Bitte mehr Werbung für den Tourismus!

Auch in der Schweiz gibt es Probleme mit dem Massentourismus. Die Lösung klingt paradox.

Die Schweiz hat zu wenig, nicht zu viel Tourismus: Feriengäste auf dem Pilatus. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Die Schweiz hat zu wenig, nicht zu viel Tourismus: Feriengäste auf dem Pilatus. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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Wie das menschliche Frachtgut eines Kreuzfahrtschiffsgiganten über Venedig entlädt sich in der Schweiz der Unmut über den Massentourismus im eigenen Land. «Man kann kaum mehr mit dem Velo am Zytgloggen vorbeifahren, weil die Touristenhorden kopflos mit ihren Selfiestangen fuchteln», schrieb uns gestern ein Berner. «Ich fühle mich vor lauter Chinesen in meiner Heimatstadt nicht mehr wohl», meint eine Luzernerin. Und: «In meiner Geburtsstadt komme ich mir vor wie im Vergnügungspark», klagt ein Zürcher.

Die Klagen kommen von Herzen, keine Frage. Allerdings darf man doch einschränken: Im Vergleich mit Venedig, wo an Spitzentagen 130'000 Touristen auf 55'000 Einwohner treffen, sind selbst im umtriebigen Luzern die Verhältnisse noch heiter bis locker. Wenn die Hauptreisezeit vorbei ist, teilen die Berner ihre Lauben wieder vorwiegend mit Beamten ohne Zeit für Selfies. Nur an der Zürcher Bahnhofstrasse bleibt Englisch eine Hauptumgangssprache. Aber nicht wegen der Touristen, sondern wegen der Expats in den Banken und Informatikunternehmen.

Zudem: Das wirkliche Problem des Fremdenverkehrslandes Schweiz ist nicht zu viel, sondern zu wenig Tourismus. Daran ändern auch die wieder wachsenden Übernachtungszahlen nichts. Denn der zahme Aufschwung findet in den Städten statt, weniger in den hergebrachten Kurorten. Die Alpen, Wiege und Stütze des Schweizer Fremdenverkehrs, werden vom Publikum mehr und mehr gemieden. Da hat das Hotelsterben schon begonnen.

Das wirkliche Problem des Fremdenverkehrslandes Schweiz ist nicht zu viel, sondern zu wenig Tourismus.

Schuld daran sind weder der starke Franken noch die schneearmen Winter. Sie beschleunigen bloss einen Wandel, der viele andere Ursachen hat. Zuvorderst: die zersplitterte, oft immer noch kleingewerbliche Struktur der Branche. Von Pionieren einst geschaffen und historisch gewachsen, kann sie mit der ausländischen Konkurrenz kaum mithalten.

Schweizer reisen nicht, weil es billiger ist, zum Skifahren nach Vorarlberg. Sie erhalten dort für ihre Bedürfnisse ein besseres Angebot: verknüpfte Wintersportgebiete mit gemeinsamem Skipass, reibungsloser, bequemer Transport, konsequent modernisierte Hotels mit allem Komfort. Und vor allem: Im Idealfall ziehen alle Anbieter am selben Strick. Jeder Hotelier und jeder Bahnbetreiber weiss, dass er nur zusammen mit allen anderen gewinnen kann.

Wirtschaftsfaktor Fremdenverkehr

Daran hapert es in der Schweiz. Letzte Woche erst schimpfte im Glarner Kantonsparlament ein Touristiker, dass die Besitzer der Bergbahnen im Kanton sich nicht auf ein gemeinsames Ticket einigen können. Am konsequentesten macht es uns Schweizern ein Investor aus Ägypten vor, wie man mit Überzeugungsarbeit und mit finanziellem Risiko eine darbende Tourismusregion wie Andermatt in ein Rundumwohlfühlangebot für internationale Ferienreisende verwandelt.

Das Produkt zu verfeinern, ist das eine. Dafür das richtige Marketing zu machen, das andere. Einem Irrtum erliegen Fachleute, die glauben, Marketing werde künftig unnötig, weil die immer zahlreicher werdenden Gäste aus dem wachsenden asiatischen Mittelstand ohnehin Mundpropaganda machen würden. Genau das ist der Weg zu einem Massentourismus, über den uns die Kontrolle zu entgleiten droht.

Gezielte Propaganda lockt Touristen weg vom Trampelpfad.

Nicht weniger, sondern mehr Werbung braucht die Fremdenverkehrsnation Schweiz, um die Touristenströme zu lenken. Gerade jetzt, da der Massentourismus zunehmend in die Kritik gerät, kann gezielte Propaganda die Reiselustigen auf Gebiete abseits interkontinentaler Trampelpfade locken. Wenn ein einzelner Blogger, wie jüngst, Tausende ins Verzascatal locken kann, wird Schweiz Tourismus mit seinem Werbebudget mehr erreichen können – für Gegenden, die sich auf Touristen eingerichtet haben.

Marketing braucht es aber auch gegen innen. Mit dem Fremdenverkehr nehmen wir jedes Jahr 16 Milliarden Franken ein, 170'000 (Vollzeit-) Jobs hängen direkt vom Tourismus ab. Wer das weiss, wird mit Selfiestangen bewaffnete Chinesen leichter ertragen. Und willkommen heissen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.08.2017, 19:03 Uhr

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