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Der gute Riecher des Studienabbrechers

Jürg Binz setzt mit seiner Firma über 60 Millionen Franken um. Ebi-Pharm ist der grösste Vertrieb in der Schweiz für Arzneimittel der Komplementärmedizin.

Mathias Morgenthaler
«Seit 1988 keinen einzigen Tag mehr krank gewesen»: Jürg Binz (70) fühlt sich als Unternehmer in seinem Element. Foto: Beat Mathys
«Seit 1988 keinen einzigen Tag mehr krank gewesen»: Jürg Binz (70) fühlt sich als Unternehmer in seinem Element. Foto: Beat Mathys

Nein, in den Kopf gestiegen ist ihm der Erfolg offensichtlich nicht. Jürg Binz empfängt den Gast im schlichten Besprechungszimmer im bernischen Kirchlindach. Die Fernsicht auf die Alpenkette ist grandios, das Firmengebäude so unspektakulär, dass man sich in einem Wohnblock wähnt. «Wir haben 1991 so gebaut, dass man die Büros im schlimmsten Fall in ein Doppeleinfamilienhaus hätte umbauen können», sagt Binz.

Drei Jahre zuvor hatte er sich entschieden, alles auf eine Karte zu setzen und eine Firma zu gründen, die komplementärmedizinische Arzneimittel einkauft und vertreibt. Jürg Binz und seine Frau Erika starteten das Business in einer 3-Zimmer-Wohnung in Bern, den Firmennamen Ebi-Pharm leiteten die beiden vom Kürzel «ebi» ab, mit dem Erika Binz in gemeinsamen Zeiten bei IBM gezeichnet hatte.

Er habe viel Glück und ein gutes Händchen mit dem Timing gehabt, sagt Jürg Binz freimütig. Tatsächlich war er in jungen Jahren weder ein Überflieger, noch lebte er besonders gesund. Die Rekrutenschule habe er mit weit über 100 Kilogramm angetreten, seine Eltern hätten ein Restaurant geführt und er sich meistens ungesund ernährt, erinnert sich der 70-Jährige. Regelmässig erkrankte er an Angina und schluckte Antibiotika. Naturheilkundliche Behandlungsansätze waren ihm damals so fremd wie gute Noten an der Universität.

Nach drei Semestern an der Hochschule St. Gallen und drei weiteren in Basel legte er das Betriebswirtschaftsstudium ad acta – «vielleicht war ich zu dumm dafür, oder mein Gestaltungsbedürfnis war einfach zu gross», jedenfalls habe er als Studienabbrecher bei IBM in Bern angeheuert und bald die kaufmännische Leitung übernommen.

Ayurveda in den Achtzigern

Es folgte das, was Binz im Rückblick glückliche Zufälle nennt. Der junge Familienvater wurde kaufmännischer Direktor bei der Galactina-Tochter Chassot, die auf Tiermedizin ausgerichtet war und bald die Humanmedizin-Abteilung abstossen wollte. Und Binz, der als Quereinsteiger keine Berührungsängste gegenüber der Komplementärmedizin hatte, entschied sich, ein Management-Buy-out zu wagen und eine Vertriebsorganisation für alternative Heilmittel aufzubauen.

In einer Grossorganisation hätte er vermutlich nie Karriere gemacht, glaubt Binz, zu ungern habe er fremde Anweisungen befolgt, zu gern selber entschieden. So setzte der Kaufmann schon Ende der Achtzigerjahre auf Ayurveda, Homöopathie, Phytotherapie und spagyrische Heilmittel – in einer Zeit, als erst die Bellevue-Apotheke in Zürich, die Familie Noyer in Bern sowie einige wenige Ärzte offen waren für solche Behandlungsansätze.

Über 1000 Produkte hat Ebi-Pharm an Lager.

Binz gewann ausländische Lieferanten als Aktionäre seiner Vertriebsorganisation und übernahm für sie die Registrierung bei Swissmedic und das Marketing. So startete er «überkapitalisiert und ohne Abhängigkeit von Banken» ins erste Jahr und erzielte da schon einen siebenstelligen Umsatz. Seither hat sich der Markt so stark entwickelt, dass Binz drei weitere Gebäude in Kirchlindach bauen und ein grosses unterirdisches Lager errichten konnte.

Über 1000 Produkte mit einem Warenwert von mehreren Millionen Franken hat Ebi-Pharm nun an Lager, die Schweizer Burgerstein-Mikronährstoffprodukte und die Spezialpflanzenextrakte von Ceres gehören zu den wichtigsten Umsatztreibern. 2019 erwirtschafteten knapp 100 Angestellte einen Umsatz von über 60 Millionen Franken, was Ebi-Pharm zur grössten Schweizer Vertriebsorganisation von Komplementärmedizin macht.

Tausende Bestellungen dank TV-Sendung

Am Anfang habe man sie als Exoten belächelt, sagt Binz und findet, es sei ganz gut gewesen, abseits des Scheinwerferlichts die Knochenarbeit zu machen, sprich Ärzte, Heilpraktiker, Drogisten und Apotheker zu überzeugen. Am 7. Dezember 1996 habe sich dann eine TV-Gesundheitssendung auf Sat 1 als «Lottosechser mit Zusatzzahl» herausgestellt. H15 wurde dort vorgestellt, ein ayurvedisches Weihrauchprodukt, das entzündungshemmend wirkte. In den folgenden Tagen gingen Tausende von H15-Bestellungen ein bei Ebi-Pharm, Binz musste alle Hebel in Bewegung setzen, um den Lagerbestand rasch aufzustocken.

Ein weiterer Meilenstein war 2009 das wuchtige Ja zur Verfassungsbestimmung «Zukunft mit Komplementärmedizin», dem Gegenentwurf zur zurückgezogenen Volksinitiative. Für Binz steht seither ausser Frage, dass das Interesse der breiten Bevölkerung an Komplementärmedizin gross ist. Umgekehrt wüssten die jüngeren Ärzte oft kaum über alternative Heilmethoden Bescheid, weil ihnen die Zeit und die Energie fehle, sich weiterzubilden.

Aufgrund der hohen Spezialisierung unter den Ärzten bleibe das vernetzte Denken auf der Strecke – der Magenspezialist schaue nur den Magen an, sein Kollege die Niere, ein anderer die Leber, und nicht selten kämen sich die verschriebenen Medikamente in die Quere. «Leider kennen sich nur wenige Ärzte mit Ernährungsfragen und Biochemie aus», bilanziert Binz. Ebi-Pharm wolle deshalb vermehrt Plattformen entwickeln zur Wissensvermittlung nicht nur an Ärzte, sondern auch an Laien.

Die Grenzen der Schulmedizin

Zahlreiche Beschwerden könnten mit einer gezielten Mikronährstoff-Supplementierung oder mit sanfter Medizin behoben werden. Binz liegt es fern, Gesundheitsratschläge zu erteilen oder Schul- und Komplementärmedizin gegeneinander auszuspielen. Bei akuten Erkrankungen möchte er nicht auf die Möglichkeiten der modernen Schulmedizin verzichten, versichert er. Bei funktionellen Störungen und schweren chronischen Krankheiten vermöge die auf Reparatur ausgerichtete Schulmedizin aber oft wenig auszurichten, da brauche es dringend mehr Prävention und ganzheitlichere Therapieansätze – auch solche, die noch nicht mit dem «monokausalen, reduktionistischen Ansatz der kontrollierten medizinischen Studien» erfasst werden können.

Die Nachfrage am Markt hat Jürg Binz in den letzten 30 Jahren recht gegeben; es bestand jedenfalls nie die Gefahr, das Firmengebäude in ein Wohnhaus zurückbauen zu müssen. Stattdessen ist die nächste Generation längst im Unternehmen eingezogen. Sohn Stefan Binz führt Ebi-Pharm operativ, Schwiegertochter Nicole Binz wirkt in der Personalabteilung mit, Tochter Andrea Zanetti unterstützt ihren Bruder, und Schwiegersohn Nicolai Zanetti führt Projekte im Bereich der Geschäftsentwicklung. Erika Binz, die Namensgeberin der Firma, kümmert sich um das Debitorenmahnwesen und die Seminare.

Ihr Mann fühlte sich als Unternehmer so sehr in seinem Element, dass er «seit 1988 keinen einzigen Tag mehr krank gewesen» ist. Ein Rezept für gute Gesundheit habe er nicht, sagt Jürg Binz zum Abschied, aber gute Ernährung, viel Bewegung und eine befriedigende Aufgabe hätten sicher dazu beigetragen.

Weitere Beiträge finden Sie im «Beruf + Berufung»-Archiv.

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