Jungfirma will Schlüssel revolutionieren

Einbrecher können Schlüssel mit einem 3-D-Drucker kopieren. Ein Schweizer Start-up hat ein Produkt entwickelt, das ein Duplizieren verunmöglichen soll.

Klassische Schlüssel können ein Sicherheitsrisiko darstellen. Foto: Lutz Wallroth (Prisma)

Klassische Schlüssel können ein Sicherheitsrisiko darstellen. Foto: Lutz Wallroth (Prisma)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zwei Studenten des Massachusetts Institute of Technology (MIT) versetzten die Schlüsselbranche vor vier Jahren in Aufruhr. Mithilfe eines simplen Fotos und einer selbst entwickelten Software gelang es den beiden Forschern der renommierten amerikanischen Hochschule, eine Kopie eines Hochsicherheitsschlüssels mit einem 3-D-Drucker herzustellen. Ihr Experiment liess sich auch in der Schweiz nachvollziehen. Ein Test des «Beobachters» zeigte, dass man innert 30 Minuten eine nutzbare Kopie eines Hausschlüssels anhand eines Fotos drucken kann.

Solche Kopien können künftig wohl noch einfacher werden. Denn bereits sind erste Mobiltelefone auf dem Markt, die 3-D-Scans ermöglichen. Als Reaktion auf die Medienberichte über die Präsentation der MIT-Studenten haben die beiden Ingenieure Alejandro Ojeda und Felix Reinert im Juli 2014 das Zürcher Start-up Urbanalps gegründet. Das Ziel: die Konstruktion eines sicheren, mechanischen Schliesssystems.

Wenig teurer

«Das Sicherheitsversprechen der herkömmlichen Schlüssel gilt nicht mehr», begründet Jungunternehmer Ojeda. Gegenüber elektronischen Lösungen sieht er den mechanischen Ansatz im Vorteil, da dieser nicht so einfach von Hackern geknackt werden könne sowie weniger teuer und zuverlässiger sei. «Mechanische Schlüssel halten problemlos 30 Jahre lang. Davon können Besitzer von elektronischen Produkten nur träumen», so Ojeda.

Ihr Kernprodukt ist ein Tarnkappenschlüssel, den sie in diesem Jahr an einer Sicherheitsmesse in Dubai lancierten. Der Grundgedanke dahinter ist einfach: Seine sicherheitstypischen Vertiefungen und Einschnitte verstecken sich hinter einem Halbzylinder und sind so von aussen nicht einsehbar. «Der Name des Produkts ist Stealth Key. Er orientiert sich denn auch an einem Tarnkappenflugzeug», sagt Ojeda. Dieses fliege unter dem Radar der Gegner und operiere so ganz im Geheimen. Um ein solches Produkt herzustellen, hätten früher noch mehrere Einzelteile zusammengefügt werden müssen.

Nun könne der Titanschlüssel mittels dreidimensionalem Druck einteilig produziert werden. «Aus der 3-D-Druck-Gefahr entstand ein Teil der Lösung», sagt Ojeda. Zwar sei auch ihr Produkt nicht vollständig vor Kopien geschützt, doch seien für eine solche «teure Ausrüstung sowie ausserordentliche technische Fertigkeiten» nötig. So könne beispielsweise mittels Röntgen oder durch Halbierung des Schlüssels das Ziel erreicht werden.

Durch die leichte Kopierbarkeit können Ex-Partner, Putzfrauen und ehemalige Mieter zum Risiko werden.

Doch werden Schlüssel auch wirklich gefälscht? Tatsächlich kann derzeit noch kaum von einer akuten Gefahr gesprochen werden. Die Polizeibehörden von Zürich, Bern, Luzern und St. Gallen gaben an, dass ihnen bisher keine Diebstähle bekannt seien, bei denen 3-D-Schlüsselkopien verwendet wurden. Der Axa-Winterthur sind bisher ebenfalls keine Schadensfälle bekannt.

Auch der Schliesstechnikkonzern Dormakaba hat keine Hinweise darauf, dass aufgrund der 3-D-Technologie vermehrt Schlüssel kopiert werden: «Doch eine absolute Sicherheit gibt es nicht», sagt eine Sprecherin. Dies zeige sich auch in anderen sicherheitsrelevanten Themen wie dem weltweiten Hacking von mit hohem Aufwand geschützten Computersystemen. Allerdings seien die Hürden für die Kopie eines Kaba-Sicherheitsschlüssels sehr hoch.

Noch eine Kleinfirma

Ojeda glaubt an sein Produkt: «Vielleicht sind Kopien im Moment noch kein Problem. Doch der Fakt, dass alle Schlüsselhersteller derzeit versuchen, mit neuen Eigenschaften das Kopieren zu vermeiden, zeigt, dass es neue Ansätze braucht.» Auch sieht er die grösste Gefahr nicht beim gewöhnlichen Einbrecher. Dagegen können durch die kinderleichten Kopiermöglichkeiten jene Leute zum Problem werden, die leichten Zugang zum Hausschlüssel haben: Putzfrau, Ex-Partner oder ehemalige Mieter.

Mehr als die Hälfte des Marktes für Schliesssysteme wird von drei Konzernen beherrscht: dem schwedischen Konzern Assa Abloy (31 Prozent Anteil), der amerikanischen Firma Allegion (17 Prozent) und Dormakaba (16 Prozent). Verglichen mit ihnen, ist Urban­alps mit seinen fünf Angestellten noch ein Kleinstunternehmen. Zwar sei man offen, das Patent für den Schlüssel mittels Lizenz zu vergeben, und treffe regelmässig die anderen Anbieter. Bisher sei keine Zusammenarbeit entstanden.

Derzeit fokussiert sich das Unternehmen auf Kunden aus dem Hochsicherheitssegment. Ziel sei es nun, in den kommenden 2 Jahren von den derzeit 5 auf 15 Vollzeitstellen aufzustocken. Dann möchte man mit dem Stealth Key auch andere Marktsegmente wie etwa den Wohnungsmarkt durchdringen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.01.2018, 22:41 Uhr

Artikel zum Thema

Zürcher Start-up steigt in die Top-Liga auf

Mit PDF zum Erfolg: Smallpdf gehört mit zu den am meisten besuchten Websites weltweit. Was das dem Start-up bringt. Mehr...

Zweite Chance für Schweizer Start-ups

Start-ups kämpfen mit steuerlichen Nachteilen. Ein Vorschlag von SP-Nationalrätin Badran hätte das geändert. Doch wurde er versenkt. Nun wollen ihn einige Bürgerliche retten. Mehr...

Ein Start-up will die digitale ID für den Bund entwickeln

Die junge Firma Procivis versucht, sich gegen die Grosskonzerne durchzusetzen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Explosive Abrüstung: An der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea werden die Bewachungsposten abgebaut. (15. November 2018)
(Bild: Jung Yeon-je/Getty Images) Mehr...