Über die «gläserne Klippe» gestürzt

Drei Top-Frauen mussten jüngst unter dem Druck aggressiver Fondsmanager ihren Platz räumen.

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Anfang Jahr sah es so aus, als ob Frauen in der Wirtschaftswelt eine wichtige Hürde genommen hätten. Zum ersten Mal hatten Frauen in mehr als 5 Prozent der 500 grössten US-Firmen die Führung übernommen. Doch diesen Sommer, mit dem Abgang von drei Top-­Chefinnen, ist der Fortschritt bereits wieder infrage gestellt. Alle drei waren in fast ausweglose Situationen geraten. Sie führten Firmen in Krisenlagen und wurden von aktivistischen Investoren belagert, die ihre Absetzung forderten.

Marissa Mayer ist vielleicht das beste Beispiel für eine Frau, die mit hohen Erwartungen (und gewaltigem Salär) in ein Krisenunternehmen wechselte, nach ersten Fehltritten von aktivistischen Anlegern belagert wurde und schliesslich den Chefsessel von Yahoo räumte.

Eine weitere Betroffene ist Sheri McCoy. In ihrer fünfjährigen Karriere beim Kosmetikunternehmen Avon eilte sie von einem Brandherd zum nächsten. Sie sollte die erodierenden Umsätze stoppen, den sinkenden Aktienkurs drehen und einen Bestechungsskandal in China lösen. Doch mehr als alles andere musste sie Attacken von Spekulanten abwehren. Dabei hatte sie nach ihrer Ernennung 2012 mutig entschieden, die lange vernachlässigte Anpassung von Avon an mobile, digitale Märkte nachzuholen. Die Mittel dazu beschaffte sie mit dem Verkauf von 80 Prozent des Nordamerikageschäfts an die Private-Equity-Gruppe Cerberus.

Das verschaffte ihr jedoch nur kurz Luft. Die Investoren von Barrington Capital belagerten sie unablässig, machten sie für eine «gewaltige Vernichtung von Aktionärsvermögen» verantwortlich und verlangten ihren Rücktritt. Letzte Woche gab McCoy nach; die Suche nach einem Nachfolger hat begonnen.

Von Brandherd zu Brandherd

Ähnlichen Pressionen war Irene Rosenfeld ausgesetzt, die Chefin des Nahrungsmittelkonzerns Mondelez. Sie hatte 2006 das Ruder übernommen und wurde rasch aktiv. Für 20 Milliarden Dollar kaufte sie den britischen Süsswarenhersteller Cadbury und spaltete den Konzern in zwei eigenständige Firmen auf. Ein Versuch, den US-Schokoladehersteller Hershey’s zu kaufen, scheiterte. Die alten Lebensmittelkonzerne befinden sich mitten in der grössten Umwälzung ihrer Geschichte; sie kämpfen mit schwindenden Umsätzen und sind besorgt, dass kleinere, neue Firmen mit ihren auf Wellness getrimmten Produkten besser ankommen.

Rosenfeld räumte diese Schwierigkeiten offen ein. «Das ist die unberechenbarste und wildeste Zeit, die ich in meiner 35-jährigen Karriere erlebt habe», sagte sie im Februar. Die Konsumentinnen hätten «unglaublich rasch» in Richtung Gesundheit und Wellness umgestellt, verteidigte sie sich gegen Bill Ackman und Nelson Peltz, zwei der aggressivsten Fondsmanager des Landes. Sie drängten auf ihren Abgang. Rosenfeld gab diesen Sommer nach und erklärte lakonisch, ihre Demission seit langem geplant zu haben. «Ich werde die ständigen Brandherde, die ich bekämpfen musste, nicht vermissen.»

Nelson Peltz belagerte nicht nur die Mondelez-Chefin, sondern bedrängte auch Pepsi-Chefin Indra Nooyi und Ellen Kullman, Chefin des Chemiekonzerns Dupont. Kullman trat 2015 zurück; die Pepsi-Chefin dagegen hat einen zu starken Leistungsausweis, um sich be­eindrucken zu lassen. Peltz gab seine ­Attacken auf.

Frauen gehen mehr Risiken ein

Frauen, die den Sprung an die Spitze schaffen, haben die sogenannte gläserne Decke durchbrochen. Frauen wie Marissa Mayer und Sheri McCoy, die Krisenfirmen führen wollen, können aber über eine «gläserne Klippe» stürzen. «Diese Frauen meinen, sie müssten die riskantesten Aufgaben übernehmen, um sich zu beweisen», sagte Christy Glass, Forscherin an der staatlichen Universität Utah, der «New York Times». Wenn sie allerdings scheitern, zahlen sie oft einen höheren Preis als Männer. «Das Scheitern bringt ihre ganze Karriere zum Entgleisen.»

Die Forscherin ist überzeugt, dass Frauen mehr Risiken eingehen, weil sie eher als Männer bereit sind, einen Sanierungsfall zu übernehmen. «Aber sie erhalten oft nicht die nötige Unterstützung oder Verantwortung, um die notwendigen Änderungen durchzusetzen.»

Diese Schwäche nützen aktivistische Investoren aus, wie eine Untersuchung der staatlichen Universität Arizona zeigt. Frauen haben in ihrem ersten Jahr an der Firmenspitze ein 34 Prozent höheres Risiko, von Spekulanten angegriffen zu werden als Männer. Zwischen 2003 und 2013 wurden 25 Prozent der Chefinnen der 1000 US-Topunternehmen Opfer solcher Attacken. «Frauen werden noch immer als schwächer wahrgenommen», sagt Studienleiterin Christine Shropshire, «man glaubt, sie bedeutend leichter drangsalieren zu können.»

Wie widersprüchlich und irrational das ist, zeigen zahlreiche Studien zum Leistungsausweis von Frauen. Obwohl sie nur knapp 5 Prozent der 1000 grössten US-Firmen führen, schaffen sie 7 Prozent des totalen Ertrags. Im Schnitt erzielen sie 34 Prozent höhere Gewinne für die Aktionäre als Männer. «All das zeigt, wie zögerlich der Fortschritt für Frauen an der Spitze ist», sagt Brande Stellings, Vizepräsidentin der Nonprofitorganisation Catalyst, die sich für die Frauenförderung starkmacht. «Es ist ziemlich traurig, dass wir an Ort treten.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.08.2017, 19:50 Uhr

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