«Die Eurozone hat keine Minute mehr zu verlieren»

Standard & Poor's hat Frankreich und Österreich die Top-Bonität entzogen. Die Medien in den betroffenen Ländern reagieren ganz unterschiedlich auf die schlechte Nachricht.

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Jan Knüsel

Frankreich ist in Sorge. Noch am 31. Dezember hatte Präsident Nicolas Sarkozy vehement betont, dass weder die Märkte noch die Agenturen die Politik Frankreichs bestimmen würden. Am Mittwoch sagte er an einer Kabinettssitzung, dass sein Land auf einem guten Weg sei. Seit gestern scheinen all diese Aussagen nichtig zu sein. Der Verlust des Triple A beherrscht die Schlagzeilen in der französischen Presse – und der Präsident steckt mittendrin.

«Sarkozys Strategie ist nicht wasserdicht», titelt «Le Monde». «Bis zum Schluss dachte Sarkozy, dass er einer Herabstufung entkommen würde», schreibt die Tageszeitung in einem Kommentar. Doch rund hundert Tage vor der Präsidentschaftswahl erscheine dieser Unglückstag wie ein Verdikt für dessen fünfjährige Amtszeit. «Le Monde» zitiert dem Elysée nahe stehende Quellen, wonach der Entscheid der Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) ein «politischer» sei.

Der wertvolle Talisman

Mehr als Frankreich habe S&P die Absenz einer gemeinsamen europäischen Politik bestraft, zumal Mario Draghi wiederholt betont hatte, dass die Europäische Zentralbank nicht unbeschränkt Staatsanleihen kaufen würde. Dieses Argument würde jedoch kaum jemand interessieren, meint «Le Monde» und folgert: «Die Position von Nicolas Sarkozy, der Frankreich als Alter-Ego Deutschlands präsentiert, stürzt in sich zusammen.»

«Le Parisien» schlägt in dieselbe Kerbe. Der Entscheid von Standard & Poor’s sei ein «harter Schlag fürs Elysée», der seit 1975 gehaltene «wertvolle Talisman» der Top-Bonität weg. «Sarkozys Schlacht um das Triple-A ist verloren», zitiert die Zeitung den oppositionellen Präsidentschaftskandidaten François Hollande. Die Strategie des französischen Präsidenten als Kapitän in der Bekämpfung der Eurokrise sei nachhaltig geschwächt und damit auch «die Ambitionen, Frankreich auf dasselbe Niveau wie Deutschland zu hieven».

Ein Segen für Österreich?

Genau wie Frankreich wird auch Österreich seit gestern von Standard & Poor’s nur noch mit AA+ bewertet. «Der Standard» sieht in dieser Herabstufung jedoch nichts Dramatisches. Das starke Engagement der österreichischen Banken in Ungarn, aber auch die intensiven Handelsbeziehungen mit Italien gelten gemäss Standard & Poor’s als Hauptgründe für die Abwertung.

«Wenn Österreich so gross wie Deutschland wäre, wäre es möglicherweise nicht heruntergestuft worden», zitiert die Tageszeitung den Bank-Austria Chefökonomen Stefan Bruckbauer. Vor einer weiteren Herabstufung sei Österreich jedoch weit weg, schreibt der «Standard» weiter. Noch liege die Verschuldungsrate mit 72 Prozent des BIP genug tief. Problematischer sei das Downgrading für Frankreich, aber auch für den Euro-Rettungsschirm.

«Die Presse» bemängelt hingegen die verpasste Gelegenheit, den Staatshaushalt in Ordnung zu bringen – trotz guter Konjunktur in den letzten zehn Jahren. Die Herabstufung sei in diesem Sinne eine Chance, endlich das Budget zu sanieren. «Unter der Voraussetzung, dass es der österreichischen Regierung mit der nachhaltigen Sanierung der Staatsfinanzen ernst ist, könnte der Verlust des AAA sogar ein Segen sein.»

«Kurze Atempause ist vorbei»

Die Reaktionen in der deutschen Pressen schwanken hingen zwischen Kritik an Frankreich und der Sorge um die Stabilität des Euro-Rettungsfonds. «Das degradierte Land», heisst es im Kommentar der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Es räche sich nun, dass Sarkozy die Tugend der Haushaltsdisziplin zu spät entdeckt habe. Der französische Präsident habe monatelang dafür plädiert, alles für die Bestnote zu tun. «Die Kehrtwende hin zur Resignation und Verharmlosung der Herabsetzung wirkte dann wenig glaubwürdig.»

Die «Financial Times Deutschland»schlägt in ihrem Kommentar dramatischere Töne an: «Die kurze Atempause war am Freitag schon wieder vorbei (...) jeder kleinste Hofffnungsfunken kann innerhalb weniger Stunden komplett verschwinden.» Zwar habe die Herabstufung von Frankreich und Österreich niemanden wirklich überrascht, die Anleger hätten sich seit Dezember darauf vorbereitet.

Doch der Entscheid von Standard & Poor’s spreche eine klare Sprache: «Alle bisher unternommenen Schritte der Euro-Regierungen hin zu einer Fiskalunion reichen noch lange nicht aus, um den Euro-Raum dauerhaft zu stabilisieren.» Eine echte Stabilitätsunion sei noch weit weg. «Die Eurozone hat keine Minute mehr zu verlieren», folgert das Wirtschaftsblatt.

Ins dritte Krisenjahr

Auch in den USA hat das Downgrading Frankreichs hohe Wellen geschlagen. Das «Wall Street Journal» ortet einen grossen Schaden für den Rettungsfonds. Dieser basiere gerade auf der Verlässlichkeit starker Staaten wie Deutschland, aber auch Frankreich. «Es ist ein Problem, wenn sich ehemals Starke in das Reich der Schwachen verschieben.» Immerhin sei Frankreich der zweitgrösste Garant für den Fonds.

Die Herabstufung betonte noch einmal das Leiden Europas, folgert derweil die «New York Times» etwas allgemeiner. Europa steht vor dem dritten Krisenjahr «ohne klare Lösung in Sicht».

DerBund.ch/Newsnet

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