Google ist auch ein Reisebüro

Mit immer neuen Anwendungen wird Google Schritt für Schritt zum zentralen Akteur im Reisemarkt. Das betrifft auch Schweizer Anbieter.

Wohin solls gehen? Reisen werden zunehmend auch mobil geplant und gebucht. Foto: Woods Wheatcroft (Getty Images)

Wohin solls gehen? Reisen werden zunehmend auch mobil geplant und gebucht. Foto: Woods Wheatcroft (Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Längst lassen sich bei Google Hotel- und Flugpreise vergleichen. Auch die Buchung ist nur einen Mausklick entfernt. Was der Suchmaschinenriese am Reisemarkt vorhat, verrät der Name seiner Holding: Alphabet. Die Amerikaner wollen auch den Bereich Reisen von A bis Z in ihrem Einflussbereich behalten und sich so ein immer grösseres Stück vom Markt abschneiden.

Das beginnt bei der Inspirationsphase. Dafür hat der Konzern die Suchmaske namens Destinations (Reiseziele) lanciert, eine Art virtueller Reiseführer. Wer bei Google etwa nach «Schweiz Ferien» sucht, wird nicht nur mit den beliebtesten helvetischen Reisezielen und Sehenswürdigkeiten beliefert, sondern auch mit Klimatabellen, Preisen und Aktivitäten. Mehr noch: Die Anwendung kann sogar ganze Tourenvorschläge unterbreiten aufgrund von Reisen, die andere Nutzer gemacht und dabei ihre Bewegungsdaten preisgegeben haben.

Den Zug gleich dazu

Wer noch nicht genau weiss, wohin die nächste Reise gehen soll, kann das Tool auch mit vagen Begriffen wie «Europa» und «Wellenreiten» füttern. Destinations liefert dann eine Liste europäischer Surfspots.

Besonders forsch prescht Google beim Buchen vor. Damit, Nutzern nur Hotels und Flüge anzuzeigen, gibt sich die Suchmaschine längst nicht mehr zufrieden. Google hat als erste Meta-Reisesuche damit begonnen, in Europa auch Intercity-Zugverbindungen vorzuschlagen. Zudem laufen in Deutschland und Grossbritannien Tests mit Pauschalreisen, die von den Nutzern in der Destinationsanwendung individuell zusammengestellt werden können. Meistens vermittelt Google die Kunden vor der tatsächlichen Buchung an ein Online-Reisebüro wie Expedia oder direkt an das Hotel oder die Fluggesellschaft.

Nutzer buchen immer mehr

Das Unternehmen aus dem kalifornischen Mountain View experimentiert aber auch damit, den gesamten Buchungsprozess im eigenen Universum abzuwickeln. Dabei dürfte es für Google um ein Abwägen gehen, was für das Unternehmen letztlich rentabler ist: Werbeeinnahmen oder Buchungskommissionen. «Die Werbeeinnahmen durch Online-Reisebüros sind hoch», sagt dazu Andreas Liebrich, als Professor an der Hochschule Luzern spezialisiert auf Online-Marketing und Tourismus. «­Booking­ ist der wichtigste Werbekunde von Google.» Zudem bekäme der Internetriese wohl Probleme mit den Wettbewerbsbehörden, wenn er den Buchungsprozess im grossen Stil an sich reissen würde, vermutet er.

Ob direkt oder indirekt, Google werde so oder so immer häufiger zum Buchen von Reisen genutzt, sagte Stefan Trienen, der bei Google für die Entwicklung des Reisegeschäfts zuständig ist, an einer Tagung der deutschen Gastgewerbevereinigung HSMA. Er verwies auf die sogenannte Konversionsrate, die Auskunft darüber gibt, wie viele Kunden, die sich ein Hotel oder eine Flugverbindung anschauen, am Ende auch tatsächlich buchen. Diese Konversionsrate hat laut Trienen 2016 um rund 50 Prozent zugenommen.

Google will aber nicht nur bei der Vorbereitung, sondern auch während der Reise unentbehrlich sein. Deshalb haben die Amerikaner letzten Herbst die Anwendung «Trips» lanciert. Mit ihr sammelt das Smartphone alle möglichen Daten wie Hotelreservationen und Zugbilletts von vergangenen und bevorstehenden Reisen direkt aus dem Gmail-Posteingang. Daneben stellt Trips Informationen zu Sehenswürdigkeiten, Gas­tronomie und Verkehrsverbindungen zur Verfügung. Mit Google Translate ist das Smartphone zudem schon längst zum Dictionnaire geworden.

Reisevorschläge in Sekunden

Natürlich hält Google mit der Fotos-Anwendung auch eine Lösung parat für das Organisieren, Suchen, Bearbeiten und Teilen von Ferienbildern. So bleibt die Reise auch nach der Heimkehr fest in der Hand des Internetriesen. Das Fazit von Tourismusexperte Liebrich: «Es gibt keine Reisephase, in der Google keine Rolle spielt.» Noch könne man den Suchmaschinenriesen aber umgehen.

Wie Google den Reisemarkt aufgemischt hat, ist beeindruckend. Und doch dürfte es erst der Anfang sein. Angesichts der immensen Datenmenge, die der Konzern über seine Nutzer sammelt, ist es durchaus denkbar, dass er dereinst nur noch mit wenigen Angaben gefüttert werden muss wie Reisezeit, Budget und Reisebegleitung. Und schon spuckt Google die auf den Nutzer zugeschnittenen Reisevorschläge aus, die sich dann mit wenigen Mausklicks buchen lassen.

Liebrich hält dieses Szenario für möglich. Er verweist aber auch darauf, dass es solche Inspirationstools bisher schwer haben. Wir liessen uns am ehesten von anderen Menschen inspirieren – Freunde, Verwandte, Arbeitskollegen oder Bekannte von Bekannten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.07.2017, 23:42 Uhr

Reisemarkt

Was bedeutet Googles Expansion für die Konkurrenz?


  • Reisebüros: Noch sei Google keine grosse Buchungsplattform und werde von den Konsumenten vor allem zur Information genutzt, sagt Walter Kunz, Geschäftsführer des Schweizer Reiseverbands. Er sieht derzeit sogar ein Revival des Reisebüros und führt das auf die aktuelle geopolitische Lage zurück. Wer direkt beim Anbieter buche, könne im Fall eines unvorhersehbaren Ereignisses oft nicht einfach kostenlos vom Vertrag zurücktreten, während im Reisebüro in solchen Fällen Alternativen angeboten würden. Tourismusprofessor Andreas Liebrich verweist zudem auf den Faktor Mensch. «Einem Menschen wird nach wie vor mehr vertraut als einer Internetsite.» Er sagt aber auch, dass jene Reisebüros, die sich nur wenig spezialisiert haben, unter Druck seien, während Spezialisten mit Google ihre Visibilität erhöhen könnten.

  • Hotels: Für Hotels sieht Liebrich Google als Chance. Gasthäuser können einen wesentlichen Teil des Abfrage- und Buchungsprozesses via Google laufen lassen, die Gäste für die Abrechnung gegen einen Beitrag pro Klick auf die eigene Buchungsmaschine leiten und so Vermittler wie Booking, Hotels oder HRS umgehen. Dass mit dem neuen Marktteilnehmer die Vermittlungsprovisionen steigen und am Ende dem Hotelier weniger in der Tasche bleibt, glaubt Liebrich nicht. Wenn ein Kunde von Google an ein Buchungsportal vermittelt werde, gehe das zulasten des Portals und nicht des Hoteliers.

  • Fluggesellschaften: Für Airlines ist Google ein zweischneidiges Schwert. Denn einerseits hilft ihnen die Suchmaschine, global präsenter zu sein. Andererseits werden Flüge heute häufig direkt bei den Fluggesellschaften gebucht – ohne Provision. Wenn Google einen Kunden vermittelt, sieht das jedoch anders aus.
  • (stü)


Artikel zum Thema

Google Fotos verschickt Bilder nun automatisch

Der Fotodienst von Google hat eine neue Funktion. DerBund.ch/Newsnet hat sie ausprobiert und verrät einen Trick. Mehr...

Tricks und schräge Hacks fürs Web

Video Wussten Sie, dass Sie bei Google unerwünschte Suchresultate fernhalten können? Und weitere fünf Browser-Tricks im Video. Mehr...

EU schützt Urlauber bei Onlinebuchungen

Künftig können sich Pauschalreisende auf einheitlichere europäische Regeln verlassen – egal, ob der Urlaub im Reisebüro gebucht oder im Internet selbst zusammengestellt wurde. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Das digitale Monatsabo für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital ohne Einschränkungen. Für nur CHF 32.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Newsletter

Kurz, bündig, übersichtlich

Montag bis Samstag die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt kostenlos abonnieren!

Die Welt in Bildern

Naturverbunden: Ein Model präsentiert am Eröffnungsabend des Designwettbewerbs World of Wearable Art in Wellington, Neuseeland, eine korallenartige Kreation. (21. September 2017)
(Bild: Hagen Hopkins/Getty Images) Mehr...