Analyse

Die Revolution der Städte

Londons Bürgermeister Boris Johnson greift nach mehr Macht. Banker träumen gar von einem eigenen Staat. Warum Stadtstaaten wirtschaftlich so attraktiv geworden sind.

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Margaret Thatcher mochte London nicht. Die Hauptstadt war für sie eine Hochburg der Linken und der Gewerkschafter. Deshalb machte die eiserne Lady kurzen Prozess, schaffte das Stadtparlament, den Greater London Council, ab und beschnitt die Machtbefugnisse des Bürgermeisters drastisch. Heute ist London zwar das wirtschaftliche Zentrum des Vereinigten Königreichs, seine Politiker haben jedoch weniger Macht als die Provinzfürsten in Schottland, Wales und Nordirland.

Das passt dem aktuellen Bürgermeister Boris Johnson überhaupt nicht. Er ist zwar ein Konservativer und ideologisch seelenverwandt mit Maggie Thatcher. Doch er will mehr Macht, vor allem mehr Hoheit über die Steuereinnahmen. Diese sind in London deutlich höher als die Ausgaben. Johnson trifft damit den Nerv der Zeit. Schon sein Vorgänger Ken Livingstone hat nach einer Reise nach Singapur öffentlich gewitzelt, ob London nicht eine grosse Chance vergäbe, indem es sich nicht vom Rest des Landes abkoppele. Schliesslich kursiert unter Bankern seit längerem das Bonmot, wonach London eine «erstklassige Stadt mit einem zweitklassigen Hinterland» sei.

Die Gewinner der Rezession

Die Diskussion um London als eigener Stadtstaat mag spassig geführt werden, sie hat jedoch einen ernsten Hintergrund. Städte sind weltweit die grossen Gewinner der Rezession. Ob New York, München oder Zürich, ob Singapur, Paris oder Genf: Überall boomt die Wirtschaft und steigen die Preise für Immobilien. Die Wirtschaftskrise findet vor allem in den Randgebieten statt. Die Vorstädte, einst der Traum des aufstrebenden Mittelstandes, verarmen, die Innenstädte blühen auf.

Bruce Katz und Jennifer Bradley sprechen gar von einer «Metropolitan Revolution». In ihrem gleichnamigen Buch schreiben sie: «Allen Widrigkeiten zum Trotz sind die Metros im Begriff, die Wirtschaft zu restrukturieren.» Die beiden US-Ökonomen sehen in den Städten gar einen Gegenentwurf zu den bestehenden Nationalstaaten. «In vieler Hinsicht sind Städte und Metros im Begriff, uns in eine Wirtschaftsordnung zurückzuführen, wie sie vor dem Westfälischen Frieden geherrscht hat – die Seidenstrasse oder die Hansestädte –, zu einer Ära also, in der Städte die Grundlage für Handel und Wohlstand waren», stellen Bradley und Katz fest.

Selbst ist die Stadt

Tatsächlich beginnt sich das städtische Selbstverständnis grundsätzlich zu verändern. Schlafstädte, das war gestern. Im modernen urbanen Quartier wird gleichzeitig gewohnt, gearbeitet und gelebt. Es hat daher Industrie, Forschungsinstitute von Universitäten, Beizen, Läden, Theater und Wohnungen. Als Beispiel dafür gilt etwa das Quartier um den Kendall Square in Cambridge bei Boston. Dort stampft das Massachusetts Institute of Technology (MIT) einen Campus nach dem anderen aus dem Boden. Daneben lassen Novartis und Microsoft Forschungsstellen errichten. Gleichzeitig sind verdichtete Wohnungen im grossen Stil gebaut worden, und um den Platz selbst entsteht eine lebhafte Beizen- und Gewerbeszene. Pendeln und Autofahren werden zu Fremdwörtern.

Die Revolution der Städte ist eine Reaktion auf die Blockade der nationalen Politik. Zürich mag nicht mehr warten, wie das nationale Parlament entscheidet, und greift zur Selbsthilfe. Der rasche Ausbau des neuen S-Bahnhofes war nur mit einer Zürcher Vorfinanzierung möglich. Zum gleichen Mittel hat auch Los Angeles gegriffen. Weil aus Washington keine Unterstützung zu erwarten ist, wird eine neue U-Bahn mit eigenen Mitteln geplant. New York will zusammen mit privaten Spendern und Unternehmen eine neue technische Hochschule bauen. «Die tektonischen Platten der Macht verschieben sich», stellen Bradley und Katz fest. «Quer durch die Nation nehmen Städte und Metros ihr Schicksal in die eigenen Hände und formen ihre eigene Wirtschaftsordnung.»

Erstellt: 27.08.2013, 15:01 Uhr

Philipp Löpfe ist Autor im Ressort Wirtschaft von DerBund.ch/Newsnet.

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