Vor dem Klassenzimmer macht die digitale Revolution halt 

Primarschüler kommen zu wenig mit der neuen Arbeitswelt in Kontakt und sind auf falsche Berufsbilder fixiert. Das gab auch in Davos zu reden. 

An Schweizer Schulen wird zwar gerechnet, doch nur wenige Schülerinnen und Schüler lassen sich dafür begeistern. Foto: Alamy Stock Photo

An Schweizer Schulen wird zwar gerechnet, doch nur wenige Schülerinnen und Schüler lassen sich dafür begeistern. Foto: Alamy Stock Photo

Karin Kofler@sonntagszeitung

Eine Gruppe von WEF-Teilnehmern besuchte diese Woche eine Primarschule in Davos. Das Ziel der Stippvisite: Die Kinder sollten Gelegenheit erhalten, den Managerinnen und Managern Fragen zu ihren Jobs zu stellen. Man wollte sich aber auch einen Eindruck darüber verschaffen, ob die vierte industrielle Revolution, welche die Arbeitswelt radikal verändern wird, bereits in irgendeiner Form im Klassenzimmer angekommen ist.

Diskrepanz zwischen Berufswunsch und Realität

Der Befund lautet: Nein. Die Zeichnungen über ihre Berufswünsche, welche die Kinder ablieferten, kommen nämlich so daher wie seit eh und je: Die Buben wollen am liebsten Sportler oder Mechaniker werden, bei den Mädchen stand Sportlerin auch ganz oben, gefolgt von Lehrerin. Programmierer? Softwareingenieurin? Fehlanzeige.

Nun ist es zwar ziemlich normal und auch gut, dass Primarschüler Träume haben. Doch die Zahlen der Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit in Europa OECD zeigen: Auch junge Menschen im Alter von 17 bis 18 Jahren interessieren sich häufig für Jobs, die in der modernen Arbeitswelt gar nicht gefragt sind. So streben etwa mehr als 15 Prozent der Jugendlichen eine Karriere im Kultur-, Medien- und Sportbereich an – obwohl sich die Zahl der in diesen Sektoren benötigten Personen bis 2024 drastisch reduzieren wird. «Es existiert ein Missmatch zwischen den Berufsvorstellungen der Jungen und der Realität», hält Andreas Schleicher, Chef für den Bereich Bildung und Fähigkeiten bei der OECD, fest.

Beeinflusst werden die Jobbilder von Schülern unter anderem von ihrem sozioökonomischen Hintergrund, aber auch von den Erwartungshaltungen der Eltern und von Geschlechterstereo­typen. Die Wahrscheinlichkeit etwa, dass Eltern einem Sohn eine Ingenieurkarriere zutrauen, ist dreimal höher als bei einer Tochter – selbst wenn beide über die gleichen Fähigkeiten verfügen. Entsprechend hoch sind die Berührungsängste bei den Mädchen.

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Dass Vertrautheit mit Technologie und Mathematik hilft, in der neuen Arbeitswelt zu bestehen, ist schon seit längerem bekannt. Doch Zahlen, die am Weltwirtschaftsforum präsentiert wurden, zeigen, dass die Schulen nicht genügend auf das vorbereiten, was künftig gefragt ist: So verfügt im OECD-Schnitt jeder zweite Mensch zwischen 16 und 24 Jahren nicht über genügend Kompetenzen, um komplexe digitale Informationen zu managen. Am besten schneiden im Ländervergleich Singapur, Korea und Finnland ab. Die Schweiz ist nicht aufgeführt, hat aber laut OECD-Experte Schleicher Aufholbedarf in ihrem Bildungswesen, was den Erwerb von Zukunftskompetenzen angeht.

Für Schleicher ist klar: Arbeitswelt und Schulen müssen früher miteinander in Berührung kommen, um die Schüler, aber auch die traditionell konservativen Lehrer mit den Jobs von morgen und den Umwälzungen im Markt in Berührung zu bringen. Ein positives Beispiel ist für ihn die Organisation Education and Employers, die am WEF zusammen mit der OECD auftrat. Die Stiftung schickt in Zusammenarbeit mit Firmen Freiwillige in die britischen Klassenzimmer, um jungen Menschen von ihren Karrieren zu erzählen und damit gleichzeitig auch Geschlechterstereotype zu brechen.

Neue Initiative an Schweizer Schulen

Nach demselben Prinzip wird nun eine Schwesterorganisation in der Schweiz aufgezogen, die unter dem Namen «Mod-elle» operiert. Sie ist seit kurzem in der Westschweiz aktiv und arbeitet derzeit mit acht Schulen in Lausanne zusammen. In den nächsten Monaten soll auch in die Deutschschweiz expandiert werden. Hierfür werden noch Partner und Freiwillige gesucht.

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