Wenn Roboter unsere Arbeit übernehmen

Bisher gibt es keinen Hinweis darauf, dass die Digitalisierung sehr viele Arbeitsstellen vernichtet.

«Folgen Sie mir»: Ein Roboter empfängt Fluggäste in Amsterdam. Foto: KLM

«Folgen Sie mir»: Ein Roboter empfängt Fluggäste in Amsterdam. Foto: KLM

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Spencer spricht mehrere Sprachen und reagiert nie genervt. Geduldig führt er hilfsbedürftige Passagiere am Flughafen Amsterdam zu ihren Gates. Die Tests mit dem menschenähnlichen Roboter waren ein Erfolg. Bald sollen deshalb viele der elektronischen Angestellten Reisende den Weg zeigen.

Solche Entwicklungen machen vielen Angst. Die Digitalisierung bedrohe unsere Jobs und unsere Einkommen, befürchten sie. Noch ist allerdings alles andere als klar, welche Folgen die neuen Technologien für die Arbeitsmärkte haben werden – zum Beispiel, ob uns Roboter dereinst alle arbeitslos machen.

Bisher zumindest gibt es keinen Grund zur Panik. Im Gegenteil: In den USA, Deutschland und der Schweiz herrscht so gut wie Vollbeschäftigung.

Bisher zumindest gibt es keinen Grund zur Panik. Im Gegenteil: In den USA, Deutschland und der Schweiz herrscht so gut wie Vollbeschäftigung. Ein negativer Einfluss der neuen Technologien ist nicht auszumachen. Ihre Auswirkungen auf die Beschäftigung waren auch laut einer Umfrage der Konjunkturforschungsstelle (KOF) bei Unternehmen zum grössten Teil nicht wahrnehmbar – unabhängig von Branche, Unternehmensgrösse, Ausbildungsstand der Beschäftigten oder Wettbewerbsfähigkeit der Firma.

In der Detailbetrachtung zeigt sich aber: Je grösser das Unternehmen und je besser die Ausbildung, desto stärker ist die Beschäftigung durch den Einsatz von digitalen Technologien angestiegen.

Das Beispiel Landwirtschaft

Doch die Geschichte lehrt, dass grosse technologische Errungenschaften einschneidende Folgen haben. Seit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert hat sich die Arbeitsgesellschaft komplett verändert. Viele Jobs sind verschwunden oder haben an Bedeutung verloren. Das zeigt sich am deutlichsten im Bauerngewerbe: Noch im Jahr 1800 war der grösste Teil der Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt. Und obwohl die Bevölkerung in der Schweiz seit damals um das Achtfache gewachsen ist und die Menschen noch immer auf Nahrung und damit die Produkte der Bauern angewiesen sind, arbeiten heute nur noch 3,3 Prozent aller Beschäftigten in diesem Bereich. Schon bis zum Jahr 1860 ist dieser Anteil auf 41 Prozent und dann innert eines Jahrhunderts weiter auf 11,2 Prozent gefallen.

Dass die Landwirtschaft mit viel weniger Beschäftigten einen viel grösseren Ertrag hervorbringt, liegt an gewaltigen technologischen Errungenschaften. Hätte man Bauern vor 200 Jahren erzählt, was auf ihren Berufsstand zukommt, hätten sie möglicherweise ähnliche Ängste umgetrieben, wie sie heute durch die digitale und die Roboterrevolution ausgelöst werden.


Dass die Landwirtschaft mit viel weniger Beschäftigten einen viel grösseren Ertrag hervorbringt, liegt an gewaltigen technologischen Errungenschaften.

Die Produktivitätsfortschritte der Vergangenheit hatten keine strukturelle Massenarbeitslosigkeit zur Folge. Für die verlorenen Jobs und Berufe sind unzählige neue entstanden. In der Schweiz sind heute rund 75 Prozent der Erwerbstätigen im Dienstleistungssektor beschäftigt, der unter anderem den Handel, den Tourismus, den Finanzsektor und die Verwaltung umfasst. Drei Viertel aller Menschen arbeiten in Bereichen, die nicht mehr für die Grundbedürfnisse der Menschen produzieren.

Eine Herausforderung bleibt der Wandel der Wirtschaftsstrukturen als Folge technologischer Neuerungen aber selbst dann, wenn alle untergehenden Jobs durch neu entstehende ersetzt werden. Denn dieser Wandel bedeutet auch, dass bisheriges Wissen und Können entwertet werden. Und dass beides für neue Anforderungen nicht von allen rasch genug erworben werden kann. Eine Kassiererin kann nicht von heute auf morgen als Programmiererin arbeiten.

Je rascher der Strukturwandel voranschreitet, desto grösser ist die Herausforderung, dass Beschäftigte aus untergehenden und überflüssig werdenden Berufen in neue oder solche mit wachsender Bedeutung wechseln können. Die Bereitschaft und das Angebot zur ständigen Weiterbildung ist deshalb eine wichtige Voraussetzung dafür. Dennoch kann niemand wissen, wohin die Reise geht. Welche Berufe und Fähigkeiten werden in Zukunft gebraucht? In welchem Ausmass? Und welche nicht mehr? Wir wissen es nicht.

Vorschlag Grundeinkommen

Was also, wenn jene recht bekommen, die behaupten, die neue technologische Revolution wirke sich auf den Arbeitsmarkt fundamental anders aus, als die bisherige Entwicklung? Bisher hat der Strukturwandel und der Produktivitätsfortschritt immer neue Möglichkeiten geschaffen: Nun kann es aber sein, dass der Strukturwandel zwar zu neuen Aufgaben und Beschäftigungen führt, die aber ebenfalls durch Roboter oder andere digitale Lösungen besser erledigt werden können als durch Menschen.

In diesem Fall bietet sich als Lösung ein bedingungsloses Grundeinkommen an. Dessen Anhänger argumentieren auch mit einem solchen Szenario. Wenn die Menschen ohnehin nicht mehr über den Arbeitsmarkt ihren Unterhalt verdienen können, dann muss die Verbindung zwischen Einkommen und Arbeit gekappt werden. Das würde aber bedeuten, dass die Gesellschaft sich spalten würde: in jene relativ wenigen, die noch irgendwie in den Arbeitsprozess integriert bleiben, in jene, die die Roboter und technologischen Lösungen – das Kapital – besitzen, und in die übrige Mehrheit an arbeitslosen Bezügern von Grundeinkommen. Wie sich das auf eine moderne demokratische und bisher relativ stark integrierte Gesellschaft auswirken würde, ist schwer vorstellbar.

Auf den ersten Blick erscheint das Szenario einer durch Roboter weitgehend arbeitslos werdenden Gesellschaft plausibel.

Auf den ersten Blick erscheint das Szenario einer durch Roboter weitgehend arbeitslos werdenden Gesellschaft plausibel. Das bevorzugte Beispiel für eine solche Entwicklung ist das fahrerlose, selbstfahrende Auto. Dabei geht es nicht nur darum, welche ökonomische Bedeutung es hätte, wenn menschliche Fahrer ersetzt werden können. Ein Auto zu fahren, ist eine hochkomplexe Angelegenheit, die viele vernetzte Fähigkeiten allein für die Koordination mit allen anderen Fahrzeugen und der Umwelt erfordert. Solche Aufgaben konnte bisher nur das menschliche Gehirn meistern. Wenn Roboter als selbstfahrende Autos dazu imstande sind, dann müssten sie eine Unmenge anderer menschlicher Aufgaben ebenfalls erledigen können.

Das Produktivitätsrätsel

Das Problem mit diesem Szenario hat der Wirtschaftsnobelpreisträger und Wachstumsforscher Robert Solow mit dem folgenden Satz auf den Punkt gebracht: «Man kann das Computerzeitalter überall sehen – nur nicht in den Produktivitätsstatistiken.» Tatsächlich wirken sich bisher die technologischen Errungenschaften aus dem IT- und Roboterbereich weltweit noch kaum auf die Gesamtwirtschaft aus.

Statt dass die Produktivität stärker wächst, wie das durch effizientere Technologien zu erwarten wäre, ist ihr Wachstum weltweit aussergewöhnlich tief. Und das nicht erst seit der Finanzkrise, sondern schon seit etwa der Mitte des letzten Jahrzehnts. Der amerikanische Ökonom und Produktivitätsforscher Robert Gordon führt als Grund für diese Entwicklung an, dass die neuen technologischen Möglichkeiten in ihrer Wirkung deutlich überschätzt werden und keinesfalls mit früheren technologischen Errungenschaften wie der Elektrifizierung verglichen werden könnten. Die neuen Technologien würden vor allem Unterhaltungszwecken dienen und damit die Produktivität der Wirtschaft kaum erhöhen.

Statt dass die Produktivität stärker wächst, wie das zu erwarten wäre, ist ihr Wachstum weltweit aussergewöhnlich tief. Und das nicht erst seit der Finanzkrise.

Eine andere Erklärung, die für das geringe Produktivitätswachstum vorgebracht wird, sind die weltweit deutlich eingebrochenen Investitionen – auch Investitionen in neue Technologien. Das zeigt sich in allen entwickelten Volkswirtschaften der Welt. Auch in der Schweiz war der Anteil der Investitionen in digitale Technologien im Zeitraum von 2003 bis 2013 rückläufig, wie eine Studie der KOF zeigt. Ein Grund, der für die geringen Investitionen genannt wird, ist das äusserst geringe Wachstum bei den Löhnen. Wenn Arbeit im Vergleich zum Kapital billiger wird, steigt ihr Gewicht auf Kosten von Investitionen in produktives Kapital.

Bildung als Schlüssel

Das könnte nicht nur erklären, warum die Produktivität tief geblieben ist, sondern auch, warum die neuen Technologien sich bisher kaum auf die Beschäftigung ausgewirkt haben. Wo die Arbeitslosigkeit hoch ist, hat das nichts mit technologischen Neuerungen zu tun, sondern vielmehr mit klassischen Gründen, wie einer schwachen Konjunkturlage oder mit strukturellen Problemen wie einem überregulierten, unflexiblen Arbeitsmarkt. Das zeigt sich auch im internationalen Kontext. Eine Studie der OECD zeigt bereits für das Jahrzehnt zwischen 1998 und 2008, dass Beschäftigungsmöglichkeiten für jene mit einer guten Ausbildung rund 15 Prozent zugenommen haben, während sie für Schlechtqualifizierte um mehr als 10 Prozent zurückglitten.

Wo die Arbeitslosigkeit hoch ist, hat das nichts mit technologischen Neuerungen zu tun, sondern vielmehr mit klassischen Gründen.

Bisher wirken sich die neuen Technologien nicht im Sinne einer Revolution auf den Arbeitsmärkten aus, sondern vielmehr im Sinn einer Evolution: einer steten, aber unumkehrbaren Entwicklung. Unsere Sommerserie liefert Beispiele für Berufe und Entwicklungen, die diese Entwicklung aus der Nähe zeigen. Wie die Geschichte früherer grosser technologischer Errungenschaften zeigt, sind aber auch relativ plötzliche und grosse Umbrüche weiterhin nicht ausgeschlossen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.07.2017, 20:54 Uhr

Serie

Jobmotor Digitalisierung

Die Digitalisierung schafft mehr Stellen, als sie vernichtet – sofern die Länder bezüglich Berufsbildung und Arbeitsmarkt gut aufgestellt sind. Sie hat Berufe erschaffen, die man sich vor einigen Jahren noch nicht hätte erträumen können. Wir stellen sie vor – und die Menschen, die sie ausüben. (TA)

Artikel zum Thema

Jobmotor Digitalisierung

Serie Auf den Spuren neu geschaffener Berufe in der Schweiz. Mehr...

5000 Läden in 7 Jahren verschwunden

Starker Franken, Einkaufstourismus und Digitalisierung: Die Umsätze der Marktführer Migros und Coop stagnieren, während die Discounter aufholen. Mehr...

Die digitale Vernetzung erobert die Landwirtschaft

Video Selbstfahrende Traktoren und Futterroboter: In der Forschungsanstalt Agroscope werden heute schon die Technologien des «Smart Farming» erforscht. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Kurz, bündig, übersichtlich

Montag bis Samstag die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt kostenlos abonnieren!

Kommentare

Blogs

KulturStattBern In zwischen Nutzungen

Abo

Das digitale Monatsabo für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital ohne Einschränkungen. Für nur CHF 32.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

«Für Bildung gibt es keinen Turbo»

Interview Die Schüler seien bereit für den Technologiewandel, sagt Ursula Renold. Probleme sieht die Bildungsexpertin an einem anderen Ort. Mehr...

Vom Foto-Spiel zum Vollzeitjob

Video Sylwina meldete sich vor vier Jahren bei Instagram an. Aus einem Hobby wurde ein Beruf, von dem die Frau nun leben kann. Mehr...

Der Lokführer steuert am Bildschirm

Video Lausanne betreibt als einzige Stadt in der Schweiz Züge, die ohne Lokführer auskommen. Mehr...