Hunderte neue Handymasten pro Jahr

Der Wettbewerb im Mobilfunk dreht sich wieder ums Netz: Der Smartphone-Boom zwingt die Mobilfunkanbieter, viel Geld in neue Antennen zu investieren.

Angela Barandun@abarandun

Bei der Swisscom sind es 1,5 Milliarden Franken über die nächsten fünf Jahre, Orange sprach 2011 von 700 Millionen ebenfalls innert fünf Jahren: Im Mobilfunk stehen enorme Investitionen an, weil den Netzen sonst Überlastung droht. Mehr als die Hälfte aller Kunden nutzt heute ein Smartphone, um im Internet zu surfen, E-Mails zu schreiben, Fahrpläne abzufragen oder Videos anzuschauen. Neue Onlinedienste kommen praktisch stündlich dazu. Zuletzt haben sich die Datenströme auf dem Handynetz innert eines Jahres verdoppelt.

Das sorgt vor allem dann für Probleme, wenn viele Kunden gleichzeitig am gleichen Ort ins Internet wollen. Zum einen, weil dadurch jeder einzelne nur noch im Schneckentempo surft. Zum anderen, weil das Mobilfunknetz dadurch schrumpft: Je mehr Leute gleichzeitig eine Mobilfunkantenne anzapfen, desto weniger Fläche deckt sie ab. So kann es geschehen, dass man plötzlich in einem Funkloch steckt, wo vorher keines war. Im Jargon sagt man, die Zelle atme. Und den Antennen geht immer öfter die Luft aus.

Einheitsnetz? Kein Thema mehr

Zum ersten Mal, seit die Schweiz praktisch flächendeckend mit Mobilfunksignalen erschlossen wurde, werden das Netz und seine Qualität wieder zum zentralen Wettbewerbsfaktor. Dieses Mal steht statt der Abdeckung indes die Kapazität im Vordergrund. Dieser Wandel spiegelt sich etwa in der hohen Bedeutung, welche die Anbieter heute dem Netztest des deutschen Branchenmagazins «Connect» zumessen. Oder im Umstand, dass Sunrise und Orange den Bau eines gemeinsamen Netzes heute kategorisch ausschliessen. Oder in der Tatsache, dass Sunrise den strategischen Teil der Netzplanung wieder selbst in die Hand genommen hat.

Eine der zentralen Fragen für den Ausbau der Netze ist, wie viele neue Antennen gebaut werden müssen. Aufgrund der strengen Schweizer Strahlenschutzvorschriften und der Topografie benötigen die Anbieter viele, verhältnismässig schwache Antennen. Zugleich ist es in der Schweiz ausgesprochen schwierig, Baubewilligungen für Antennen zu erhalten. Im Schnitt dauert es zwölf Monate bis zur Bewilligung. Eingaben können sich aber über Jahre hinziehen. Für die Anbieter stellt das ein grosses Problem dar. Gregor Dürrenberger von der Forschungsstiftung Mobilkommunikation der ETH Zürich glaubt, dass sie versuchen werden, soweit möglich auf den Neubau von Antennen zu verzichten und stattdessen möglichst viel Kapazität auf den bestehenden Anlagen konzentrieren werden. «Auch aus Kostengründen», sagt Dürrenberger. Grob geschätzt rechnet er darum mit «einigen Tausend» neuen Handymasten über die kommenden Jahre – was dem Trend der vergangenen Jahre entsprechen würde.

Hunderte neue Masten pro Jahr

Die Angaben der Swisscom, die aufgrund der grossen Anzahl Kunden am meisten Ausbaubedarf hat, decken sich mit dieser Schätzung. Sie rechnet weiterhin mit 300 neuen Standorten pro Jahr. Orange plant für 2013 mit bis zu 400 neuen Standorten – doppelt so viele wie in den Jahren zuvor. Allerdings sagt Sprecherin Therese Wenger: «Wir hätten auch in den letzten Jahren gern mehr Antennen aufgestellt.» Sunrise äusserte sich nicht.

Wie ernst es den Anbietern ist, zeigte sich im Februar: Für insgesamt 997 Millionen Franken ersteigerten sie neue Mobilfunklizenzen. Damit können sie ihre Netze mit der neusten Handytechnologie namens LTE ausrüsten, die Geschwindigkeiten von bis zu 100 Megabit pro Sekunde ermöglicht. Zum Vergleich: Via Festnetz surfen die meisten Nutzer mit 10 Megabit pro Sekunde. Im Handynetz wird die Leistung aber unter jenen aufgeteilt, die über die gleiche Antenne surfen. In Städten, Zügen oder Sportstadien sind das schnell Dutzende, gar Hunderte von Nutzern. Weil im Moment erst wenige Handys den neuen Standard LTE empfangen können, bringen die Anbieter parallel dazu die Technologie UMTS auf den neuesten Stand.

Möglicher Zündstoff liegt in den je nach Schätzung zwischen 1500 und 2500 Handymasten, an denen die Antennen mehrerer Anbieter hängen. Wenn nun mit dem Kapazitätsausbau der Platz – sprich das erlaubte Strahlenbudget – knapp wird, könnte der Eigentümer des Standorts die Konkurrenz verjagen. Dazu ist es bislang noch nicht gekommen. Betroffen wären davon aber vor allem Sunrise und Orange, da die meisten der gemeinsam genutzten Standorte der Swisscom gehören.

DerBund.ch/Newsnet

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