SNB im Krisenmodus – obwohl die Wirtschaft brummt

Die Wirtschaft läuft, trotzdem hält die Nationalbank an den ungeliebten Negativzinsen fest. Wieso das so ist.

Die SNB sieht noch immer Gefahren für den Frankenkurs und erklärt damit unter anderem die anhaltenden Negativzinsen. Im Bild: Präsident Thomas Jordan im Dezember 2017.

Die SNB sieht noch immer Gefahren für den Frankenkurs und erklärt damit unter anderem die anhaltenden Negativzinsen. Im Bild: Präsident Thomas Jordan im Dezember 2017. Bild: Denis Balibouse/Reuters

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Die Weltwirtschaft boomt wie schon lange nicht mehr, das gilt auch für die Schweiz. In ihrer geldpolitischen Lageeinschätzung von heute Morgen teilt auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) diese Einschätzung. «Das internationale Konjunkturumfeld ist gegenwärtig günstig», schreibt sie in ihrer gewohnten Zurückhaltung. Bei der Notenbank erwartet man, «dass die Weltwirtschaft auch über die kommenden Quartale stärker als ihr Potenzial wachsen wird». Das ist ein Hinweis darauf, dass die Nachfrage noch stärker zunimmt als das Produktionspotenzial der Weltwirtschaft.

Entsprechend positiv sieht man bei der SNB auch die Aussichten für die Schweiz. Schon im vierten Quartal sei das Bruttoinlandprodukt der Schweiz (BIP) aufs Jahr hochgerechnet um hohe 2,4 Prozent gewachsen. Für das laufende Jahr erwartet die Nationalbank wie bisher rund 2 Prozent Wachstum mit einer «weiteren allmählichen Abnahme der Arbeitslosigkeit». Schon im Februar ist die offizielle Arbeitslosenquote saisonbereinigt von 3 Prozent auf 2,9 Prozent gesunken. Getrieben wird das Wachstum hauptsächlich von der einst unter dem Frankenschock leidenden verarbeitenden Industrie, doch auch die übrigen Branchen trugen positiv dazu bei.

Die Vorsicht überwiegt weiter

Trotz dieser positiven Einschätzung zur Wirtschaftslage ändert die SNB nichts an ihrer stark expansiven Geldpolitik. Alles andere wäre aber auch eine Überraschung gewesen. Die wenig beliebten Negativzinsen bleiben damit bestehen. Das gilt einerseits für die 0,75 Prozent, die Banken auf Einlagen bei der SNB bezahlen müssen, statt dass sie etwas dafür erhalten. Es gilt aber auch für den Leitzins (3-Monats-Libor), dessen Zielband zwischen –1,25 und –0,25 verbleibt. In der Praxis bedeutet dies, dass die SNB dafür sorgt, dass auch der Zins für Ausleihungen zwischen den Banken bei rund –0,75 Prozent bleibt.

Selbst mögliche weitere Käufe von Devisen zur Abschwächung des Frankens schliesst die Nationalbank in ihrem Bericht nicht aus, in dem sie schreibt, sie bleibe «bei Bedarf» am Devisenmarkt aktiv. Allerdings ist das wenig wahrscheinlich. Seit dem vergangenen Sommer tätigt sie keine Käufe mehr. Nicht zuletzt deshalb, weil der Franken mit einem Kurs von knapp unter 1.17 pro Euro sich deutlich abgeschwächt hat. Noch im Juni des letzten Jahres kostete der Euro knapp mehr als 1.08 Franken.

Dennoch begründet die SNB die anhaltend expansive Geldpolitik weiter mit der Währung. «Der Franken ist nach wie vor hoch bewertet», heisst es in der heutigen Einschätzung. Die Lage am Devisenmarkt schätzen die Währungshüter weiterhin als «fragil» ein. Die monetären Bedingungen könnten sich schliesslich rasch ändern. Die Negativzinsen und die Bereitschaft zu weiteren Interventionen haben daher das erklärte Ziel, die Attraktivität von Anlagen in Franken tief zu halten. Nicht zuletzt habe sich der Franken seit dem Dezember, als die SNB das letzte Mal eine Lagebeurteilung vornahm, vor allem im Zuge der Dollarschwäche wieder aufgewertet. Noch Mitte Januar kostete 1 Euro mehr als 1.18 Franken.

Kein Ende der Negativzinsen in Sicht

Eine Änderung der SNB-Politik ist trotz der guten Wirtschaftsaussichten noch für längere Zeit nicht zu erwarten. Einerseits liegt das an der Europäischen Zentralbank, die noch mindestens bis zum September mit Käufen von Anleihen die Märkte mit Geld flutet und auch für lange Zeit danach den bei null Prozent liegenden Leitzins nicht erhöhen will – der Zins für Einlagen der Banken liegt sogar bei –0,4 Prozent. Im Vergleich dazu eine untergeordnete Bedeutung hat die Haltung der US-Notenbank, deren Leitzins-Zielband sich bereits zwischen 1,25 und 1,5 Prozent befindet. Dazu kommt, dass hier mit vier Erhöhungen im laufenden Jahr gerechnet wird.

Andererseits erwartet die SNB auch weiterhin eine nur sehr tiefe Teuerung in der Schweiz – daran muss sie sich vor allem ausrichten und mit ihrer Geldversorgung einen Wert von rund 2 Prozent anpeilen. Doch für das laufende Jahr erwartet sie nur eine Teuerung von 0,6 Prozent – wegen der erneuten Frankenaufwertung hat sie diese Prognose sogar etwas gesenkt. Selbst im nächsten Jahr sollen es nur 0,9 Prozent sein, und im Jahr 2020 soll die Teuerung erst bei 1,9 Prozent liegen, wenn die SNB ihre expansive Geldversorgung unverändert beibehält.

Angst vor dem Zinsschock

Dass es nicht erst dann zu einer Änderung kommen wird, davon ist man bei der UBS überzeugt. Wie der leitende Währungsstratege der Grossbank, Thomas Flury, in einem Kommentar schreibt, sei die SNB «nicht dafür bekannt, die Märkte langsam auf neue wirtschaftliche und geldpolitische Entscheidungen vorzubereiten». Er rechnet deshalb damit, dass die Nationalbank die Öffentlichkeit mit einer Straffung der Geldpolitik überraschen werde. Man geht bei der UBS davon aus, dass die SNB bereits im vierten Quartal des laufenden Jahres Zinserhöhungen in Erwägung zieht, wenn sich der Eurokurs dem Stand von 1.20 Franken nähert oder ihn überschreitet. Laut Flury wolle man bei der Notenbank auf jeden Fall früher als später einen Entscheid zum Auslaufen der Negativzinsen fällen, damit sie im Fall von darauffolgenden Turbulenzen mehr Spielraum hat, darauf zu reagieren.

Dass die SNB auf den Märkten schockartige Reaktionen nicht ausschliesst, wenn die Phase der Tiefst- bis Negativzinsen endet, zeigt auch eine in der Lagebeurteilung neu auftretende Warnung im Zusammenhang mit den Immobilienmärkten: Aufgrund der starken Preiszunahme im Bereich der Wohnrenditeliegenschaften (die sich jüngst allerdings etwas verlangsamt habe) bestehe hier die Gefahr einer Preiskorrektur. Zum Hypothekar- und Immobilienmarkt hält die SNB generell fest, dass die Ungleichgewichte bestehen bleiben. Während das Wachstum der Hypothekarkredite 2017 relativ tief geblieben sei, seien die Preise für Einfamilienhäuser und Eigentumswohnungen wieder rascher angestiegen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2018, 17:27 Uhr

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