Ungleichheit schadet der Wirtschaft

Der Unterschied zwischen Arm und Reich sei nicht nur ungerecht, sondern hemme das Wirtschaftswachstum, sagt die OECD. Sie liefert den Zahlenbeweis.

Keine Chance auf Aufstieg: Ein Flüchtling in Istanbul.

Keine Chance auf Aufstieg: Ein Flüchtling in Istanbul. Bild: Keystone

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Ungleichheit müsse nichts Schlechtes sein, sagen viele Ökonomen. Sie habe einen Nutzen für die ganze Gesellschaft, weil sie den Wunsch zum Aufstieg wecke und die Menschen zu besonderen Leistungen ansporne. Die OECD – nicht gerade als Hort linken Gedankenguts bekannt – hält dem nun eine andere Sicht entgegen.

Ungleichheit behindere die Wirtschaft, schreibt sie in einer neuen Studie, unter anderem, weil sie das Wachstum hemme. Sie sorge dafür, dass die untersten Schichten der Gesellschaft abgehängt werden. Die OECD macht in der Studie auch Lösungsvorschlage. Einer davon: Reiche sollen mehr Steuern zahlen, zum Zweck der Umverteilung.

Weniger Wachstum wegen Ungleichheit

Die OECD betrachtet in der Studie die wirtschaftliche Entwicklung ihrer 34 Mitgliedsländer seit 1985. Sie kommt zum Schluss, dass die Wirtschaft im Durchschnitt um 4,7 Prozent stärker hätte wachsen können, wenn die Ungleichheit nicht so gross gewesen wäre. Weil die Wenigverdiener oft keinen Zugang zu qualitativ hochstehender Bildung haben, wird ihr Potenzial laut OECD nicht optimal ausgeschöpft. Die Zahl der Uni-Abgänger schrumpft, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft stirbt. Das schade schliesslich der ganzen Gesellschaft, weil viel Kapital verloren gehe.

Zur Bemessung der Ungleichheit nutzt die OECD den Gini-Koeffizienten, ein statistisches Mass für die Verteilung des Einkommens. Am grössten ist die Ungleichheit demnach in Chile und Mexiko, gefolgt von der Türkei, den USA und Israel. Am geringsten sind die Einkommensunterschiede in nordischen Ländern wie Dänemark, Slowenien, Norwegen und Island. Die Schweiz (CHE) liegt auf Platz 12.

(Quelle: OECD)

Kein Sprungbrett, sondern eine Sackgasse

Die OECD kritisiert auch die hohe Konzentration des Reichtums. Die 10 Prozent der reichsten Haushalte verfügten heute über die Hälfte des gesamten Vermögens, während die 40 Prozent der ärmsten Haushalte etwa drei Prozent besitzen. Gerade sie hätten in den letzten Jahren kaum vom Wirtschaftswachstum profitiert – teilweise sei ihr Einkommen sogar geschrumpft. Es drohe darum eine «Zerfaserung» des sozialen Gefüges.

(Quelle: OECD)

Dass die Ungleichheit in den letzten Jahren nicht noch stärker zugenommen hat, liegt laut der OECD zu einem grossen Teil an den Frauen. Da der Anteil Vollzeit arbeitender Frauen und ihr Durchschnittslohn in den letzten 25 Jahren zugenommen hat, habe sich auch der Gini-Koeffizient reduziert. Doch das Potenzial sei noch lange nicht ausgeschöpft. So verdienen Frauen noch immer 15 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen.

«An einem kritischen Punkt angelangt»

Die Autoren kritisieren auch den steigenden Anteil von prekären Temporär- und Teilzeitjobs, die mittlerweile ein Drittel aller Anstellungsverhältnisse ausmachen. Die Hälfte der seit Mitte der 90er geschaffenen Stellen seien sogenannte «non-standard jobs». Und viele der «non-standard»-Angestellten seien gegenüber den Festangestellten schlechter gestellt, in Bezug auf ihre Ausbildung, den Lohn, die Jobsicherheit oder Weiterbildungsmöglichkeiten. Haushalte, die auf das Einkommen durch solche Jobs angewiesen seien, hätten wiederum ein viel grösseres Armutsrisiko. Weil die Zahl dieser Haushalte in den letzten Jahren gestiegen ist, hat auch die Ungleichheit zugenommen. Ausserdem seien die Aufstiegschancen schlechter geworden: Viele der «non-standard jobs» seien kein Sprungbrett zu einer Festanstellung mehr, sondern eine Sackgasse.

«Wir sind an einem kritischen Punkt angelangt», sagt OECD-Generalsekretär Ángel Gurría. Die Regierungen müssten eingreifen, nicht nur aus sozialen, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen. «Tun sie das nicht, beschädigen sie das gesellschaftliche Gefüge und behindern das langfristige Wirtschaftswachstum.» Frauen müssten sich noch stärker am Erwerbsleben beteiligen können, und zwar zum gleichen Lohn wie Männer. Ausserdem müssten auch die Kinder einkommensschwacher Familien Zugang zu guter Bildung und sicheren Jobs haben. Und schliesslich müsse der Reichtum besser umverteilt werden. «Die Politik muss dafür sorgen, dass Reichere und multinationale Unternehmen ihren Teil der Steuerlast tragen.»

Die OECD ist nicht die einzige internationale Organisation, die auf die Gefahren durch Ungleichheit aufmerksam macht. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) präsentierte vor kurzem eine Studie, die davor warnt. Sie zeigt, dass Länder mit einer geringen Ungleichheit (nach Umverteilung) im Durchschnitt ein höheres Wirtschaftswachstum ausweisen als solche mit grosser Ungleichheit. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.05.2015, 14:36 Uhr

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