Island liebäugelt mit der Geldrevolution

Die Wikingerinsel hat bereits alles erlebt: Hyperinflationen, Finanzcrashs, Bankenpleiten. Jetzt steht mit dem Vollgeldsystem eine radikale Reform zur Debatte, die auch in der Schweiz Anhänger hat.

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Niemand kennt den Wert von Stabilität besser als die Isländer. Hohe Inflationsraten plagten die nordische Insel in den Siebzigerjahren. In den Achtzigern mussten zwei Nullen von der Währung gestrichen werden. 2008 knallte es in der Finanzbranche, wo sich zuvor vulkanartige Risiken aufgetürmt hatten. Bis heute leidet die Gesellschaft unter den Bankenpleiten, die das Land während der Finanzkrise ins Chaos stürzten.

Kein Wunder, dass gerade isländische Politiker nach neuen wirtschaftspolitischen Rezepten suchen – und dabei aufs Ganze gehen, so wie Frosti Sigurjónsson. Der Vorsitzende des Parlamentsausschusses für Wirtschaftsangelegenheiten und Handel hat kürzlich einen Reformvorschlag präsentiert, der einer eigentlichen Revolution gleichkommt. Sigurjónsson will das sogenannte Vollgeld einführen – ein System, das die Banken entmachtet und dem Staat eine grössere Rolle im Finanzwesen einräumt.

Ein altes Konzept

Die Idee ist auch in der Schweiz bekannt. Hier wurde letztes Jahr die Vollgeldinitiative lanciert, 50'000 Unterschriften sind gesammelt. Sie will die Schöpfung von Buchgeld per Verfassung in die alleinige Verantwortung des Bundes beziehungsweise der Nationalbank legen. Dies, um die fundamentalen Fehlanreize im Bankenwesen zu beseitigen und künftigen Finanzkrisen vorzubeugen. Private Geldinstitute sollen nicht mehr mit selbst gemachtem Buchgeld spekulieren und im Krisenfall nicht mehr auf Kosten der Allgemeinheit gerettet werden.

Das Konzept geht unter anderem auf den US-Ökonomen Irving Fisher zurück, der sich in den Dreissigerjahren mit der Grossen Depression beschäftigt hat. Eine der vergessenen Lehren von damals ist, dass die schlimmsten Wirtschaftskrisen ihren Ursprung oft im Finanzsystem haben: im Mechanismus der Geldschöpfung und -vernichtung durch private Banken. Deren exzessive Kreditvergabe heizt Booms an und übersteigert Krisen, wenn sie denn aufgrund von Stimmungswechseln plötzlich ausbleibt.

Das Privileg der Geldschöpfung

Im Vollgeldsystem wäre die Notenbank die alleinige Instanz, die Buchgeld schöpfen könnte (siehe Box). Die Geschäftsbanken würden zu reinen Servicedienstleistern für Privatleute und Unternehmen degradiert. Deren tägliche Gebrauchskonten wären vollständig durch Notenbankgeld gedeckt und somit komplett risikolos. Eigentliche Investments in Aktien, Unternehmenskredite oder Hypotheken könnten die Geschäftsbanken nicht mehr nach eigenem Gutdünken vornehmen, sondern nur in dem Umfang, in dem die Kunden ihr Geld von den Transaktionskonten auf spezielle Investmentkonten transferierten.

Das ist ein wesentlicher Unterschied im Vergleich zum heutigen System. Hier können Banken das von ihnen als Kredit vergebene Buchgeld letzten Endes «aus dem Nichts» schaffen, wie es im Bericht aus Island heisst. Premierminister Sigmundur Davíð Gunnlaugsson, der die Studie in Auftrag gegeben hat, verspricht sich vom Vollgeld viele Vorteile: weniger Bank-Runs, niedrigere Kreditzinsen, weniger Finanzspekulation und zusätzliche Staatseinnahmen über umgerechnet 14 Milliarden Franken. Eine stattliche Summe für die Nation von rund 300'000 Einwohnern.

Niemals in der Praxis erprobt

Bislang hat kein Land jemals Vollgeld eingeführt. Stattdessen wird mit sogenannten Mindestreservesystemen operiert. Dabei müssen Banken jeweils einen bestimmten Prozentsatz ihrer ausgeliehenen Gelder bei der Notenbank deponieren – die Mindestreserve. Die Notenbank nimmt ihrerseits Einfluss auf den Preis des Geldes, das die Wirtschaft braucht, und amtet daneben als Feuerwehr, wenn es in den Banken brennt. Doch den Gesamtumfang des Geldumlaufs bestimmen die Geschäftsbanken aus Profitabilitätsüberlegungen selbst.

Diverse Reformideen wurden dazu entwickelt. Verwandt mit dem Vollgeld ist der Chicago-Plan: Ein System, das 2013 von IWF-Ökonomen untersucht wurde und eine 100-prozentige Reserveeinlage für Kundendepositen bei der Notenbank vorsieht. Es soll bankengetriebene Boom-and-Bust-Zyklen einschränken und die Sicherheit des Finanzsystems erhöhen. Ein Entscheid von Island für eine dieser Varianten wäre eines der bedeutendsten jemals durchgeführten Finanzexperimente – dessen Ausgang gerade die Schweiz mit ihrem ähnlich dominanten Bankensystem interessieren sollte. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.04.2015, 08:02 Uhr

Geldschöpfung

In modernen Volkswirtschaften gibt es zwei Arten von Geld: physisches Bargeld und elektronisches Buchgeld. Eine gängige Ansicht ist, dass die Notenbank beide Geldmengen kontrolliert, indem sie «Geld druckt» bzw. den Banken eine gewisse Menge an Notenbankgeld zur Verfügung stellt, die dann übers Bankensystem «multipliziert» wird zu jener totalen Geldmenge, die schliesslich in der Realwirtschaft zirkuliert.

Diese Idee wird vom isländischen Vollgeldbericht aber als Mythos aus Einsteigerlehrbüchern bezeichnet. Zu Recht: Auch die britische Notenbank, die Bank of England, hat in einem Papier bereits dargelegt, dass die Geldschöpfung eigentlich umgekehrt funktioniert. Geld entsteht hauptsächlich im Geschäftsbankensystem, die Notenbank hat letztlich keine Kontrolle über den sogenannten Geldmengenmultiplikator.

Innerhalb einer Geschäftsbank entsteht Geld im wesentlichen so: Jedesmal, wenn die Bank einen Kredit vergibt, schreibt sie dem Kreditnehmer einen Betrag auf seinem Konto gut. Dabei wird neues, elektronisches Buchgeld geschaffen, das der Kreditnehmer für Zahlungen an andere Kontoinhaber (innerhalb und ausserhalb der Bank) verwenden kann.

Aufgabe der Bank ist es, sicherzustellen, dass in diesem Prozess stets genügend liquide Mittel vorhanden sind, um Transfers zu anderen Banken oder Barabhebungen gewährleisten zu können. Das simultane Kreditwachstum in verschiedenen Banken führt dazu, dass sich die elektronische Buchgeldmenge zu einem gewissen Grad einerseits vom Bargeld und andererseits vom Notenbankgeld (den Kontos der Banken bei der Notenbank) abkoppeln kann.

Die Anhänger des Vollgelds weisen darauf hin, dass der Staat heute zu Gunsten der Banken auf einen bedeutsamen Teil des automatischen Profits verzichtet, der durch die Geldschöpfung entsteht (die so genannte Seignorage). Im Vollgeldsystem wäre dies anders: Dort würde die Notenbank das jährlich neu zu schaffende Geld direkt an die Bürger oder den Staat verteilen. (ssc)

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