«Wir hatten ja alle mal viele Ideen, bevor wir uns anzupassen lernten»

«Bund»-Redaktor Mathias Morgenthaler hat 1000 Interviews zum Thema Beruf und Berufung geführt.

Bild: Adrian Moser

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Seit 20 Jahren führst du jede Woche ein Interview zum Thema Beruf und Berufung. Gehen dir nicht langsam die Gesprächspartner aus?
Nein, im Gegenteil, je länger ich mich mit dem Thema befasse, desto interessanter wird es. Am Anfang dachte ich, ich hätte Ideen für fünf bis zehn Beiträge, nun sind es über 1000 geworden und ich habe jede Woche die Qual der Wahl.

Wie findest du diese Menschen?
Es hat sich in den letzten 20 Jahren herumgesprochen, dass ich mich für Menschen mit nicht alltäglichen Lebensläufen und Berufen interessiere. So erhalte ich viele Hinweise auf interessante Gesprächspartner, die sich niemals von sich aus für ein Interview bewerben würden. Auch die Verlagsprogramme mit den Buch-Neuerscheinungen und manche Tagungsprogramme sind ergiebige Quellen. Zudem lese ich selber viel, Zeitungen und Zeitschriften, und entdecke dort Ansätze für spannende Geschichten. Und schliesslich melden sich mehrmals pro Woche PR-Agenturen, die mir Kunden als Interviewpartner empfehlen.

Und wie hoch setzt du die Hürde an, damit man in die Zeitung kommt?
Ich interessiere mich nicht in erster Linie für ein Fachgebiet oder eine Funktion, sondern für die Persönlichkeit, die ein Thema verkörpert. Die Leserschaft soll nicht nur schlauer werden, sondern auch einen besonderen Menschen kennen lernen, der offen erzählt, was er erlebt, erlitten und gelernt hat. Reines Expertenwissen oder taktische Aussagen langweilen mich ebenso schnell wie platte Erfolgsgeschichten. Spannend wird es, wenn der persönliche Antrieb eines Gesprächspartner spürbar wird – und dazu gehören immer auch Krisen und Ängste.

Wie läuft so ein Interview praktisch ab?
Meistens legen wir im Voraus fest, worum es gehen soll. Ich verschicke aber nie im Voraus ausformulierte Fragen, sonst fehlt die Spontaneität. Gute Interviews sind jene, in denen Dinge zur Sprache kommen, die vorher keiner der Gesprächspartner auf dem Zettel hatte. Ich arbeite keine Fragelisten ab, sondern versuche ein Gespräch zu führen, das mir erlaubt, ein Porträt in Interviewform zu verfassen. Teils treffe ich meine Gesprächspartner in einem Café, teils finden die Gespräche an ihrem Arbeitsort oder am Telefon statt. Bei der Niederschrift lasse ich vieles weg und fasse zusammen, aus Platzgründen, aber auch, um die Essenz sichtbar zu machen. Vor der Publikation können die Interviewten den Text durchsehen und Korrekturen oder Änderungswünsche anbringen. Oft geht das reibungslos, manchmal gibt es mehrere Verhandlungsrunden, bis die Endversion steht – vor allem dann, wenn Pressesprecher oder PR-Agenturen involviert sind.

Viele Interviews handeln von Erfolgsgeschichten: Banker, die sich als Shiatsu-Therapeut oder Teehändler selbstständig gemacht haben, oder die Germanistin, die den Beruf der Postkartenschreiberin erfindet. Gibt es keine Misserfolge?
Die erwähnten Personen litten unter gesundheitlichen Beschwerden, kämpften mit Zweifeln und Ängsten und nahmen beim Lohn Einbussen in Kauf. Oft ist es der Leidensdruck, der den Anstoss gibt zu Veränderungen, und selten verlaufen die Umstiege und Neuanfänge nach Plan. Ich erzähle keine Heile-Welt-Geschichten, die den Eindruck vermitteln, alles sei möglich, wenn man nur fest genug daran glaube. Die Interviews handeln davon, wie Menschen zu dem finden, was ihnen wichtig ist und entspricht. Viele andere sind in fremder Sache erfolgreich, erkaufen sich Status und Anerkennung durch Anpassung. Und stellen irgendwann fest, dass sie nicht wirklich gelebt haben. Das ist in meinen Augen der grösste denkbare Misserfolg.

Vielen «braven Angestellten» machst du also Samstag für Samstag ein schlechtes Gewissen, weil sie doch eigentlich ihren Traum leben sollten . . .
Nein, ich veröffentliche ja keine Ratschläge oder Bewertungen, sondern erzähle Geschichten in Interviewform. Viele lesen das Woche für Woche, weil sie sich für die Berufe und Abenteuer anderer interessieren. Und manchmal erkennen sie in einer Passage sich selber wieder oder fassen Mut, ein eigenes Wagnis in Angriff zu nehmen. Wir hatten ja alle mal viele Ideen und verrückte Träume, bevor wir lernten, dass man vernünftig sein und sich anpassen und absichern muss. Und wir wissen dank dem Bestseller der australischen Palliativkrankenschwester Bronnie Ware: Die meisten Menschen bereuen am Lebensende, dass sie zu viel Zeit mit sinnloser Arbeit verplempert haben und nicht mutig genug waren, ihr eigenes Leben zu leben.

Wenn alle Menschen ihrer angeblichen Berufung folgten: Wer wäre dann noch Buchhalter oder Verwaltungsangestellter?
Ich habe keine Bedenken, dass uns in der Schweiz die Buchhalter oder Verwaltungsangestellten so schnell ausgehen. Der Einwand «Es können doch nicht alle . . .» ist ein Totschlagargument gegen vieles, aber hier verfängt es nicht. Die Buchhalterin, die sich um den Jahresabschluss meiner GmbH kümmert, erzählte mir zu Beginn unserer Zusammenarbeit, was für eine befriedigende Aufgabe das sei, Ordnung in meinen Stapel an Dokumenten zu bringen und eine saubere Bilanz zu erstellen. Sie ist als Buchhalterin offensichtlich in ihrem Element, und ich bin dankbar dafür – für mich wäre es eine Qual.

Weisst du noch, mit wem du das erste Interview geführt hast?
Ja, das war Peter Brand, der damals als Berufsberater im BIZ Bern tätig war, ein besonnener, dankbarer Gesprächspartner, der es mir leicht machte. Aber die Schreibarbeit dauerte ewig. Ich schrieb das ganze Gespräch nieder, der Text war zehn Mal zu lang, ich kürzte und kürzte und schrieb um, eine richtige Zangengeburt. Ich war 21 und hatte kaum journalistische Erfahrung.

Wer war der schwierigste Interviewpartner?
Schwierig wird es immer, wenn ich mit einer Person das Interview führe und mit einer anderen über die schriftliche Fassung verhandeln muss. Bei manchen Konzernchefs sitzen drei Leute von der Kommunikationsabteilung dabei und formulieren nachträglich die Hälfte um. Da habe ich auch schon auf die Publikation verzichtet, weil ich keine Werbeprospekte abdrucken mag. Es ist eindrücklich, wie viel Angst manche Firmen davor haben, dass die Dinge beim Namen genannt werden. Ein sehr erfolgreicher Unternehmer mit Villa am Zugersee ging so weit mit seinem Kontrollwahn, dass er das Interview mit sich selber bereits vor dem Treffen geschrieben hatte, inklusive meiner Fragen.

Und welches Interview hat dich am meisten berührt?
Da gibt es viele. Unvergesslich ist das Gespräch mit dem 88-jährigen Philosophen Frithjof Bergmann, der im Hotelbett lag und dem ich immer wieder Kaffee nachschenken musste, damit er wach blieb. Oder das Interview mit dem Schriftsteller Peter Bichsel, mit dem ich in seiner Wohnung über die Neigung zur Traurigkeit als Grundlage des Schreibens sprach und über seine Freundschaft mit Max Frisch, dessen Pfeife als Mahnmal an der Wand hing.

Im Gegensatz zu vielen deiner Interviewpartner bist du seit 20 Jahren beim gleichen Arbeitgeber tätig.
Ich war immer sehr frei bei meiner Arbeit, konnte meinen persönlichen Interessen folgen und jede Woche Neues lernen. Was will man mehr als etwas tun, was einen selber berührt und offenbar auch viele andere! Deshalb ist mir diese Arbeit nie verleidet. Aber ich reduzierte mit der Zeit mein Pensum, gründete eine Firma, nahm Buchprojekte in Angriff, organisierte Veranstaltungen und bot Coachings an. Ich stellte mein Leben nie komplett auf den Kopf, aber es gab einige Veränderungen in dieser Zeit.

Welches ist das grösste Hindernis auf dem Weg in die Selbstständigkeit?
Das sind vor allem mentale Hindernisse. Eine Firma zu gründen ist heute formal sehr einfach, aber auf mentaler Ebene ändert sich einiges: Selbstständig zu sein bedeutet, unangeleitet zu arbeiten und selber zuständig zu sein. Das Schimpfen über Chefs entfällt, man ist plötzlich für alles verantwortlich und muss viele Lösungen finden, viel mehr selber entscheiden. Dazu kommt, dass die finanziellen Schwankungen grösser sind. Für viele bewährt es sich deshalb, in kleinen Schritten etwas aufzubauen. Ich kenne einige sehr erfolgreiche Unternehmer, die mit einer Freizeitbeschäftigung gestartet und diese sukzessive zu ihrem Beruf ausgebaut haben.

In deinem neuen Buch «Out of the Box» schreibst du, dass viele Karrieren von den eigenen Verletzungen beflügelt werden. Wie meinst du das?
Vielleicht eher geprägt als beflügelt. Manch glänzende Karriere wird angetrieben durch den Versuch, einen Mangel an bedingungsloser Liebe in der Kindheit zu kompensieren. Bemerkenswert ist, wie sehr wir alle geprägt sind von den gelebten und nicht gelebten Träumen unserer Eltern oder Grosseltern, und wie wenig uns die daraus resultierenden Glaubenssätze bewusst sind. Bei den meisten Menschen findet man relativ leicht eine Verbindung zwischen einer in jungen Jahren erlittenen Kernverletzung und ihrem Kerntalent, wie der Coach Klaus Siefert überzeugend darlegt. Ein Beispiel: Janosch, Autor vieler berührender Kindergeschichten, hatte eine so schreckliche, von Gewalt geprägte Kindheit, dass er sich heile Alternativwelten schuf, in denen er Zuflucht fand. Laut Siefert wird durch unsere Lebensgeschichte ein hochkarätiges Talent geschliffen, das wir nur dann vollkommen zur Entfaltung bringen, wenn wir uns auch mit der damit verbundenen Verletzung auseinandersetzen.

Mathias Morgenthaler: Out of the Box. Vom Glück, die eigene Berufung zu leben. Zytglogge-Verlag. 384 Seiten, 34 Franken. (Der Bund)

Erstellt: 04.11.2017, 08:45 Uhr

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