Hightech für junge Familien

Für die Kinder nur das Beste: Die ersten Digital Natives haben jetzt Nachwuchs. Die Tech-Branche hat sie als Kundschaft entdeckt.

Irgendwo zwischen Plüschtier und Lehrperson: Die Firma Roybi baut Geräte, die Kinder spielend Sprachen beibringen sollen. Foto: EPA

Irgendwo zwischen Plüschtier und Lehrperson: Die Firma Roybi baut Geräte, die Kinder spielend Sprachen beibringen sollen. Foto: EPA

Soziale Medien können hundsgemeine Plattformen sein – nicht nur wegen Filterblasen-Gebrüll und Influencer-Wahnsinn, sondern vor allem wegen dieser Botschaften, die sich langsam und stetig im Hinterkopf festsetzen: Das Leben der anderen ist viel aufregender, sie scheinen trotz stressiger Berufe stets Zeit für einen Abenteuerurlaub mit den Kindern zu haben. Die Industrie spielt mit der ständigen Angst, irgendwas zu verpassen. «Fear of Missing Out» heisst das, oder kurz: FOMO!

Die Technikbranche hat junge Eltern und Familien als lukrative Zielgruppe entdeckt. Auf der jährlichen Leistungsschau CES in Las Vegas ist die Zahl der Aussteller mit Fokus auf Familie so gross wie nie. Es gibt eine ganztägige Konferenz mit Vorträgen, die «Wie Technik die kleinen Superhelden beschützen kann» oder auch «Feuer frei mit allen Sensoren» heissen. Das ist aber auch ein Geschäft mit der Angst, etwas falsch zu machen beim Nachwuchs.

Es geht nicht mehr darum, wie noch vor ein paar Jahren, die Ahnungslosigkeit der Eltern auszunutzen, die rätseln, warum Kinder «Fortnite» zocken, bei Tiktok angemeldet sein wollen, und was bitteschön Kinzoo sein soll. Heute muss kaum noch Aufklärungsarbeit geleistet werden, junge Eltern sind sogenannte Digital Natives, mit Internet und Handys seit frühester Kindheit vertraut; allein in den USA verfügen sie über eine Gesamtkaufkraft von 143 Milliarden Dollar pro Jahr.

Ein Roboter hilft beim Roboterbauen

«Meine acht Jahre alte Tochter ist mit Technik aufgewachsen», sagt Sean Herman, Autor des Buches «Screen Captured» über Familien im Digitalzeitalter und Gründer von Kinzoo, einem Kurznachrichtendienst für Familienmitglieder: «Kinder beobachten genau, was wir tun, und wenn wir ohne Berührungsängste mit Technik umgehen, dann tun sie das auch.» Die Branche muss die Eltern nicht mehr von sich selbst überzeugen, das führt zu neuen Ideen, neuen Produkten, neuen Visionen.

Die Firmen versuchen, Eltern ein schlechtes Gewissen einzureden. Symbolisch für FOMO, aber auch für das Vermischen von virtueller und wirklicher Welt ist das Angebot des Unternehmens Tori, das mit gleich vier Awards ausgezeichnet worden ist. Kinder gestalten in einem Malbuch einen Baum, sie bauen Katapulte, Zauberstäbe und Raumschiffe über Bastelbögen. Ein Brett mit Magnetsensoren vor dem Bildschirm ermöglicht es, die Basteleien in Spiele-Apps zu integrieren und dreidimensional zu bewegen – im Hintergrund sind die individuell gestalteten Bäume zu sehen. Wie das funktioniert, sollen Kinder über Produkte am Nachbarstand lernen: Programmieren für Kinder im Vorschulalter. Nur ja nichts verpassen.

Die Technikbranche kommt punkto Familie daher wie ein Verführer, der potenziellen Kunden ein schlechtes Gewissen einzureden versucht.

Die Technikbranche kommt punkto Familie daher wie ein Verführer, der potenziellen Kunden ein schlechtes Gewissen einzureden versucht: Wer nachts nicht schlafen kann, weil die Kinder es nicht tun, der möge sich bitteschön eines der Kinderbetten besorgen, die Bewegungen beim Wiegen imitieren, über Sensoren in der Matte den Schlaf des Säuglings überwachen und über integrierte Lautsprecher Geräusche wiedergeben, welche die Eltern gestalten können. Es gibt Stillhilfen und Elektroden zum Straffen des Babybauchs, ein Brettspiel mit Sprachassistent – und einen Roboter, der Kindern beim Roboterbauen hilft.

Mehr Bewegung für mehr Bildschirmzeit

«Einerseits begrüssen wir den Umgang mit technischen Angeboten, wenn die Kinder Bücher auf Tablets lesen oder mit Freunden kommunizieren», sagt Herman: «Auf der anderen Seite hat unsere Tochter bereits unangebrachte Inhalte gesehen, Schimpfwörter gelernt oder mehrere Stunden vor dem Bildschirm verbracht. Kinder beobachten genau, was wir tun. Wenn wir andauernd aufs Handy starren, dann tun sie das auch.»

Wie passend, dass die Technikbranche auch dafür Lösungen anbietet. Es gibt Smartphones, bei denen Eltern nicht nur die Nutzungsdauer überwachen können, sondern auch Inhalte – und das Bewegungsprofil. Es gibt Armbänder, die Kinder dazu animieren sollen, sich mehr zu bewegen – um mehr Bildschirmzeit zu bekommen. Es können nicht nur schulische Leistungen überprüft werden, sondern auch die Fortschritte beim Erlernen einer Fremdsprache. Der Nachwuchs soll nur ja nichts verpassen, er soll mindestens so sportlich und klug und begabt sein wie alle anderen, die auf sozialen Netzwerken zu sehen sind. Die Kinder wissen: Nicht Big Brother beobachtet sie, sondern die eigenen Eltern.

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