«Die SNB hat ihr Pulver verschossen»

Der Zürcher Wirtschaftshistoriker und «Never-Mind-The-Markets»-Blogger Tobias Straumann über Euroschwäche, Eurobonds und die Ohnmacht der Nationalbank.

Wachsendes Problem des CH-Exportwirtschaft: Der Franken-Euro-Kurs.

Wachsendes Problem des CH-Exportwirtschaft: Der Franken-Euro-Kurs.

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Der Euro fällt im Vergleich zum Franken in atemberaubendem Tempo weiter. Was ist Ihr Rezept?
Mit Blick auf Europa ist die Einführung von Eurobonds anstelle der nationalen Staatsanleihen das einzige Mittel. Der Euroraum kann sich aber noch nicht dazu durchringen. Stattdessen senden die Verantwortlichen nur Signale aus.

Sie begreifen immer noch nicht, wie die Finanzmärkte funktionieren.
Die Märkte wollen Lösungen sehen und keine vagen Andeutungen.

Welche Rolle spielt hier die Schweiz?
Sie ist Zuschauerin.

Deren Exportwirtschaft Tag für Tag mehr unter der schwindsüchtigen Gemeinschaftswährung ächzt. Mit welchen Massnahmen könnten die Auswirkungen gemildert werden?
Es mag etwas trostlos tönen, aber es gibt in dieser Situation nur drei Möglichkeiten: den Wechselkurs verändern, den Firmen direkt Geld geben oder ihnen Massnahmen wie die Arbeitszeiterhöhung erlauben.

Beginnen wir bei der ersten.
Eine Intervention der Schweizerischen Nationalbank ist im Augenblick nicht möglich, weil sie zu früh interveniert und ihr Pulver verschossen hat.

Ist diese Massnahme somit ganz vom Tisch?
Ich würde die Möglichkeit einer Intervention nie vom Tisch nehmen. Es kann gut sein, dass wir das Instrument noch brauchen. Man könnte beispielsweise versuchen, wenigstens die untere Kurslimite von 1.20 Franken pro Euro zu verteidigen.

Verspricht die finanzielle Unterstützung von Firmen mehr Erfolg?
Man hat in der Vergangenheit immer wieder Branchen unterstützt, die wegen des Wechselkurses in grosse Probleme gerieten. In den 30er-Jahren gab es unter anderem die sogenannte produktive Arbeitslosenfürsorge. Anders als dies der Name suggeriert, ging es nicht um direkte Arbeitslosenhilfe, sondern man versuchte, die Kosten der Firmen in der Exportindustrie und im Tourismus auszugleichen. Die Firmen konnten beim Kanton anklopfen, der Kanton erhielt die Mittel dann vom Bund. Heute könnte der Bund einen Krisenfonds aufstellen, aus dem er Kredite vergibt. Wichtig ist allerdings, dass das nur auf Zeit passieren darf.

Firmen wie der Pharmazulieferer Lonza haben die Arbeitszeit vorübergehend verlängert.
Das ist die dritte Möglichkeit. Wann immer es eine Krise gab, haben die Firmen versucht, die Löhne zu senken.

Die Arbeitnehmervertreter tun sich sehr schwer damit. Sie verlangen von Bundesrat und Nationalbank tiefergreifende Massnahmen.
Aus der historischen Erfahrung heraus hat man im Gesamtarbeitsvertrag der Maschinenindustrie einen Krisenparagrafen hineingenommen. Er erlaubt es den Unternehmen, in Krisenzeiten von der Normarbeitszeit abzuweichen. Eine kleine, offene Volkswirtschaft wie die Schweiz muss kurzfristig agieren können. Nehmen wir die Innovationsförderung, um die Schweizer Wirtschaft krisenresistenter zu. Das ist gut, aber keine kurzfristige Massnahmen. Deshalb muss ich es wiederholen: Es ist trostlos, aber die drei Massnahmen sind das Einzige, was uns derzeit zur Verfügung steht. Arbeitszeiterhöhungen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.07.2011, 06:25 Uhr

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Wirtschaftshistoriker und Privatdozent an der Universität Zürich: Tobias Straumann.

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