In einem Handelskrieg mit China ziehen die USA den Kürzeren

Die Zeichen stehen auf Eskalation: Wie äussern sich internationale Medien zur immer schärfer werdenden Rhetorik in Washington und Peking?

Noch verläuft der chinesisch-amerikanische Güteraustausch ohne Friktionen: Blick in einen Supermarkt in Shanghai, der auf importierte US-Produkte hinweist.

Noch verläuft der chinesisch-amerikanische Güteraustausch ohne Friktionen: Blick in einen Supermarkt in Shanghai, der auf importierte US-Produkte hinweist. Bild: Aly Song/Reuters

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«Wer hat in einem amerikanisch-chinesischen Handelskrieg mehr zu verlieren?» fragt die «Washington Post» in einer Analyse. Verlegt man sich einzig auf die Zahlen zum beiderseitigen Handelsverkehr, ist die Antwort klar: Die wirtschaftlichen Verluste für China wären grösser. Ist doch die weltweit zweitgrösste Wirtschaft auf Exporte angewiesen, und ein Fünftel ihrer Ausfuhren gehen in die USA. Auf 506 Milliarden Dollar summierten sich die chinesischen Lieferungen von Gütern und Diensten in den US-Markt im letzten Jahr – in die Gegenrichtung floss ein Volumen von 130 Milliarden.

Doch Handelskriege werden nicht nur an der wirtschaftlichen Front ausgefochten, sondern auch an der politischen, wie die «Washington Post» schreibt. Diesbezüglich sieht die Zeitung die Chinesen im Vorteil. Gegen Präsident Donald Trump sprechen die im Herbst anberaumten Erneuerungswahlen für den US-Kongress, bei denen selbst republikanische Parteigänger von Trump mit Sitzverlusten im Gefolge eines verschärften Handelskonflikts rechnen. Demgegenüber ist Chinas Präsident Xi Jinping mit seiner kürzlichen Wahl auf Lebenszeit gestärkt worden, er kontrolliert die Medien im Land und vor allem: Er sitzt auf einer immer noch gut gefüllten «Kriegskasse» von rund 3000 Milliarden Dollar, mit der sich die Schäden für chinesische Unternehmen und Konsumenten aus einem Handelskrieg zumindest vorübergehend abmildern lassen.

Präzis gezielte Gegenschläge

Derartige Mittel stehen dem US-Präsidenten selbstredend nicht zur Verfügung. Die «Washington Post» zitiert aus einem Papier der US-Denkfabrik Brookings Institution, das die Folgen der chinesischen Gegenmassnahmen auf Trumps Zollandrohungen untersucht hat. Fazit: Falls China tatsächlich die Zölle auf einem US-Importvolumen von 50 Milliarden Dollar anheben würde, wären 2,1 Millionen Arbeitsplätze in gut 2780 US-Wahlbezirken (Counties) betroffen – und von Letzteren stimmten im November 2016 über 80 Prozent für Trump als Präsident.

Auch die «New York Times» legt in einem analytischen Beitrag das Augenmerk auf die politischen Folgewirkungen eines chinesisch-amerikanischen Handelskonflikts. Diesbezüglich sieht das Blatt die Pekinger Führung im Vorteil. Und dies sollte es ihr erlauben, die wirtschaftlichen Schäden weitaus besser zu bewältigen als die Amerikaner. Zu Wort kommt der Chef des in Peking ansässigen Forschungsunternehmens Gavekal Dragonomics, Arthur R. Kroeber, wonach die US-Strafzölle das chinesische Wirtschaftswachstum im schlimmsten Fall um 0,1 Prozentpunkte schmälern würden. Sein Eindruck sei, so wird Kroeber zitiert, dass «in Washington übertriebene Vorstellungen darüber bestehen, wie schmerzvoll diese Zölle für China sein könnten».

Propagandistische Chance für Peking

Darüber hinaus, so hält die «New York Times» fest, bietet der Handelsstreit Präsident Xi Jinping die Gelegenheit, sich auf der Weltbühne als moralisch überlegener Akteur zu gebärden: Das Land zeigt sich als nüchtern-besonnener Interessenwahrer im Rahmen internationaler Abkommen vom Klimawandel bis zum Welthandel, während Trump in beiden Fällen ausschert und auf Alleingänge setzt. Chinas Staatsmedien nehmen diesen Ball dankbar auf, indem sie die US-Strafzölle als «gänzlich dem Trend hin zu wirtschaftlicher Globalisierung widersprechend» darstellen. Auch fehlt nicht der Hinweis, dass «die Zölle heute auf China abzielen und morgen andere Ländern aufs Korn nehmen können».

Wie die «New York Times» ferner festhält, lässt sich der Handelskonflikt für Chinas Kommunistische Partei vorzüglich ausschlachten. Sie kann diesen als weiteren Beleg dafür nehmen, dass es den USA letztlich darum geht, Chinas Aufstieg zu einer Weltmacht zu unterbinden. Gerade dieses Argument wird von der Partei immer wieder herangezogen, um ihren totalitären Machtanspruch zu begründen. In dieser Lesart sind die Strafzölle eine weitere Etappe in einem grundlegenden Wandel der US-Politik gegenüber dem Reich der Mitte: War diese zuvor während Jahrzehnten von Zusammenarbeit und Rücksichtnahme geprägt, so ist sie jetzt gegen China gerichtet aus Angst davor, dass die USA ihre bisherige privilegierte Stellung in der Weltordnung verlieren.

China muss sich bewegen

Wie die «Financial Times» zu bedenken gibt, schaden die Strafzölle der USA nicht etwa der Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Firmen, betroffen seien vor allem auch amerikanische Konzerne. Der heutige Welthandel ist eben nicht mehr durch den Austausch fertiger Güter wie in den 1980er-Jahren geprägt. Vorherrschend sind vielmehr Wertschöpfungsketten, an denen Unternehmen mit Zulieferungen aus der ganzen Welt beteiligt sind, bis schliesslich ein fertiges Produkt wie ein Auto oder ein Handy entsteht. Höhere Zölle auf chinesischen Importen in die USA werden somit dazu beitragen, dass US-Produkte – in denen chinesische Vorleistungen enthalten sind – ebenfalls teurer und damit weniger konkurrenzfähig werden.

Auf der anderen Seite befürchtet die «Financial Times», dass Peking versucht sein könnte, Verhandlungen mit der Administration Trump etwa über Lockerungen im Zugang für US-Unternehmen in den chinesischen Markt so lange zu verzögern, bis die nächsten Präsidentenwahlen zu einem Machtwechsel in Washington geführt haben. Aus Sicht des Londoner Wirtschaftsblatts liegt es an den Chinesen, sich zu bewegen und den USA ein wesentliches handelspolitisches Zugeständnis zu machen. Begründung: China betreibt unfaire Handelspraktiken. Das gilt für den Missbrauch geistigen Eigentums durch chinesische Unternehmen ebenso wie für verdeckte und offene Subventionen zugunsten von chinesischen Exporteuren.

Die «Financial Times» hat auch eine Idee, wo die Pekinger Führung ansetzen sollte. Nämlich beim Erfordernis für ausländische Konzerne, bei der Niederlassung in China ein Gemeinschaftsunternehmen mit chinesischen Partnern gründen zu müssen. Dieser Zwang, der unweigerlich zum Abfluss von Know-how an China führt, wird nicht in den USA, sondern auch in Europa immer wieder an den Pranger gestellt. Ohne eine solche konkrete Massnahme der Chinesen, so fürchtet die Zeitung, lässt sich eine Eskalation im Handelsdisput nicht abwenden. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.04.2018, 19:38 Uhr

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