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Ghosn soll in einer Kiste ins Flugzeug geladen worden sein

Zwei Amerikaner haben dem gefallenen Star-Manager offenbar zur Flucht aus Japan verholfen – in einer Kiste für Musikinstrumente.

Der frühere Automanager Carlos Ghosn soll in einer Kiste versteckt aus Japan in den Libanon geflohen sein. Foto: Keystone/AP (6.3.2019)
Der frühere Automanager Carlos Ghosn soll in einer Kiste versteckt aus Japan in den Libanon geflohen sein. Foto: Keystone/AP (6.3.2019)

Nach der filmreifen Flucht des in Japan angeklagten Ex-Automanagers Carlos Ghosn in den Libanon kommen immer mehr Details über den spektakulären Coup ans Tageslicht. Während in Beirut mit Spannung auf Ghosns Erklärung gewartet wird, schliesst Japan Sicherheitslücken.

Der frühere Automanager Carlos Ghosn soll in einer Kiste versteckt aus Japan in den Libanon geflohen sein. Zu der Flucht mit einem Privatjet hätten ihm zwei hierzu eingereiste Amerikaner geholfen, berichteten japanische Medien am Dienstag unter Berufung auf Ermittlerkreise.

Dies habe die Analyse von Aufnahmen mehrerer Sicherheitskameras ergeben. Der ehemalige Vorstandschef des französisch-japanischen Autobündnisses Renault-Nissan-Mitsubishi hatte in Japan unter Anklage gestanden, war aber gegen eine Kaution auf freiem Fuss, als er im vergangenen Monat die Flucht ergriff.

Mutmassliche US-Helfer

Ghosn habe sein Haus in Tokio am 29. Dezember allein verlassen und sei rund 800 Meter zu einem Hotel gegangen, wo er zwei Amerikaner getroffen habe, berichtete der Fernsehsender NHK. Nach Informationen der «New York Times» soll es sich bei einem der beiden um Michael Taylor, einem US-Sicherheitsberater und früherem Mitglied der US-Spezialeinheit Green Berets, handeln.

Die beiden Helfer seien an jenem Morgen von Dubai kommend mit einem Privatjet auf dem Internationalen Flughafen Kansai in Osaka gelandet. Sie hätten in der Nähe in einem Hotel eingecheckt und eine grosse Kiste dabei gehabt.

Angeblich Musikinstrumente

Später seien sie mit dem Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen von Osaka nach Tokio gefahren. Anschliessend sei Ghosn mit ihnen per Shinkansen von Tokio zurück nach Osaka zum Hotel gefahren, hiess es in japanischen Medienberichten weiter. Zwei Stunden später hätten die Amerikaner mit zwei grossen Kisten das Hotel verlassen. Ghosn sei nicht zu sehen gewesen. Die Kisten seien als Gepäck für Musikinstrumente deklariert gewesen und am Flughafen nicht durchleuchtet worden. Auch am Zoll seien sie nicht geöffnet worden.

Der Privatjet sei gegen 23.10 Uhr Ortszeit Richtung Türkei gestartet. Japans Behörden gehen davon aus, dass Ghosn in einer der beiden Kisten versteckt war. Transportminister Kazuyoshi Akaba kündigte am Dienstag an, dass in Zukunft grosse Gepäckstücke von Passagieren von Privatflugzeugen inspiziert werden müssen.

Haftbefehl gegen Frau

Die japanische Staatsanwaltschaft erwirkte nun einen Haftbefehl gegen Ghosns Frau Carole, die sich derzeit mit ihrem Mann im Libanon aufhält. Ihr werde vorgeworfen, im vergangenen April bei einer Befragung durch die Staatsanwaltschaft vor Gericht Falschaussagen gemacht zu haben, berichtete die japanische Nachrichtenagentur Kyodo.

Eine Ghosn-Sprecherin nannte den Haftbefehl «erbärmlich». Carole Ghosn sei vor neun Monaten freiwillig nach Japan zurückgekehrt, um sich den Fragen der Ermittler zu stellen. Sie habe danach ohne jede Anschuldigung gehen können, so die Sprecherin.

Carole Ghosn hatte immer wieder die Haftbedingungen ihres Mannes in Japan scharf kritisiert und angezweifelt, dass er einen fairen Prozess bekomme. Sie hatte sogar US-Präsident Donald Trump sowie Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron um Hilfe in dem Fall gebeten. Eine Bedingung für Ghosns Entlassung aus der monatelangen Untersuchungshaft gegen Kaution war gewesen, dass er weder Japan verlässt, noch ohne Erlaubnis Kontakt zu seiner Frau aufnimmt.

Justizminister: «Illegal»

Japans Justizministerin Masako Mori erklärte, Ghosn habe das Land mit «illegalen Methoden» verlassen. Er nutzte für seine Flucht Jets der türkischen Firma MNG, wie die Charterfirma am Freitag bekanntgab. Die Maschinen - eines für die Strecken Dubai-Osaka und Osaka-Istanbul sowie eines für die Reise von Istanbul nach Beirut - seien «illegal» benutzt worden.

Das Unternehmen habe Anzeige erstattet, «um jene zu belangen, die beteiligt waren». Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu hatte berichtet, dass in der Türkei sieben mutmassliche Helfer festgenommen worden seien, darunter vier Piloten. Ghosn hat die französische, brasilianische und libanesische Staatsangehörigkeit.

Erklärung am Mittwoch

Ghosn hat sich bislang nicht dazu geäussert, wie ihm die Flucht über die Türkei in den Libanon gelang. Er will sich jedoch an diesem Mittwoch in Beirut vor der Presse erklären. Er sei «nicht länger eine Geisel des manipulierten japanischen Justizsystems», hatte er in einer ersten Stellungnahme betont.

«Ich bin dem Unrecht und politischer Verfolgung entkommen.» Am 19. November 2018 war Ghosn in Tokio wegen Verstosses gegen Börsenauflagen festgenommen und angeklagt worden. Zudem soll er private Investitionsverluste auf Nissan übertragen haben. Ghosn hat die Vorwürfe stets zurückgewiesen.

Im April war er auf Kaution entlassen worden - unter strengen Auflagen, um zu verhindern, dass er flieht oder Beweismaterial vertuscht. Die von ihm hinterlegte Kaution in Höhe von 1,5 Milliarden Yen (13,4 Millionen Franken) behält der japanische Staat ein. Das beschloss das Bezirksgericht in Tokio am Dienstag.

Der japanische Renault-Partner Nissan will trotz der Flucht weiter rechtlich gegen Ghosn vorgehen, wie das Unternehmen am Dienstag mitteilte. Man werde angemessene rechtliche Schritte ergreifen, um «Ghosn für den Schaden, den sein Fehlverhalten Nissan verursacht hat, zur Verantwortung zu ziehen».

(SDA)

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