Warum DDR-Frauen den besseren Sex hatten

Die Frauen im Osten hatten doppelt so viele Orgasmen wie jene im Westen. Die US-Forscherin Kristen Ghodsee hat das zu ergründen versucht.

Freikörperkultur in Rostock: Eine junge Frau genehmigt sich eine nackte Erfrischung in der Ostsee (Archivbild von 1977).

Freikörperkultur in Rostock: Eine junge Frau genehmigt sich eine nackte Erfrischung in der Ostsee (Archivbild von 1977). Bild: Harald Lange / Ullstein, Getty Images

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Politische und andere Unterdrückung, Mangelwirtschaft und vieles mehr haben das Leben der meisten Menschen im einstigen Ostblock gekennzeichnet. Aber zumindest in einem Punkt ist es den Frauen besser gegangen, wenn man Kristen Ghodsee glauben kann, einer US-amerikanischen Professorin für Ethnografie und Geschlechterforschung mit speziellem Fokus auf die einst kommunistischen Länder Osteuropas. Laut Ghodsee war das Liebesleben für sie weit vorteilhafter: «Warum Frauen unter dem Sozialismus den besseren Sex hatten», lautet der Titel eines Essays, das Ghodsee diesen Monat für die «New York Times» schrieb.

Ein Hinweis dafür liefert laut Ghodsee eine vergleichende soziologische Studie zwischen Frauen aus Ost- und Westdeutschland, die nach der Wiedervereinigung und dem Ende der DDR durchgeführt worden war. Demnach hatten die ostdeutschen Frauen doppelt so viele Orgasmen als jene im kapitalistischen Westen. Ausserdem stützt sich Ghodsee auf weitere Studien und auf Befragungen von Zeitzeugen.

Was die Untersuchungen von Ghodsee interessant macht, ist die Begründung ihrer These. Die grössere Lust der Frauen im kommunistischen Osten habe danach zum grössten Teil mit den ökonomischen Rahmenbedingungen zu tun. Vor allem hatten die Frauen laut Ghodsee sehr viel weniger Stress, obwohl oder gerade weil sie meist einer Beschäftigung nachgingen: Es gab viel umfassendere Einrichtungen, um die Kinder zu versorgen, wie zum Beispiel Kindertagesstätten: Die Abwesenheit bei Mutterschaft war grosszügiger und umfassender geregelt und schwanger zu werden, war nicht mit der Angst verbunden, den Job zu verlieren.

Der Kontext ist entscheidend

Zur Erforschung der Sexualität im einst sozialistischen Polen zitiert Ghodsee Agniezka Koscianska, eine Anthropologie-Professorin der Universität von Warschau:

«Es ist nicht nur um die körperlichen Erfahrungen im Zusammenhang mit Sex gegangen, es ging vielmehr um den sozialen und kulturellen Kontext der sexuellen Lust. Selbst die beste Stimulation kann keine Lust hervorrufen, wenn eine Frau gestresst oder überarbeitet ist und sich um die Zukunft und die finanzielle Stabilität sorgt.»

Laut Ghodsee genossen die Frauen im kommunistischen Osten einen Grad an Selbstgenügsamkeit, den sich wenige Frauen im Westen damals hätten vorstellen können: «Sie brauchten nicht zu heiraten oder Sex zu haben, um eigenes Geld zu erlangen.» Viele sozialistische Länder stellten Extra-Ressourcen für alleinerziehende Mütter, Geschiedene und Witwen zur Verfügung. «Das reduzierte die sozialen Kosten einer ungewollten Schwangerschaft und hat die Opportunitätskosten gesenkt, wenn man Mutter wurde», schreibt Ghodsee dazu.

In ihrem Artikel zitiert die Forscherin eine bulgarische Zeitzeugin und Mutter, die zwar einerseits eingesteht, dass vieles zu dieser Zeit schlecht gewesen sei. Aber ihr Leben sei voll von Romantik gewesen, befriedigender und mit weniger Stress verbunden als das aktuelle ihrer Tochter, die erst in den späten 1970er-Jahren geboren wurde. «Nach meiner Scheidung hatte ich noch immer meinen Job und meinen Lohn und ich habe keinen Mann gebraucht, der mich unterstützt. Ich konnte tun, was mir gefiel», sagte die Frau gemäss Ghodsee. Zum aktuellen Sexualleben ihrer Tochter meinte die Frau laut der Forscherin: «Wenn sie nach der Arbeit nach Hause kommt, ist sie zu müde, um noch viel mit ihrem Mann zu machen. Sie sitzen wie Zombies vor dem Fernseher. Als ich in ihrem Alter war, hatte ich viel mehr Spass.»

Gleichberechtigung als ökonomische Notwendigkeit

Eine stärkere Gleichberechtigung der Frauen gehörte zum sozialistischen Programm. Das volle Wahlrecht für Frauen führte das revolutionäre Russland 1917 noch drei Jahre vor den USA ein. Die Regimes investierten schon früh in öffentliche Waschanstalten und Kantinen, vereinfachten die Möglichkeiten, sich scheiden zu lassen, und garantierten den Frauen gleiche Rechte in der Sexualität und der Reproduktion, was sich etwa auf die Möglichkeit zur Verhütung oder auch Abtreibung bezieht.

Wie Ghodsee schreibt, gab es allerdings deutliche Unterschiede unter den sozialistischen Ländern und auch historische Phasen, die ganz anders verliefen. So machte etwa der sowjetische Diktator Joseph Stalin viele Errungenschaften seiner Vorgänger wieder zunichte, die Abtreibung wurde unter ihm wieder verboten.

Die Befreiung der Frau in den ehemaligen kommunistischen Staaten war laut Ghodsee aber auch der schlichten ökonomischen Notwendigkeit geschuldet. Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte ein akuter Mangel an Arbeitskräften, die überlebenden Männer reichten nicht aus. Die Kommunisten investierten viel in die Ausbildung und die berufliche Weiterbildung von Frauen und in die Garantie ihrer Jobs. Staatliche Komitees bemühten sich um die Umerziehung der Knaben, damit sie die Mädchen nicht weniger als Kameraden akzeptierten. Und sie versuchten, ihnen beizubringen, dass männlicher Chauvinismus ein Überbleibsel aus der Zeit vor dem Sozialismus ist.

Staatliche geförderte Sexforschung

Die Staaten förderten auch aktiv die Erforschung der weiblichen Sexualität. Schon 1952 begannen tschechoslowakische Wissenschaftler den weiblichen Orgasmus zu erforschen. 1961 führten sie eine Konferenz zu diesem Thema durch. In ihrem Artikel zitiert dazu Ghodsee die tschechische Professorin Katerina Liskova von der Masaryk-Universität in Tschechien: «Damals fokussierte man sich auf die Bedeutung der Gleichheit zwischen Mann und Frau als Kernkomponente der weiblichen Lust. Einige argumentierten, dass die Aufteilung der Haushaltsarbeit und der Kindererziehung für guten Sex notwendig sei.»

Video: Ghodsee über Kommunismus und Nostalgie

Trotz der Betonung eines befriedigenderen Sexuallebens für Frauen im einstigen Ostblock geht Kirsten Ghodsee nicht so weit, die damaligen Lebensumstände zu verherrlichen. So zitiert sie eine Zeitzeugin mit der Aussage, man hätte sich keine Illusionen über die Brutalitäten des real existierenden Sozialismus gemacht, sie wäre nur froh, wenn die Dinge nicht so viel härter geworden wären. Ausserdem, so Ghodsee, seien Frauen auch in diesen Ländern in vielem benachteiligt geblieben, so hat sich auch im Kommunismus die Einteilung in besser bezahlte Männer- und schlechter bezahlte Frauenjobs erhalten. Nicht zuletzt seien selbst in den einstigen Ostblockländern viele Errungenschaften für die Frauen mittlerweile wieder rückgängig gemacht worden.

«Das Beharren der damaligen Genossen auf einer staatlichen Intervention in diesem Bereich mag für unsere postmodernen Empfindlichkeiten etwas gar grob erscheinen», schliesst Ghodsee ihren Artikel, aber manchmal braucht ein notwendiger gesellschaftlicher Wandel – der dann bald als natürliche Ordnung der Dinge gesehen wird –, erst eine Verkündigung der Emanzipation von oben.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.08.2017, 19:56 Uhr

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