iPhone beweist, wie absurd Schutzzölle sind

Die USA haben im Handelsstreit mit China nicht sehr starke Waffen zur Hand. Warum nationale Schutzzölle im globalen Umfeld wenig Sinn ergeben.

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«Ein gewaltiger Raubzug auf unser geistiges Eigentum ist im Gang, im Umfang von mehreren Hundert Milliarden Dollar pro Jahr.» So begründete Donald Trump die jüngsten Sanktionen gegenüber China. Doch ein Blick auf das iPhone, den grössten Exportschlager der amerikanischen IT-Industrie, deckt eine Fehlkalkulation des Präsidenten auf. China trägt wenig zur Wertschöpfung des Smartphones bei, weshalb Strafzölle Apple und den Arbeitsplatz USA mehr kosten würden als China.

Das iPhone ist statistisch gesehen einer der grössten Defizitposten im amerikanischen Handel mit China. Apple führte gemäss den Marktforschern von Strategy Analytics in den vergangenen zehn Jahren 373 Millionen iPhones mit einem deklarierten Wert von 101 Milliarden Dollar ein. Die Endmontage der Geräte erfolgt in den Foxconn-Werken in Südchina, deshalb gelten sie als chinesische Ware.

Tatsächlich aber ist der Anteil der chinesischen Wertschöpfung nur gering, wie das Beispiel des 999 Dollar teuren iPhones X zeigt. Nur etwa vier Prozent der Herstellkosten von 378 Dollar können gemäss der Analysefirma IHS Markit direkt China zugerechnet werden; im Wesentlichen sind es die Endmontage sowie die Batterien.

Den grössten Beitrag zur iPhone-Fertigung leistet Süd­korea. Samsung allein trägt mit dem Bildschirm und dem Touchscreenmodul 110 Dollar bei. Ferner liefern die koreanische SK Hynix und die japanische ­To­shiba Speicherchips für 44 Dollar; und Schweizer Zulieferer wie SFS Intec, STMicroelectronics und die in Zürich kotierte AMS sind stärker an der Wertschöpfung beteiligt als China.

Wenn also Präsident Trump meint, mit Strafzöllen auf dem iPhone und anderen elektronischen Geräten China zu treffen, irrt er sich. Die globale Wertschöpfung solcher Geräte ist ein Grund, weshalb Peking recht gelassen auf die angedrohten Sanktionen reagiert hat.

Darüber hinaus blendet Trump das technologische Know-how aus, das hinter Spitzenprodukten wie dem iPhone steckt. Das Gerät sei «Designed in California», macht Apple stolz in seiner etwas patriotischen Werbung geltend. Faktisch exportieren die USA mit dem iPhone und allen anderen mobilen, digitalen Geräten technisches Wissen nach Asien, wo es übernommen und im Fall von China auch entwendet wird.

Defizit mit China halb so wild

Dieser Export wird in der Handels­bilanz als Dienstleistung erfasst und gleicht das Defizit im Warenverkehr zum Teil aus. Um wie viel? Nobelpreisträger Paul Krugman hat die letzten verfüg­baren Daten der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit von 2011 ausgewertet und schätzt, dass das Defizit mit China um fast die Hälfte tiefer ist, wenn das US-Know-how eingerechnet wird. Oxford Economics setzt den Unterschied etwas tiefer bei 36 Prozent an. Statt 375 Milliarden Dollar beträgt das Defizit demnach «nur» 239 Milliarden. Somit stellt sich die Situation weniger dramatisch dar, als Trump weismachen will.

Wenn die Strafzölle China nur wenig treffen, stellt sich die Frage, wer die Rechnung bezahlen müsste. Betroffen wären in erster Linie US-Konzerne wie Apple. Sie wälzen die Zölle wohl an die Kunden ab. Ein Zoll von beispielsweise zehn Prozent würde die US-Elektronikindustrie beziehungsweise die Kunden über zehn Jahre 163 Milliarden Dollar kosten, schätzt der Interessenverband der IT-Industrie. Profieren würden chinesische Hersteller wie Huawei.

China hat auf die angedrohten Zölle von bis zu 60 Milliarden gelassen reagiert und nur Retorsionen von 3 Milliarden angekündigt. Zudem bietet ­Peking an, die Einstiegshürden für ausländische Anleger in chinesische Finanz­firmen etwas zu senken und etwas mehr Mikrochips aus den USA zu beziehen. Solche Zugeständnisse können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass China eine harte Linie verfolgen dürfte. Die Regierung ist voll und ganz dem Wirtschaftsprogramm «Made in China 2025» verpflichtet, ein Gegenstück zu «Make America Great Again» – mit dem wichtigen Unterschied, dass China nicht wie Trump sämtliche Handelspartner vor den Kopf stösst.

«Der Kuchen wird für alle grösser, wenn wir zusammenarbeiten.»Tim Cook, Apple-Chef

«Wir sind seit drei Jahren unterwegs in Richtung ‹Made in China 2025› und werden nicht haltmachen», machte Industrieminister Miao Wei am Wochenende klar. Das lässt wenig Raum für ein Entgegenkommen: Während die US-Regierung die ersten Kontakte zwischen Finanzminister Steven Mnuchin mit der chinesischen Seite als «einvernehmlich» darstellte, fasste die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua sie wohl zutreffender als «konfrontativ» zusammen.

Apple-Chef Tim Cook hofft noch immer, dass sich «kühle Köpfe» durchsetzen werden. Er war dieser Tage für eine weitere Charmeoffensive in China unterwegs, dem für Apple entscheidenden Absatzmarkt. «Eins plus eins ist drei», rechnete Cook dem US-Präsidenten in Peking vor. «Der Kuchen wird für alle grösser, wenn wir zusammenarbeiten.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.03.2018, 20:40 Uhr

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