«Sie meinen, ich sei ein Diktator, der versucht, sein Ego zu füttern?»

Jean-Claude Biver arbeitet täglich 18 Stunden für seine drei Uhrenmarken – und gegen die Selbstzweifel.

Jean-Claude Biver ist Chef von drei Uhrenmarken.

Jean-Claude Biver ist Chef von drei Uhrenmarken. Bild: Adrian Moser

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Herr Biver, Sie sind bekannt für ihren Tatendrang und Enthusiasmus. Stehen Sie mit 68 Jahren noch immer jeden Morgen um 3 Uhr auf und beginnen um 4 Uhr mit der Arbeit?
Ja, meine Leidenschaft für dieses Metier hat keine Grenzen. Um 3 Uhr aufzustehen, fällt mir nicht schwer, ich brauche dazu keinen Wecker. Ich denke dann an die Konkurrenz, die noch schläft. Wenn ich jeden Tag zwei Stunden mehr arbeite als sie, macht das 600 Stunden oder 15 Wochen pro Jahr. Das ist dann, als würde die Konkurrenz erst im Mai mit der Arbeit beginnen. Bei sechs Stunden mehr pro Tag beträgt der Vorsprung pro Jahr zwölf Monate.

Vor neun Jahren sagten Sie mir im Interview, Sie möchten nicht mehr lange so weiterarbeiten, Ihre Gesundheit habe unter den 18-Stunden-Tagen gelitten. Fällt das Loslassen so schwer?
Ich arbeite heute mit 68 Jahren tatsächlich mehr als je zuvor. Aber ich sehe das als Privileg, so eng mit meiner Leidenschaft verbunden zu bleiben. Anstrengend sind vor allem die vielen Reisen. Ich bin 160 Tage pro Jahr unterwegs, im letzten Jahr habe ich im Flugzeug nahezu eine Million Kilometer zurückgelegt.

Warum tun Sie sich das an?
Ich muss den Puls fühlen. Der Kampf findet am Markt statt, nicht in den Büros. Nur wer die Kunden gut kennt, kann ihre Bedürfnisse befriedigen und den Markt bewegen.

Sie müssten als Spartenleiter Uhren des Luxusgüterkonzerns LVMH doch nicht mehr überall selber an der Front stehen.
Wenn ich unter mir drei starke Chefs hätte, welche die Marken mit Respekt vor ihrer Geschichte weiterentwickeln und zum Erfolg führen könnten, müsste ich das tatsächlich nicht mehr. Aber das ist leider nur bei Hublot der Fall. Bei TAG Heuer habe ich die operative Leitung schon Ende 2014 übernommen, bei Zenith nun kürzlich.

Manche Unternehmer suchen 20 Jahre nach einem Nachfolger, weil keiner es genau so macht wie sie. Ertragen Sie überhaupt starke Persönlichkeiten neben sich?
Sie meinen, ich sei ein Diktator, der versucht, sein Ego zu füttern? Das wäre traurig, wenn ich das mit 68 Jahren noch brauchte. Ich habe mehr erreicht, als ich mir je erträumt hätte. Und ich weiss, dass wir alle nackt sterben, dass wir nichts mitnehmen können. Also geht es darum, etwas zurückzugeben, andere zu fördern. Wer alles für sich behalten will, stirbt als einsamer Egoist. Sie können am Beispiel von Hublot sehen, dass ich das ernst meine. Ich habe die Marke mit einem Umsatz von 26 Millionen Franken übernommen und den Umsatz innerhalb von vier Jahren verzehnfacht. Seit 5 Jahren führt Ricardo Guadeloupe die Marke, und zwar sehr erfolgreich. Heute macht Hublot 500 Millionen Franken Umsatz.

Ich stehe um drei Uhr auf – dazu brauche ich keinen Wecker.

Mit welchen Gefühlen sind Sie diese Woche zur Baselworld, der weltweit grössten Uhren- und Schmuckmesse, gefahren?
Ich bin mit gespannter Vorfreude aus Hongkong angereist. Wir haben mit TAG Heuer schon vor 10 Tagen ein Ausrufezeichen gesetzt durch die Lancierung der ersten ganz in der Schweiz gefertigten Smartwatch. Sie kann dank der Modularität innert Sekunden in eine hochwertige mechanische Uhr verwandelt werden. Zudem gibts zum 85. Geburtstag von Jack Heuer eine limitierte Neuauflage der Autavia-Uhr. Mit Hublot sorgen wir an der Messe für viel Aufsehen, etwa durch Gehäuse aus weissem, rotem und blauem Saphir. Und wir lancieren drei auf 70 Stück limitierte Editionen zum 70. Geburtstag der Marke Ferrari. Das Gehäuse wurde von Ferrari-Designern entwickelt.

Da spricht ganz der Marketingprofi Biver. Die Frage war grundsätzlicher gemeint: Die Schweizer Uhrenindustrie musste zuletzt Federn lassen, die Exporte gingen um 10 Prozent zurück.
Nach fast 10 Jahren Wachstum haben wir jetzt zwei schwächere Jahre hinter uns. Dies hauptsächlich wegen eines Rückgangs in China, politischer Unruhen in der Welt, Terrorismus. Es handelt sich nicht um eine strukturelle Schwäche unserer Industrie, sondern eher um konjunkturelle Probleme. Ich erwarte nun eine Verbesserung, wenn nicht im ersten, dann sicher im zweiten Semester.

Wie stark hat der Dämpfer die Marken TAG Heuer, Hublot und Zenith getroffen, für die Sie die Verantwortung tragen?
TAG Heuer und Hublot haben 2016 den besten Umsatz der Geschichte geschrieben. Zenith war rückläufig wie die gesamte Industrie. Da bleibt einiges zu tun, weshalb ich Anfang Jahr bei Zenith die operative Führung übernommen habe.

Gibt es denn noch Wachstumspotenzial im Segment der Luxusuhren?
Das wird eine grosse Herausforderung für unsere Branche. Für die nächsten Jahre bin ich sehr zuversichtlich. Aber ich bin mir nicht sicher, wie sich die um die Jahrtausendwende geborenen Leute verhalten werden. Sie könnten ein anderes Verhältnis zum Luxus haben. Gut möglich, dass sie nicht nur weniger Interesse an teuren Autos haben, sondern auch andere Uhren wollen. Da brauchen wir unsere ganze Kreativität und Innovationskraft, um diese Kundschaft anzulocken und emotional an unsere Marken zu binden. Wir dürfen uns nicht auf den Rekordumsätzen ausruhen. Für mich gilt das tibetanische Sprichwort: «Wenn du den Gipfel des Berges erreicht hast, dann klettere weiter.»

Fragen Sie sich nie, wie lange Ihr Körper das noch mitmacht?
Ich bin von Geburt an privilegiert. Ich habe eine sehr robuste Gesundheit und viel Liebe erhalten von meinen Eltern.

In Ihrer soeben erschienenen Autobiografie schreiben Sie, wie Sie mit 10 Jahren aus Luxemburg in ein Internat am Genfersee geschickt wurden aufgrund der Trennung Ihrer Eltern.
Da habe ich erstmals Führungsverantwortung übernommen, und zwar gleich doppelte: für mich und meinen zwei Jahre jüngeren Bruder. Ich wusste, dass niemand die Probleme für mich lösen würde, dass ich auf mich gestellt war. Damals war das schwierig, im Rückblick war es eine grosse Chance.

Im Gymnasium war es nochmals schwierig, als Sie aus disziplinarischen Gründen eine Klasse wiederholen mussten.
Ja, da habe ich mich geschämt, als ich mit 18 Jahren plötzlich neben 20 Zentimeter kleineren Jungs in der Klasse sass. Meine erste Reaktion war: Denen zeige ichs! Und auch diese Krise hatte ihr Gutes. Nach der Rückversetzung fiel mir alles sehr leicht, die Matura und auch das Studium.

Und doch hat man das Gefühl: Sie wollen es immer noch allen zeigen.
Ich suche überall die Herausforderung. Mit meinen 95 Kilo bin ich ja kein Leichtgewicht, aber ich fahre mit dem Rad über Pässe und steige auf den Tourenski auf direktester Route den Berg hoch. Manchmal sage ich zu mir selber: «Du bist verrückt!» Aber ich will die Direttissima, ich brauche diese Challenge.

Wem wollen Sie etwas beweisen?
(Laut und bestimmt) Mir selber will ich etwas beweisen, nur mir selber. Es geht mir nicht darum, die anderen zu bezwingen – die anderen ticken zum Glück nicht so wie ich. Aber der Kampf gegen mich selber, das bleibt das Schwierigste. Meine Philosophie lautet «First – Different – Unique» – das gilt nicht nur für die Uhren, sondern auch für mich und alle Mitarbeiter. Wer der Erste sein will, wer einzigartig sein will, darf sich nicht vor Anstrengungen und Schmerzen fürchten. Nur der tote Fisch schwimmt mit dem Strom. Ich will kein toter Fisch sein, sondern gegen den Strom kämpfen, um lebendig zu bleiben.

Sie betonen in Ihrem Buch, dass Sie dank ihren herausragenden Leistungen immer mehr Selbstvertrauen aufgebaut haben. Kämpfen Sie auch gegen Selbstzweifel an?
Ich zweifle oft, und ich muss diesen Zweifel besiegen. Das ist ein permanenter Stachel im Fleisch. Ein normaler Mensch würde sagen: «Ich zweifle, ob das gelingt, also lasse ich es.» Ich sage zum Zweifel: «Schön, dass du da bist, ich werde dir beweisen, dass du unrecht hast.» Ich fälle gerne mutige Entscheidungen, und ich habe keine Angst vor der Niederlage. Viele Manager sind Technokraten, sie kennen alle mathematischen Modelle, aber ihr Instinkt und ihr Herz sind auf der Strecke geblieben.

 Der Kampf gegen mich selber – das bleibt das Schwierigste.

Bei Ihnen bleibt dafür das Privatleben auf der Strecke.
Nein, das stimmt nicht. Letzte Woche habe ich mit meiner zweiten Frau den 18. Hochzeitstag gefeiert bei einem schönen Essen. Am Sonntag davor bin ich mit meiner Schwiegertochter um 5.15 Uhr bei Sonnenaufgang zu einer Skitour in Crans-Montana aufgebrochen. Um 8.30 Uhr waren wir bereits wieder zurück bei der Familie. Solche Auszeiten sind für mich wie eine Woche Ferien.

Richtige Ferien machen Sie nicht?
Doch, aber es vergeht kein Tag, an dem ich nicht sechs Stunden meine E-Mails abarbeiten würde. Es kommt wirklich nie vor, dass ich abends ins Bett gehe, ohne alle Mails durchgeschaut und wo nötig beantwortet zu haben. Das ist für mich so normal wie Zähneputzen.

Warum delegieren Sie das nicht?
Weil ich die Temperatur der Firma spüren will. Ich erhalte auch Kopien aller Mails, die an die info@-Adressen der drei Uhrenmarken reinkommen. Ich will mitbekommen, was die Kunden fragen, und meine Mitarbeiter sollen spüren, dass ich interveniere, wenn sie nicht antworten. Aber ja, das bedeutet viel Arbeit. Deshalb akzeptiere ich keine Konzepte, die mehr als eine Viertelseite A4 umfassen. Sich kurzzufassen, heisst den Adressaten respektieren.

Sind Sie beliebt bei den Mitarbeitern?
Ich bin respektiert, weil ich mit voller Leidenschaft vorangehe. Und ich habe keine Chefallüren. Oft mache ich mir meinen Kaffee selber und bringe die Tasse in die Küche. Bei Hublot bin ich generell beliebt, bei TAG Heuer vielleicht bei 70 Prozent der Angestellten, bei Zenith stehe ich noch am Anfang.

Stimmt es, dass Sie jeden Montag Blumen im Wert von 10'000 Franken in Ihre Firmen bestellen?
Ja, das ist so. Ich will damit Farbe und Optimismus in die Firmen tragen und den Mitarbeitern meinen Respekt für ihre Arbeit ausdrücken. Je mehr Leute am Montag gerne zur Arbeit kommen, desto besser geht es der Firma.

Einer der mutigen Entscheidungen war, mit TAG Heuer eine Smartwatch zu entwickeln. Warum waren Sie als Liebhaber der edlen mechanischen Uhren da so forsch?
Weil ich den Chefs von Google und Intel zuhörte. Die sind überzeugt, dass unsere Smartphones bald von intelligenter Technologie abgelöst werden, die wir am Körper tragen; so wie die Taschenuhr von der Armbanduhr abgelöst wurde. Mir war klar: Wir müssen das Handgelenk erobern, alle Informationen dort kanalisieren. In 10 Jahren wird es vermutlich keine Smartphones mehr geben. Nun haben wir von der ersten Smartwatch 56'000 Exemplare verkauft, für die zweite Version peilen wir 150'000 an. Aber das ist nichts. Apple will dieses Jahr 20 Millionen Stück seiner Smartwatch verkaufen, der Gesamtmarkt wird auf 40 Millionen geschätzt. Vermutlich sollten wir die Ziele höher stecken.

Ihr Vertrag bei LVMH läuft noch bis zu Ihrem 70. Geburtstag. Was kommt danach?
Wenn ich bis dahin nicht drei starke Markenchefs gefunden habe, an die ich die operative Arbeit abgeben kann, wäre das die grösste Niederlage meines Lebens. Aber ich werde nicht aufhören mit 70. Ich werde nicht mehr operativ führen, aber noch für weitere 5 Jahre die Uhrendivision im Konzern leiten. Mit 75 werde ich dann kürzertreten und mehr Zeit mit meinen Enkeln verbringen.

Warum erst dann? Sie schildern im Buch, wie Sie sich bei der Taufe ihres dritten Kindes bei den beiden erwachsenen Kindern aus erster Ehe dafür entschuldigten, wie wenig Zeit Sie für die beiden gehabt hatten.
Ja, ich war wirklich wenig zu Hause damals und wollte in diesen Momenten, dass die Kinder in ihren Zimmern spielten. Man ist mit 51 ein besserer Vater als mit 31. Aber ich bereue nichts. Liebe ist eine grosse Kraft, aber nichts Exklusives. Mein Feuer für die Arbeit hat mich lebendig gehalten. Wenn ich nach dem Tod noch ein zweites Leben geschenkt bekäme, würde ich es nochmals genau gleich machen.

Und bis es so weit ist, halten Sie sich mit Arbeiten fit?
Man muss versuchen, nie alt zu werden. Wenn ich Gleichaltrige sehe, die seit drei Jahren im Ruhestand sind, erschrecke ich. Die denken und sprechen wie alte Männer. Deshalb will ich weiter lernen, weiter gestalten. Die Arbeit zwingt mich, jung zu bleiben. Ich habe die Arbeit nie als Pflicht gesehen, die mich von der Freizeit trennt, sondern als Kern meiner Leidenschaft. Seit der Studienzeit habe ich nie mehr gearbeitet, sondern habe nur noch das getan, was ich liebe. (Der Bund)

Erstellt: 25.03.2017, 08:24 Uhr

Jean-Claude Biver

Der in Luxemburg geborene Jean-Claude Biver (68) stieg nach dem Betriebswirtschaftsstudium in die Uhrenbranche ein. 1982 kaufte er mit Jacques Piguet Blancpain und führte die stillgelegte Marke zum Erfolg. Er verkaufte Blancpain 10 Jahre später an Swatch und wurde Direktor von Omega und wichtiger Vertrauter von Nicolas Hayek. 2004 übernahm er die kränkelnde Marke Hublot und verzehnfachte den Umsatz innerhalb von vier Jahren. 2008 wurde Hublot vom Luxusgüterkonzern LVMH übernommen. Dort trägt Biver seit 2014 die Verantwortung für die Uhrendivision (Hublot, TAG Heuer und Zenith). Biver ist in zweiter Ehe verheiratet und Vater dreier Kinder. Er lebt am Genfersee oberhalb von Tour-de-Peilz. Unter dem Titel «Du kannst alles, wenn du nur willst» ist dieser Tage im Orell-Füssli-Verlag seine Autobiografie erschienen. (mmw)

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