Warnung vor dem «Schweizer Roulette» der Nationalbank

Zwei deutsche Ökonomen raten von Geldanlagen in der Schweiz ab. Die Politik der SNB könne das Land in die Pleite treiben.

Angesichts wachsender und schärferer Kritik immer weniger Grund zum Lächeln: Das SNB-Direktorium mit Fritz Zurbrügg (Vize, links), Thomas Jordan (Präsident, Mitte), Andréa Maechler.<p class='credit'>(Bild: Keystone)</p>

Angesichts wachsender und schärferer Kritik immer weniger Grund zum Lächeln: Das SNB-Direktorium mit Fritz Zurbrügg (Vize, links), Thomas Jordan (Präsident, Mitte), Andréa Maechler.

(Bild: Keystone)

Markus Diem Meier@MarkusDiemMeier

«Wir raten davon ab, Geld in die Schweiz zu bringen oder Schweizer Franken zu kaufen.» Diese Warnung veröffentlichten die beiden deutschen Ökonomen Matthias Weik und Marc Friedrich am Wochenende auf der Schweizer Infoplattform Infosperber. Grund für ihre Warnung ist die Politik der Schweizerischen Nationalbank (SNB).

Entweder sei SNB-Präsident Thomas Jordan ein Genie, oder er spiele «ein neues Spiel: Schweizerisches Roulette». Die beiden spielen damit auf das potenziell tödliche russische Roulette an, bei dem ein Spieler sich einen Revolver mit genau einer Kugel in der Trommel an die Schläfe hält und in der Hoffnung abdrückt, dass die Kugel dabei nicht abgefeuert wird. «Wenn die Notenbankpolitik der SNB schiefgeht, dann wird die Schweiz de facto von heute auf morgen pleite sein», begründen Weik und Friedrich ihren Vergleich.

Sie belegen ihre drastischen Warnungen mit den zwei wichtigsten, am vergangenen Donnerstag von der SNB bestätigten Pfeilern der Schweizer Geldpolitik: den Negativzinsen und den Käufen von Devisen durch frisch geschaffene Franken zur Verhinderung einer übermässigen Aufwertung des Schweizer Frankens. Die Nationalbank sei angesichts dieser Politik «federführend in der Währungsmanipulation».

Besonders scharf gehen die beiden mit den Devisenkäufen ins Gericht, die die Nationalbank seit Sommer 2017 allerdings nicht mehr getätigt hat, die sie sich aber weiter offenhält. Mit 778 Milliarden Franken machen die daraus geäufneten Reserven heute rund 94 Prozent der auf 830 Milliarden Franken angeschwollenen SNB-Bilanz aus. Noch vor der Finanzkrise lagen sie relativ stabil im Bereich von 50 Milliarden Franken. Die SNB-Bilanz ist damit grösser als das Bruttoinlandprodukt der Schweiz (124 Prozent). Wie auch die Autoren festhalten, hat keine andere Notenbank der Welt eine ähnlich aufgeblähte Bilanz.

Mehr Facebook-Aktien als Zuckerberg

Als problematisch erachten die beiden auch, wie stark die Nationalbank mittlerweile an den Aktienmärkten engagiert ist, wo sie rund ein Fünftel ihrer Devisenanlagen investiert hat. So besitze sie unter anderem mehr Facebook-Aktien als Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Die Devisenreserven ermöglichen ihr schon bei geringen Bewertungsänderungen sehr hohe Gewinne, sie riskiert aber genauso gigantische Verluste.

«Die Schweiz ist im Schwitzkasten der EZB, des Euro und der Aktienmärkte», resümieren Weik und Friedrich. Für den Zerfall Europas und einen Kollaps des Euro hätten die Schweizer sogar militärische Vorbereitungen getroffen. Dazu verweisen sie auf die Übungen des Schweizer Militärs «Stabilo Due» von 2012 und «Conex 15» von 2015.

Matthias Weik und Marc Friedrich sind in Deutschland vor allem durch Bücher bekannt wie «Der grösste Raubzug der Geschichte», «der Crash ist die Lösung», «Kapitalfehler» und «Sonst knallt’s!». Alle Werke haben einen warnenden bis alarmistischen Unterton. Die beiden verstehen sich selbst als Querdenker.

Mit ihrer Kritik an der SNB sind sie aber keineswegs allein. Ganz generell nimmt sie zu und hat die gleiche Stossrichtung wie jene der beiden deutschen Ökonomen. Dem Verdacht der Währungsmanipulation ist die SNB zum Beispiel auch bei der amerikanischen Regierung ausgesetzt. Beim US-Finanzministerium steht sie deshalb seit längerem unter Beobachtung – nicht erst seit dem Amtsantritt von Donald Trump.

Die Kritik des Ex-SNB-Chefökonomen

Im Inland hat schon der Finanzminister Ueli Maurer mit einer Warnung vor der zu grossen Bilanz Schlagzeilen gemacht. Am heftigsten in der Kritik stehen aber die Negativzinsen.

Besonders schmerzhaft für das SNB-Präsidium dürften die kritischen Kommentare aus dem eigenen Umfeld sein. So macht der hoch angesehene einstige Chefökonom der Notenbank, Kurt Schiltknecht, keinen Hehl aus seiner Ablehnung dieser Massnahme. In einem Kommentar und einem Videobeitrag der «Neuen Zürcher Zeitung» hat er erklärt, dass die Kosten der Negativzinsen – extrem tiefe Zinsen, grosse Probleme für Pensionskassen, Sparer und Banken – keinem vergleichbaren Nutzen gegenüberstünden. Die anhaltenden Notmassnahmen der SNB werden umso weniger verstanden, als die Schweizer Wirtschaft sich noch immer in sehr guter Verfassung zeigt.

Dennoch dürfte sich an der Politik der Nationalbank noch für längere Zeit nichts ändern. Vor Ende des nächsten Jahres rechnet kaum jemand damit, dass sie die Zinsen anhebt, ein Ende der Negativzinsen ist nicht vor 2020 zu erwarten. Das liegt vor allem daran, dass sie keine erneute Aufwertung des Frankens riskieren will, sollte sie mit einer Zinserhöhung noch vor der Europäischen Zentralbank (EZB) vorpreschen. Und von der EZB wird eine Zinserhöhung auch erst in der zweiten Jahreshälfte 2019 erwartet.

Die jüngsten Daten aus der Realwirtschaft wecken mittlerweile sogar die Angst, die Normalisierung der Geldpolitik könnte sich noch deutlich länger hinziehen. Für die Eurozone zeigen vorlaufende Indikatoren wie die Einkaufsmanagerindizes (PMI) ein so schlechtes Bild wie schon lange nicht mehr, und auch die Schweizer Wirtschaft hat sich im dritten Quartal überraschend stark abgeschwächt, das Bruttoinlandprodukt ist sogar leicht geringer ausgefallen als im Vorquartal.

Redaktion Tamedia

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