Das Ende der wundersamen Geldvermehrung

Eine Volksinitiative will das Schweizer Geldsystem revolutionieren. Dank Vollgeld sollen Finanzkrisen verhindert werden und dem Staat Milliarden zufliessen.

Der Spekulation soll ein Riegel geschoben werden: Wertschriftenhändler an der Rohstoffbörse CME in Chicago.

Der Spekulation soll ein Riegel geschoben werden: Wertschriftenhändler an der Rohstoffbörse CME in Chicago.

(Bild: Keystone Kiichiro Sato)

Philipp Löpfe

Die ganze Welt spricht von Bitcoins, in der Schweiz wird eine Vollgeldinitiative gestartet. Wie das digitale Gold will auch das Vollgeld unser Geldsystem sicher machen, aber auf diametral entgegengesetzte Art und Weise. Während die Anhänger von Bitcoins die Zentralbanken aushebeln und so eine vom Staat vollständig unabhängige Währung schaffen wollen, geschieht beim Vollgeld das Gegenteil: Die privaten Banken dürfen kein eigenes Geld – sogenanntes Giralgeld – mehr schöpfen. Nur noch von den Zentralbanken herausgegebenes Geld – beispielsweise Münzen und Banknoten – wird als gesetzliches Zahlungsmittel anerkannt. Aber der Reihe nach:

Zwischen 1992 und 2008 ist die Geldmenge in der Schweiz um 121 Prozent gestiegen, das Bruttoinlandprodukt ist hingegen nominal bloss um 37 Prozent gewachsen. «Die Geldmengen überschiessen», sagt daher Joseph Huber, Finanzprofessor in Berlin und geistiger Vater der Vollgeldtheorie. «Es ist so viel Buchgeld im Umlauf, dass die Zentralbank kaum mehr eine Rolle spielt. Deshalb hat auch die Krisenanfälligkeit des Systems massiv zugenommen.»

Blasenbildung unterbinden

Wenn zu viel Geld hinter zu wenig Gütern nachjagt, dann entsteht Inflation. Derzeit liegt aber die Teuerung in den meisten Industriestaaten nahe beim Nullpunkt. Einige Staaten haben derzeit sogar eine leichte Deflation, will heissen: die Preise sinken. Wo liegt also das Problem? «Die Inflation hat sich nicht bei den Konsumgütern gezeigt, sondern in den Vermögenswerten», erklärt Huber. Immobilien und Aktienblasen haben das Finanzsystem geschwächt. Das Platzen dieser Blasen führt regelmässig zu grossen Folgeschäden in der Realwirtschaft.

Mit dem Vollgeld wäre dies nicht mehr möglich. Es bedeutet, dass nur noch Zentralbanken Geld schöpfen dürfen. Den privaten Banken hingegen wäre es verboten, Fiat-Money in Umlauf zu bringen, also via Kreditgewährung Geld aus der Luft zu schaffen. Sie dürften einzig noch Spargelder ausleihen und Geld, das sie von der Zentralbank erhalten. Damit wäre die Blasenbildung wirksam unterbunden. Die Zentralbank ihrerseits schafft nur so viel Geld, wie die reale Wirtschaft auch braucht. Sie passt damit ihre Geldschöpfung der Entwicklung des Bruttoinlandprodukts an. Spekulationen mit billigem Giralgeld wäre damit ein Riegel geschoben.

Staatsschulden ade

Warum aber geht man dann nicht einfach zu Privatgeld und Goldstandard zurück? «Das würde bald zu einem Monopol von wenigen Banken führen», erklärt Huber. «Diese hätten dann ein unglaubliches Privileg. Es würden geradezu neofeudalistische Verhältnisse entstehen.» Huber hingegen ist bekennender Ordoliberaler. Er will eine funktionierende Marktwirtschaft. Gerade deshalb plädiert er für eine starke Zentralbank. «Das ist keineswegs paradox», sagt er. «Nur dann haben alle anderen die gleichen Spielregeln im freien Wettbewerb.»

Geld schaffen zu können, ist tatsächlich ein riesiges Privileg. Wer Geld prägt, kann die Seigniorage kassieren. Darunter versteht man die Differenz zwischen dem Warenwert des Geldes und seinem Tauschwert. Das schenkt ein. Eine Hunderternote beispielsweise hat einen Warenwert von etwa 15 Rappen. Wenn nur noch die Zentralbank Geld schaffen könnte, dann würde die öffentliche Hand gewaltig profitieren. Allein bei der Einführung des Vollgeldes würden der Schweiz etwa 600 Milliarden Franken zufliessen. Die Staatsschulden von aktuell 211 Milliarden könnten damit gleich mehrfach beglichen werden. Auch danach würde der Staat viel Geld einnehmen. Für jedes Wachstum des Bruttoinlandprodukts um 1 Prozent erhielte er 7 Milliarden Seigniorage.

Und wer ist der Verlierer des Vollgeldes? Die Investmentbanken. Sie müssten ihre mit Krediten finanzierten, spekulativen und volkswirtschaftlich fragwürdigen Tätigkeiten einstellen, weil das Geld dafür viel zu teuer würde. «Sonst kommt niemand zu Schaden», versichert Huber. «Auch die Schweizerische Nationalbank kann wie bisher weitermachen.» Die Vollgeldinitiative hat teils prominente Anhänger, darunter die beiden HSG-Professoren Philippe Mastronardi und Peter Ulrich. Der Start der Unterschriftensammlung ist im Frühling 2014 geplant.

DerBund.ch/Newsnet

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