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«Bei einer Demonstration verlierst du 1000 Euro am Tag»

Inmitten der Streiks und Tumulte warten viele Athener Geschäfte vergeblich auf Kundschaft. In der dauerblockierten Innenstadt gehen immer mehr Läden pleite.

Keine Geschäfte mehr möglich: Ein Demonstrant geht an einem beschädigten Gebäude in Athen vorbei.
Keine Geschäfte mehr möglich: Ein Demonstrant geht an einem beschädigten Gebäude in Athen vorbei.
Keystone

Ohne jede Warnung blockieren ein paar Dutzend Studenten eine Hauptdurchgangsstrasse in der Athener Innenstadt. Gemächlich marschieren sie mitten auf der Fahrbahn dahin, während sich hinter ihnen die Autos stauen. Entnervtes Hupen. Plötzlich lässt ein Fahrer den Motor aufheulen, schert aus und brettert über den Bürgersteig, knapp vorbei an einer Fussgängerin, die sich mit einem Sprung in Sicherheit bringen kann.

In Szenen wie dieser kürzlich flackert die wachsende Verärgerung und Verzweiflung auf, die viele Griechen inmitten von Finanzkrise, Sparzwängen, Demonstrationen und Streiks packt. «Es ist eine Katastrophe. Das macht uns kaputt», stöhnt Nikos Trovas. Er führt eine Parkgarage am Syntagma-Platz vor dem Parlament, der zum Brennpunkt des Protests geworden ist. «Die Strassen sind jeden Tag dicht. Also sitzen wir hier mit den Angestellten herum, gucken uns an und haben nichts zu tun.»

Früher ging es im Zentrum so quirlig zu, dass viele auf einen Aufschwung zu hoffen wagten. Jetzt, wenn nach Streik und Demo die Parolen verhallt sind und das Tränengas sich verzogen hat, besehen sich die Geschäftsleute den Schaden und fragen sich, wie lange sie das noch durchhalten können. Trovas sagt, sein monatlicher Umsatz sei im Vergleich zum Vorjahr um 40 Prozent eingebrochen. Das grösste Problem sei, dass die Demonstrationen häufig in Zusammenstösse zwischen steinewerfenden Jugendlichen und Polizisten ausarteten. «Das wirkt sich langfristig aus. Wenn die Leute die Krawalle sehen, haben sie Angst, mit dem Auto in die Innenstadt zu kommen.»

Kein Interesse mehr an Pelzen

Wer im Zentrum seinen Lebensunterhalt verdient, weiss nicht, wem er die Schuld an der Situation geben soll: der Regierung, die keine Alternative sieht zu Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen, wenn die Rettungsgelder fliessen sollen? Oder den Protestierern, die die Politiker satt haben? Bei jeder grösseren Demonstration lassen Läden und Cafés schleunigst die Rolläden herunter, die nach unzähligen eingeschlagenen Schaufenstern bei Krawallen der letzten Jahre eingebaut wurden. «Bei einem Streik oder einer Demonstration verlierst du 1000 Euro am Tag. Wir machen weiter, ohne Hoffnung», sagt Constantinos, der nach Abzug der Demonstranten sei Café am Syntagma-Platz wieder öffnet und seinen Nachnamen sicherheitshalber nicht genannt wissen möchte.

Nicht nur die Autofahrer meiden das Stadtzentrum. In dem beliebten Einkaufsviertel hinter dem Syntagma stehen jetzt mehr und mehr Läden leer. An den Schaufenstern steht «Zu vermieten». «An 200 von 365 Tagen können wir nicht arbeiten», sagt verärgert die Inhaberin eines Modegeschäfts, Georgia Brezati. «Das Zentrum ist die ganze Zeit dicht, und niemand unternimmt was dagegen. Ich kann nicht für 365 Tage im Jahr besteuert werden und nur an 100 Tagen arbeiten.» Es gehe stetig bergab, klagt sie. «Es herrscht eine schreckliche Unsicherheit.» Zudem komme die Gegend um den Syntagma immer mehr herunter, wenn Geschäfte aufgäben und sich zunehmend Kleinkriminelle, Bettler, Stadtstreicher und Drogensüchtige zeigten.

Kunden lassen sich kaum blicken. Brezati sitzt an einem Tischchen vor ihrem Laden und schlürft einen Kaffee. Passanten betrachten flüchtig die Lederjacken und Pelzmäntel im Schaufenster, aber sie treten nicht ein. «Unsere Kunden kommen nicht mehr, um etwas zu kaufen», sagt sie. «Sie kommen, um ihre Pelze und Ledermäntel zu verkaufen, weil sie das Geld brauchen, um die Strom- und Wasserrechnung zu bezahlen.»

dapd/kpn

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