Diese Stellen kommen nicht wieder

Das grosse Arbeitswunder in der Hightech-Industrie blieb aus. Donald Trump will die verlorenen Jobs zurück in die USA holen. Er wird seine Wähler aber wohl enttäuschen müssen.

Flexible Fertigungskette: Eine Mitarbeiterin in einem Apple-Betrieb im chinesischen Shenzhen. Foto: Thomas Lee (Bloomberg)

Flexible Fertigungskette: Eine Mitarbeiterin in einem Apple-Betrieb im chinesischen Shenzhen. Foto: Thomas Lee (Bloomberg)

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Kurz nach dem Wahltag rief Donald Trump Tim Cook an. «Tim, sagte ich, für mich wäre es ein echter Erfolg, wenn ich Apple dazu bewegen könnte, einen oder viele grosse Produktionsbetriebe in den USA zu bauen, statt in China oder Vietnam zu fertigen.» Was der Apple-Chef antwortete, ist nicht bekannt, da die Firma nichts zum vertraulichen Gespräch sagen wollte, doch Trump zeigte sich zuversichtlich. Seine Forderung werde erfüllt werden, behauptete er später bei einem Treffen mit der Redaktion der «New York Times». Schliesslich könnten Konzerne wie Apple seinen Steuerplänen – insbesondere der vorgesehenen Teilamnestie für die Rückführung der Auslandgewinne in Milliardenhöhe – nicht widerstehen. Somit werde er persönlich dafür sorgen, «Millionen gut bezahlter Jobs» in den USA zu schaffen.

Doch nichts in der Geschichte der US-Hightech-Industrie seit 2000 deutet auf ein derartiges radikales Umdenken hin. Die letzte Steueramnestie etwa verwendeten die US-Firmen fast ausschliesslich für die Erhöhung von Dividenden und für Aktienrückkäufe. Obwohl Präsident George W. Bush hoffte, die aus dem Ausland zurückgeführten Gewinne würden für die Forschung verwendet: Diktieren konnte er nicht, was die Firmen mit ihren Profiten tun würden. Dieser Punkt ist Marktwirtschaft in der puren Form. Entscheidender noch ist, dass Konzerne wie Apple in den letzten 15 Jahren eine ausserordentlich zuverlässige Produktionskette in Asien errichtet haben, die ihnen eine günstige Just-in-­time-Fer­tigung sichert. Und die neuen, grossen Software-Firmen wie Google und Facebook kommen mit weit weniger Angestellten aus als die früheren Branchenführer wie Microsoft oder ­Cisco. Die Automatisierung der Produktion und deren Verlagerung nach Fernost sind nicht mehr umzukehren.

David Deming, Ökonomieprofessor an der Harvard-Universität, schätzt, dass zwischen 2000 und 2012 mehr als 2000 Milliarden Dollar an menschlicher Arbeit vernichtet wurden, weil Firmen wie Amazon Roboter statt Arbeiter in den Verteilzentren beschäftigen und weil Apple mit einer winzigen, symbolischen Ausnahme des Mac-Computers nichts mehr in den USA herstellen lässt. In Mountain View, dem Geschäftssitz von Google, übernehmen heute Roboter die Nachtschicht für die Überwachung von Firmengeländen. Ihr Stundenlohn beträgt umgerechnet 7 Dollar, die Hälfte von Wachpersonal aus Fleisch und Blut.

Mehr mit weniger Angestellten

Die Tech-Industrie hat in 15 Jahren viel geschaffen: Smartphones für alle und ­jeden, digitale Musik und Filme auf ­Abruf, Facebook-Freunde und selbst einen Twitter-Präsidenten. Das grosse Versprechen, wie es Präsident Bill ­Clinton schon vor 15 Jahren formuliert hatte, blieb dagegen unerfüllt. Die Hightech-Branche schuf weit weniger Arbeitsplätze als erwartet. In seiner letzten Rede zur Lage versicherte Clinton noch, Amerika werde «die Welt hin zu einem gemeinsamen Wohlstand führen», und der technologische Wandel werde «der Hauptantriebsmotor» für den Arbeitsmarkt sein. Erfüllt wurde nur eine Seite des Versprechens: Die grossen Tech-Konzerne setzten einen unge­ahnten Wohlstand in Gang, doch nur eine schmale Schicht von Unternehmern wie Mark Zuckerberg und ihr ­Umfeld von Investoren und Ingenieuren wurde reich.

«Wenn Apple in Shenzhen ein Bestandteil braucht, so ist das innerhalb von einem Tag erhältlich.»Wirtschaftsprofessor Seung-jin Whang

So werden die fünf führenden Konzerne von heute – Apple, Google, Facebook, Microsoft und Oracle – um 80 Prozent höher bewertet als die fünf Grössten des Jahres 2000 (IBM, Cisco, Intel, Microsoft und Oracle). Die Kehrseite aber ist: Diese fünf Riesen beschäftigen zusammen nur 434'000 Angestellte (Ende 2015) – das sind 122'000 weniger als die fünf Grossen von damals.

Der Arbeitsmarkt driftete auseinander: In der Elektronik- und Computer­-fertigung ist die Zahl der Arbeitsplätze seit 1990 um fast die Hälfte gesunken. Die Lohnsumme ging um 30 Prozent zurück. Diesen Schwund in der Hardware-Produktion konnten die neuen Software-Unternehmen nicht wettmachen. Sie schufen zwar seit 2000 kontinuierlich neue Stellen, aber bieten heute weniger als eine halbe Million Jobs an. So beschäftigen Facebook und Google zusammen nur rund 85'000 Mitarbeiter, ein Drittel weniger als Microsoft, obwohl deren Marktwert doppelt so gross ist. Der erfolgreiche Software-Entwickler Whatsapp beschäftigte nur knapp 60 Angestellte, bevor er für 19 Milliarden Dollar von Facebook aufgekauft wurde. Die Fotoplattform Instagram hatte ­ 13 Angestellte, als sie 2012 für eine Milliarde Dollar von Facebook übernommen wurde. Amazon beschäftigt inzwischen 45'000 Roboter in den Verteilzentren. Sie verrichten die Grobarbeit beim Zusammenstellen der Sendungen. Für die Feinarbeit sind noch immer Angestellte aus Fleisch und Blut nötig, doch nicht auf längere Frist. Ökonomen sprechen von einem «Fähigkeits-gesteuerten Technologiewandel», der durch nichts zu bremsen sei.

Der Umschwung setzte nach dem Börsenkollaps von 2000 ein. Der Schock traf die US-Hightech-Industrie mehr als jede andere Branche und führte zu einem Umdenken. Nach und nach wurde die Fertigung in Tieflohnländer in Asien verlagert, in den USA verblieben vorwiegend noch das Design, das Marketing ­sowie Software-Entwicklung. Apple beispielsweise stellte die Produktion in den USA bereits 2004 vollständig ein und kehrte 2013 mit einer kleinen Produktion des Mac-Pro-Computers nach Texas zurück. Schon den iPod liess Steve Jobs von Anfang an in China herstellen. «Das machte Sinn, weil der iPod sehr arbeitsintensiv war», sagt Brent Schlender, Verfasser einer Jobs-Biografie. «Die Komponenten waren schwierig zu machen. Und sie waren so klein, dass nur geschickte Hände dies tun konnten.» In China war dies möglich, so Schlender, nicht aber in den USA.

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Selbst wenn Apple den iPod in Kalifornien hätte fertigen wollen, so war dazu keine Fertigungskette vorhanden. Als Steve Jobs das iPhone mit einem kratzfesten Glas versehen wollte, waren US-Hersteller dazu nicht in der Lage. Dies räumt auch der Spezialglashersteller Corning ein. «Unsere Abnehmer sind in Taiwan, Korea, China und Japan», sagte Corning-Vizepräsident James Flaws. «Wir können das Glas zwar in den USA machen, doch dauert das 35 Tage. Deshalb haben wir unsere Fabriken in der Nähe der Fertigungswerke von Apple gebaut; und diese sind eben in Übersee.»

Grandioses Eigengoal

Nicht so entscheidend wie die flexible Fertigungskette in Asien sind hingegen die Arbeitskosten. Mehrere Berechnungen zeigen, dass die Lohnkosten für ein iPhone in den USA zwischen 30 und 65 Dollar höher wären als in China. ­Gemessen an Verkaufspreisen von über 600 Dollar und einer Profitmarge von mehr als 40 Prozent wäre dies für Apple verkraftbar, sollte sich Tim Cook besonders patriotisch zeigen und Trump einen Dienst erweisen wollen.

Doch warum sollte Apple dem künftigen Präsidenten entgegenkommen? Tim Cook würde ein gewaltiges Eigengoal schiessen, wenn er ein iPhone «Made in USA» herstellen liesse. Der Aufbau einer Fertigungskette in den USA, die in ihrer Effizienz und Präzision mit den Werken in Asien mithalten könnte, wäre teuer und zeitraubend. «Die Geografie spielt eine entscheidende Rolle», meint Seungjin Whang, Wirtschaftsprofessor an der Stanford-Universität. «Wenn Apple in Shenzhen ein Bestandteil braucht, so ist das innerhalb von einem Tag erhältlich.» In den USA würde eine solche Bestellung mehrere Wochen dauern. Sollte Tim Cook tatsächlich eine US-Nachschubkette aufbauen wollen, so Whang, würde das direkt den koreanischen und chinesischen Konkurrenten in die Hand spielen. «Sie würden Apple spielend auf- und überholen.»

Donald Trump ist nicht der erste amerikanische Präsident, der wünschte, es wäre anders. Als Barack Obama vor vier Jahren mehrere Grössen aus der Hightech-Branche zu einer Aussprache einlud, wandte er sich mit der Frage an Apple-Gründer Steve Jobs, ob das iPhone in den USA gefertigt werden könnte. Jobs sagte es in fünf Worten: «Diese Stellen kommen nicht zurück.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.11.2016, 22:41 Uhr

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