Wenn der Kassenwechsel scheitert

Eine andere Krankenkasse und schon gehts besser? Von wegen! Die Gründe für neue Probleme.

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Matthias Pfander@MatthiasPfander

Die Krankenkasse wechseln – vor diesem Schritt scheuen die meisten Versicherten zurück. Beim letzten Wechseltermin verliessen nur 684'000 Personen ihre bisherige Grundversicherung, wie eine Umfrage des Vergleichsdienstes Comparis zeigt. Das entspricht 8,3 Prozent der Versicherten. Am Aufwand kann es kaum liegen. Im Wesentlichen gilt es, die Fristen einzuhalten: Das Kündigungsschreiben an die bisherige Krankenkasse muss bis Ende November eingetroffen und die Beitrittserklärung zur neuen Krankenkasse muss bis spätestens Ende Jahr erfolgt sein.

Dennoch gehören Probleme mit dem Kassenwechsel zu den häufigsten Gründen, weshalb sich Versicherte an die Ombudsfrau der sozialen Krankenversicherung wenden. Während in der Öffentlichkeit das Thema Krankenkassenprämien und Kassenwechsel bis zum nächsten Herbst wieder ruht, stapeln sich jetzt bei Morena Hostettler Socha die Dossiers mit Fällen von Versicherten, die mit diesem Unterfangen scheiterten. Der Grund für die zeitliche Verzögerung: Bis nach einem Wechsel klar wird, was falsch gelaufen ist und die Betroffenen bei der Ombudsfrau vorstellig werden, dauert es jeweils durchaus ein paar Wochen.

Die Ombudsstelle ist als zivilrechtliche Stiftung organisiert und wird von den Krankenkassen finanziert. Sie versucht, bei Streitigkeiten zwischen den Kunden und ihren Krankenkassen als neutrale Instanz Lösungen zu vermitteln – sofern weder eine Verfügung erlassen noch ein Gerichtsverfahren eingeleitet wurde.

Ombudsfrau Hostettler Socha beschreibt die typischen Beispiele für Probleme beim Kassenwechsel:

  • Späte Anmeldung: Wenn der Versicherte zwar rechtzeitig gekündigt hat, aber bei der neuen Kasse die Beitrittserklärung zur Grundversicherung nur wenige Tage vor dem Jahreswechsel einreicht, kann sich die Aufnahme verzögern, weil der neue Versicherer dem bisherigen eine sogenannte Nachversicherungsbestätigung zustellen muss. Erst wenn diese bei der bisherigen Krankenkasse eintrifft, kann der Wechsel auf den ersten Tag des Folgemonats stattfinden. Die Konsequenz: Solange die Nachversicherungsbestätigung bei der bisherigen Krankenkasse noch nicht eingetroffen ist, erhält der Versicherte weiterhin Prämienrechnungen seiner bisherigen Krankenkasse.Die Konsequenzen in diesen Fällen können harmlos sein, wenn der Versicherte deshalb beispielsweise im Januar noch bei der bisherigen Krankenkasse versichert bleibt und lediglich für einen Monat die höhere Prämie seines bisherigen Versicherers bezahlen muss. Ins Geld gehen kann es aber, wenn der betroffene Versicherte mit dem Wechsel gleich auch eine tiefere Franchise festgelegt und genau für den Januar einen grösseren Eingriff geplant hat.
  • Stau in der Administration: Immer wieder verzögert sich der Versand der Nachversicherungsbestätigung, wenn eine Krankenkasse mit Neuanmeldungen überflutet worden ist. Da kann es ebenfalls vorkommen, dass der Kassenwechsel zum Beispiel erst auf den 1. Februar stattfinden kann. In diesem Fall, wenn der Versicherte die Beitrittserklärung rechtzeitig abgegeben, jedoch der neue Versicherer die Nachversicherungsbestätigung von seiner Seite zu spät versendet hat, muss dieser der versicherten Person den daraus entstandenen Schaden ersetzen. In den oben genannten Fällen beispielsweise die Prämien- und Franchisedifferenz.
  • Zahlungsverzug: Finanziell gefährlich wird es, wenn jemand Zahlungsausstände bei der bisherigen Krankenkasse hat: Sind die bis Ende November gemahnten Prämien, Kostenbeteiligungen und Verzugszinse sowie die bis zu diesem Zeitpunkt aufgelaufenen Betreibungskosten nicht bis Ende Jahr vollständig bezahlt, kann die Kündigung keine Wirkung entfalten. Der Kassenwechsel kann somit nicht stattfinden. Gemäss Krankenversicherungsverordnung muss die bisherige Krankenkasse sowohl den Versicherten als auch innerhalb von 60 Tagen die neue Krankenkasse über diesen Umstand informieren. Unterlässt sie diese Meldung, kann es sein, dass einem Betroffenen plötzlich zwei Rechnung von verschiedenen Anbietern ins Haus flattern. Tritt dies ein, rät Ombudsfrau Hostettler Socha, sofort mit der bestehenden Krankenversicherung zu klären, weshalb die Rechnung versandt wurde. Wer die Rechnung ignoriert und ins Altpapier wirft, läuft Gefahr, zuerst gemahnt und dann betrieben zu werden.

Generell stellt Hostettler Socha fest, dass immer mehr Leute Mühe haben, ihre Krankenkassenprämien zu bezahlen. Selbst jene, die eine Prämienverbilligung vom Kanton erhalten. «In diversen Kantonen müssen die Versicherten oft bis Mitte Jahr warten, bis die Prämienverbilligung an die Krankenkasse ausbezahlt wird.

Das ist für Leute mit knappem Budget viel zu lang», findet Hostettler Socha. Wenn die Versicherten deswegen mit der Zahlung der Prämien in Verzug geraten, werden sie betrieben. Das kann einen Teufelskreis auslösen. Hostettler Socha fordert deshalb die Schweizer Politik auf, hier zu handeln: «Die Kantone müssen in die Pflicht genommen werden, damit sie das Geld bereits Anfang Jahr auszahlen.»

Leichte Zunahme der Fälle

Zuletzt hat die Zahl der Fälle, die bei der Ombudsstelle letztes Jahr eingingen, wieder leicht zugenommen: von 5221 im Vorjahr auf 5259. Das sei im langjährigen Vergleich ein hohes Niveau, sagt Hostettler Socha. Einen starken Anstieg der Fallzahlen gab es im Anschluss an die Finanzkrise, weil die Reserven der Krankenkassen Verluste erlitten hatten. Dies führte einerseits zu einem starken Prämienanstieg, andererseits zu einer restriktiven Handhabung der Rückvergütung von Behandlungskosten, was die Versicherten veranlasste, mit der Ombudsstelle Kontakt aufzunehmen.

Die Leute, die sich bei der Ombuds- stelle melden, bilden den ganzen gesellschaftlichen Querschnitt der Schweiz ab. Es ist also alles dabei, vom Arbeiter bis zum Akademiker, von Gutverdienenden bis zu Sozialhilfeempfängern. Eine gewisse Häufung stellt Hostettler Socha bei Anfragen von jungen Familien und älteren Versicherten fest.

In der letzten Gruppe zeigt sich eine neue Tendenz: «Da gibt es Personen, die jahrelang für eine Zusatzversicherung bezahlt haben. Und jetzt, da sie ins Alter kommen und die Leistungen brauchen würden, können sie sich die Prämie nicht mehr leisten. Das ist hart», sagt die Ombudsfrau.

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