken und den Versicherungsschutz des gelben Metalls wieder zu schätzen. Mit grosser Wahrscheinlichkeit ist die Börsenschwäche seit Anfang Monat mitverantwortlich, verstärkt noch durch das atypische Verhalten der Staatsanleihen: Diese verloren im Gleichschritt mit den Aktien an Wert – damit blieb der übliche stabilisierende Einfluss der Bonds aus. Normalerweise legen Staatsanleihen zu, wenn Aktien nachgeben. Kein Wunder, halten Anleger nun nach neuen sicheren Häfen Ausschau.

Goldpreis erholt sich

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Diese Konstellation, dass sowohl Aktien als auch Anleihen an Wert einbüssen, könnte den Investoren für die kommenden Jahre blühen, befürchtet Peter Frech, Manager des Quantex Strategic Precious Metal Fund. Denn Aktien seien teuer, und die Staatsanleihen befänden sich in einer Blase. Da biete sich Gold zur Diversifikation an. «Gold ist am wenigsten korreliert mit anderen Anlageklassen und bietet dadurch den besten Schutz vor Verlusten», sagt der Experte. Doch ist die jüngste Aufwärtsbewegung des Goldpreises tatsächlich nachhaltig?

Einige Gründe sprechen dafür – etwa die nach wie vor ausgeprägte Skepsis der Anleger. Denn das so genannte «Smart Money» – unter diesem Begriff werden Hedge Funds und andere professionelle Anleger zusammengefasst – wettete noch bis vor zwei Wochen massiv auf weiter fallende Preise (vergleiche folgende Grafik). Dieses Phänomen liess sich letztmals im Jahr 2001 beobachten, als sich das Platzen der Technologieblase abzeichnete. Kurz darauf setzte bei Gold ein eindrücklicher Bullenmarkt ein.

Hedge Funds mögen kein Gold

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Wegen der zuletzt steigenden Notierungen mussten die Profis wohl ihre Shortpositionen mit Zukäufen decken, was die Kurserholung begünstigte. Im Vergleich zur durchschnittlichen Positionierung der vergangenen fast zwanzig Jahre lässt sich aber weiterhin eine grosse Abneigung gegenüber Gold feststellen.

Diesen Befund bestätigt Joni Teves, Strategin bei UBS, in einem Marktkommentar. Sie ist überzeugt, es brauche nur wenig, damit der Goldpreis weiter steigt: «Die einseitige Positionierung macht den Markt besonders anfällig für Aufwärtsbewegungen.» Daran haben die jüngsten Zukäufe der Profis nichts geändert.

Unterstützung erhielt Gold auch von offizieller Seite: Die Nachfrage von den Zentralbanken zeigt seit einiger Zeit wieder nach oben. So hat etwa die ungarische Notenbank in der ersten Hälfte dieses Monats ihren Goldbestand von 3,1 auf 31,5 Tonnen verzehnfacht – das entspricht einer Zunahme von 120 Millionen auf 1,2 Milliarden Franken.

«Geldtipp»: Achtung, Klumpenrisiko

Marktkenner Martin Spieler sagt, wie man zu grosses Risiko verhindert. (Tamedia-Webvideo)

Das ist im internationalen Vergleich zwar kein gewaltiger Betrag, aber es zeigt, dass die Liste mit Zentralbanken, die ihre Goldreserven erstmals seit langem wieder aufstocken, zusehends länger wird: Die Währungshüter in Polen, Ägypten, Indien, Indonesien, Thailand und den Philippinen gehörten jüngst ebenfalls zu den Käufern. Hinzu kommen die konstanten Abnehmer wie etwa die russische Notenbank, die gemäss Vermögensverwalter Incrementum allein in diesem Jahr 107 Tonnen Gold gekauft hat.

Allerdings gibt es auch Gegenwinde. So erwartet das Gros der Investoren weiterhin einen stärkeren Dollar. Das ist schlecht für Gold, dessen Preis sich typischerweise gegenläufig zum Dollar entwickelt (vergleiche folgende Grafik). Der Grund: Das Metall wird in Dollar gehandelt. «Wenn der Dollar steigt, wird Gold ausserhalb des Dollarraums teurer und entsprechend sinkt die Nachfrage», sagt Beat Schiffhauer von der St. Galler Kantonalbank.

Starker Dollar, schwacher Goldpreis

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Doch ob der Dollar tatsächlich weiter zur Stärke neigt, ist alles andere als gewiss – zumal die positiven Erwartungen eingepreist sein dürften. Hinzu kommt die politische Komponente, wie es Louis-Vincent Gave auf den Punkt bringt: «Ich sehe nicht ein, weshalb die Entscheidung Washingtons, dem Rest der Welt den Mittelfinger zu zeigen, just wenn das US-Budgetdefizit durch die Decke schiesst, positiv für den Dollar sein soll.»

Damit spielt er auf die von US-Präsident Donald Trump angezettelten Handelsdispute an, aber auch auf die Tendenz, dass die USA ihre Währung zunehmend als Waffe verwenden, um Sanktionen global durchzusetzen. Dadurch steigt das Bedürfnis vieler Staaten, ihre Dollarabhängigkeit zu reduzieren.

Während Russland und China bereits seit einiger Zeit Alternativen zum Greenback suchen, sendet mittlerweile auch Europa erste solche Signale aus. So echauffierte sich EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker kürzlich darüber, dass europäische Unternehmen, wenn sie europäische Flugzeuge kaufen, diese in Dollar und nicht in Euro bezahlten. Solche Bestrebungen dürften sich mittelfristig negativ auf den Dollar auswirken – wovon der Goldpreis wiederum profitieren sollte.

Rezessionsschutz Gold

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Ein zusätzlicher Grund, der für Gold spricht, ist die Gefahr einer drohenden US-Rezession. Warnende Stimmen sind zuletzt lauter geworden: So verkündete Ray Dalio, Gründer des Hedge Funds Bridgewater Associates, kürzlich, dass er in den nächsten zwei Jahren mit einem Konjunkturabschwung rechne. Der an der New Yorker Stern School of Business lehrende Finanzprofessor Nouriel Roubini stiess ins gleiche Horn.

Gold hat sich in Rezessionsphasen oft als erstaunlich gute Absicherung erwiesen, wie eine Auswertung von Ronald-Peter Stoeferle und Mark Valek von Incrementum zeigt. In den vergangenen sechs US-Rezessionen legte der Goldpreis jeweils zwischen 1 und fast 80 Prozent zu – während die meisten übrigen Vermögenswerte zum Teil massive Verluste erlitten. Peter Frech von Quantex resümiert: «Gold als Versicherung ist aktuell – wie so oft nach langen Bullenphasen – relativ günstig zu haben.» (Finanz und Wirtschaft)

Erstellt: 25.10.2018, 10:07 Uhr

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