Im ganzen Sommer so viel Umsatz wie an einem guten Winterwochenende

Der Kampf der Bergbahnen wird härter. Das gilt besonders fürs Wintersportgeschäft. Aber auch im Sommer verdient kaum eine Geld.

Kapazitätssteigerung in Veysonnaz: Die neue Gondelbahn befördert 1550 Personen pro Stunde, 650 mehr als die alte.

Kapazitätssteigerung in Veysonnaz: Die neue Gondelbahn befördert 1550 Personen pro Stunde, 650 mehr als die alte. Bild: Keystone

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Endlich Schnee. Der Tourismusbranche insgesamt hat es zwar wenig Sorgen bereitet, dass der vergangene Dezember der schneeärmste seit Beginn der Aufzeichnungen ist. Die Gäste werden mit Alternativprogrammen wie Wandern, Kamelreiten und Wakeboarden bei Laune gehalten («Bund» vom 3. Januar). Zu spüren bekommen es aber die Bergbahnen. Und zwar doppelt. Einerseits leiden sie, weil viele Gäste ohne Schnee kaum Lust auf Wintersport verspüren, andrerseits machen ihnen die alternativen Angebote die Passagiere streitig. Seit Saisonstart liegt die Zahl der Gäste in den Schweizer Skigebieten 12,6 Prozent unter jener der letzten Saison, wie der Branchenverband Seilbahnen Schweiz diese Woche mitteilte. Im Berner Oberland sank die Zahl gar um fast ein Drittel – allerdings startete hier die letzte Saison äusserst erfolgreich.

Damit trifft es ausgerechnet jene Anbieter besonders hart, die seit Jahren einen Nachfragerückgang hinnehmen müssen. So sank etwa in der letzten Wintersaison die Zahl der Bergbahnbenutzer verglichen mit dem Vierjahresdurchschnitt um gut 10 Prozent, das zeigt die Statistik des Seilbahnverbands. Sogar noch ein wenig grösser war der Rückgang gemessen am Umsatz.

Finanzen verschlechtern sich

Das hat Folgen: Eine Analyse der Hochschule Luzern im Auftrag der BEKB hat ergeben, dass mehr als die Hälfte aller Bergbahnen eine ungenügende Gewinnmarge haben, basierend auf den Betriebsgewinnen der letzten fünf Jahre. Die gleiche Auswertung wurde vor vier Jahren schon einmal gemacht. Damals waren erst die Margen von gut einem Drittel der Bergbahnunternehmen ungenügend. Eine deutliche Verschlechterung fanden die Forscher auch bei der Kapitalrendite und bei der Verschuldung.

Dass sich die finanzielle Situation der Bergbahnen in den letzten Jahren verschlechtert hat, ist aber nicht nur eine Folge des Ausbleibens der Wintersportler. Ein weiterer Grund dafür ist, dass die Bahnbetreiber viel in ihre Anlagen investierten. Obwohl die Zahl der Gäste laufend sinkt, steigt die Transportkapazität der Bergbahnen seit Jahren ungebremst – vor allem, weil alte Bahnen modernisiert werden. Viel Geld steckten die Bahnbetreiber auch in Beschneiungsanlagen. So wird heute rund die Hälfte alle Pisten künstlich beschneit. Im Jahr 2000 lag dieser Anteil noch deutlich unter 10 Prozent. Ein weiteres Problem der Bergbahnen sind die hohen Kosten für den Wintersport. Laut Seilbahnverband kostet es 250'000 Franken pro Tag, ein grosses Skigebiet zu betreiben: Betriebskosten der Bahnen, Beschneiung, Pistenpräparation, Sicherheit, das alles kostet Geld. Zudem hat es kaum Einfluss auf die Aufgaben, ob sich nun 1000 Wintersportler auf den Pisten tummeln oder 10'000.

Alle setzen auf Biker

Immer mehr Bergbahnen suchen ihr Glück im Sommergeschäft. Denn noch sind die Bergbahnen – mit einigen Ausnahmen wie den Jungfrau-, Titlis- oder Rigibahnen – sehr stark vom Wintergeschäft abhängig. Der Verkehrsertrag im Sommer macht laut Branchenverband im Schnitt aller Unternehmen weniger als ein Fünftel des Jahresumsatzes aus.

Das Sommergeschäft zu stärken, ist jedoch alles andere als ein leichtes Unterfangen. Dessen ist man sich auch in der Branche bewusst. Markus Hostettler, Geschäftsführer der Bergbahnen Adelboden, brachte es an einer Tagung zum Thema Seilbahn-Finanzierung auf den Punkt: «Diversifikation in den Sommer: Alle wollen es, nur Lösungen habe ich noch keine gesehen.» Ein Problem ist, dass im Sommer die Zahl der Angebote für die Touristen noch grösser ist als im Winter. Und selbst wenn der Sommergast die Bergbahn nutzt, dann meisten nur einmal am Tag – oft reicht ihm sogar eine einfache Fahrt.

Viele Tourismusorte wollen sich als Mountainbike-Destination vermarkten. Hier sieht Hostettler allerdings zu Recht ein Problem: «Es hat keinen Sinn, wenn alle Destinationen dasselbe Produkt anbieten.» Und auch wenn es einem Ort gelingt, sich im Markt zu positionieren, ist das noch keine Erfolgsgarantie. Das belegt das Beispiel Lenzerheide eindrücklich: Die Bündner haben sich einen Ruf als Bike-Destination erarbeitet. Trotzdem macht das Sommergeschäft nur 8 Prozent des Jahresumsatzes aus, wie die Forscher der Hochschule Luzern in ihrer Studie schreiben. Das entspreche etwa den Einnahmen von zwei Winterspitzentagen. Die Forscher kommen zu einem ernüchternden Schluss: Viel mehr als ein Zustupf sei das Sommergeschäft für viele Bahnen nicht. Und daran werde sich so bald nichts ändern.

Unverzichtbar für Destination

Immer mehr Bergbahnen erkennen die Zeichen der Zeit und wollen nicht mehr nur zusätzliche Gäste gewinnen, sondern sich auch als unverzichtbares Rückgrat ihrer Destination positionieren. Im Geschäftsbericht der Sportbahnen Axalp Windegg AG beispielsweise klingt das dann so: «Alle Chaletbesitzer müssen sich Gedanken darüber machen, ob der Wert ihrer Immobilie an der Axalp nicht in einem direkten Zusammenhang mit der Sportbahnen Axalp Windegg AG steht und ob sich eine allfällige finanzielle Beteiligung (am Ausbau der Beschneiungsanlagen) lohnen würde.» Auch dass immer mehr Destinationen – zum Beispiel die Jungfrauregion, Davos und das Engadin – dazu übergegangen sind, ihren Übernachtungsgästen den Skipass zu «schenken», ist letztlich Ausdruck dieses neuen Verständnisses. Touristische Leistungserbringer wie Hotels, Ferienhausvermieter und Restaurants haben erkannt, dass sie von den Bergbahnen abhängig sind und dass das Fortbestehen der lokalen Bahn keinesfalls selbstverständlich ist, wie zahlreiche Beispiele belegen – Stichworte: Gstaad, Leukerbad, Meiringen-Hasliberg, Lungern-Schönbüel. Mit Pauschalangeboten können die anderen Anbieter in einer Destination «ihrer» Bergbahn finanziell unter die Arme greifen. (Der Bund)

Erstellt: 07.01.2017, 11:16 Uhr

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