Wie Schweizer als «Geldesel» Kriminellen helfen

Ohne es zu wissen, half ein Berner russischen Hackern, gestohlenes Geld ausser Landes zu schaffen. Das Obergericht in Bern verurteilte ihn wegen Geldwäscherei.

Die Software von Banken blockiert grössere Geldüberweisungen – etwa nach Russland – automatisch.

Die Software von Banken blockiert grössere Geldüberweisungen – etwa nach Russland – automatisch.

(Bild: Keystone)

Adrian Hopf-Sulc@adrianhopf

Irgendwo in Moskau steht ein Briefkasten, beschriftet mit dem Namen Yuri Stryk. Ob es den Mann wirklich gibt, ist unbekannt. Doch sein Briefkasten wird regelmässig geleert. Denn immer wieder trifft dort Post aus der Schweiz und wohl auch aus anderen Ländern ein. Der Inhalt: belanglose Papiere und, darin eingewickelt, Banknoten.

Allein im November 2016 erhielt Yuri Stryk mindestens drei Briefe aus der Schweiz – gefüllt mit Tausendernoten, insgesamt 96'000 Franken. Es handelt sich dabei um Geld eines KMU aus dem Kanton Luzern. Hacker waren mittels eines Trojaner-Programms in das E-Banking der Firma bei der Valiant-Bank eingedrungen. Auf unbekannte Weise schafften sie es, an den fürs Log-in nötigen SMS-Code zu gelangen.

Die mutmasslich russischen Hacker überwiesen vom Konto des KMU 125'910 Franken auf das Privatkonto von S. Am nächsten Morgen ging der Betrag auf dem Konto des Berners ein.

S. war seit längerer Zeit arbeitslos und lebte damals von der Sozialhilfe. Er hatte kurz zuvor auf einem grossen Schweizer Jobportal ein interessantes Stelleninserat gesehen: Eine Immobilienfirma war auf der Suche nach regionalen Verantwortlichen. S. bewarb sich auf die Teilzeitstelle, die mit guter Bezahlung lockte – und erhielt den Job, ohne ein richtiges Bewerbungsgespräch geführt zu haben.

Bereits im Arbeitsvertrag, den er per E-Mail erhielt, stand, es gehöre zu seinen Aufgaben, Geld auf dem eigenen Konto entgegenzunehmen und dann in bar per Post zu versenden. S. schenkte dem keine grosse Aufmerksamkeit. Er wollte «einfach weg vom Sozialamt», wie er später an der Gerichtsverhandlung erzählen sollte.

«Weg mit dem Zeug!»

Als am Morgen des 10. November 2016 dann die 125'910 Franken auf seinem Konto eingingen, bekam er jedoch Panik. Seine Sorge: Das Sozialamt könnte erfahren, wie viel Geld er auf seinem Konto habe, und ihm die Leistungen kürzen. Also leistete er den Anweisungen der Immobilienfirma Folge und versuchte, das Geld abzuheben.

Das klappte jedoch nicht: Seine Bank, die kleine Raiffeisen-Genossenschaft Schwarzwasser in Ueberstorf FR, wollte ihm aus Sicherheitsgründen nur 10'000 Franken in bar aushändigen. Seine Verzweiflung stieg, S. rief seine Arbeitgeberin an und sagte, er benötige eine Kontonummer, um das Geld weiterzuüberweisen. «Weg mit dem Zeug!», habe er sich nur noch gedacht und nichts anderes, wird er später dem Richter sagen.

Schliesslich teilte ihm die Mitarbeiterin der Immobilienfirma zwei Kontonummern mit. Auf diese Konti solle er je etwa die Hälfte des Geldes überweisen. Er tat dies wie verlangt und war erleichtert, das Geld endlich los zu sein. Mit der Überweisung hatte sich S. als sogenannter Money Mule betätigt – als Geldesel, der Kriminellen hilft, an ihr Geld zu kommen. Weil die Software der Banken grössere Überweisungen etwa nach Russland automatisch blockiert, müssen die Hacker ihre erbeuteten Beträge per Post ausser Landes schaffen. Das geht nur mithilfe von mehr oder minder ahnungslosen Helfern in der Schweiz.

S. ist bei weitem nicht der Einzige, der sich von solchen Kriminellen einspannen liess. An einer europaweit koordinierten Aktion gegen Money Mules letzten Herbst nahmen zehn Kantone teil. Insgesamt flogen dabei in der Schweiz 111 Geldesel auf.

Mit ihren Stelleninseraten zielen die Kriminellen auf schlecht gebildete Menschen ab, die Geld benötigen – und keine mühsamen Fragen stellen. Im Fall von S. verwendeten sie den Firmennamen einer kleinen Immobilienverwaltung in Zürich, jedoch mit falscher E-Mail-Adresse und einer Genfer Telefonnummer, deren Betreiber nicht ermittelt werden konnten.

Auch Valiant klagte

Die inländischen Geldesel werden eigentlich immer geschnappt. Die Spur des Geldes verwischt sich erst mit der Abhebung und dem Versand der Tausendernoten ins Ausland.

S. wurde per Strafbefehl wegen Geldwäscherei und Gehilfenschaft zu betrügerischem Missbrauch einer Datenverarbeitungsanlage zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt. Er wollte sich damit nicht zufriedengeben, worauf sein Fall im vergangenen April vor dem bernischen Wirtschaftsstrafgericht verhandelt wurde. Die Richterin erhöhte die bedingte Geldstrafe. Und sie hiess – für S. besonders schmerzlich – eine Zivilklage der Valiant gut. Der mittellose S. wurde verurteilt, der Bank 96'000 Franken zurückzuerstatten.

Dabei handelt es sich um jenen Betrag, den die Hacker schliesslich ins Trockene bringen konnten. S. überwies auf Anweisung der falschen Immobilienfirma 66'000 Franken an eine Frau im Kanton Aargau, die ebenfalls von den Hackern als Mitarbeiterin angeheuert worden war. Sie hob das Geld ab und schickte es nach Moskau.

Die restlichen 60'000 Franken überwies S. einem Mann im Kanton Zürich, der den Betrag wiederum auf Anweisung der Hacker je hälftig an zwei weitere Geldesel überwies. Einer von beiden, eine Frau aus dem Kanton Freiburg, verschickte die 30'000 Franken nach Russland.

Ein Brief wurde gestoppt

Der andere, ein im Kanton Zürich wohnhafter Mann, gab ebenfalls wie angewiesen einen Expressbrief mit 30'000 Franken nach Russland auf. Wenig später überkamen ihn jedoch Zweifel, und er zeigte sich bei der Polizei an. Diese konnte den Brief bei der Post noch stoppen. Das Geld ging zurück an die Valiant. Ein seltener Glücksfall für die Bank und die Strafverfolger, denn meist sind die Geldsendungen bereits in der Luft oder in Moskau, wenn das Delikt ans Tageslicht kommt. Und was in Russland angekommen ist, entzieht sich der Schweizer Justiz. Die Zusammenarbeit mit den russischen Behörden «funktioniert nicht», sagte Staatsanwalt Jean-Claude Joss Anfang Monat vor dem bernischen Obergericht. Die lokale Polizei habe das Haus in Moskau, wo die Geldsendungen für Yuri Stryk landen, besucht – aber nichts gefunden.

S. hatte das Urteil gegen ihn ans Obergericht weitergezogen. Sein Anwalt forderte einen Freispruch für seinen Mandanten, weil dieser mit der blossen Überweisung des Geldes nicht zur Verschleierung beigetragen habe. Er verwies darauf, dass im vorliegenden Fall ausser der Frau aus dem Kanton Aargau keiner der Beteiligten eine Strafe kassiert hat.

Das Gericht verurteilte S. schliesslich wegen Geldwäscherei zu einer abgemilderten, bedingten Strafe von 5400 Franken. Die 96'000 Franken bleibt der mittellose Mann der Valiant-Bank jedoch schuldig. Das Urteil ist noch nicht rechtsgültig.

«Herr S. wurde hereingelegt. Die Schuldigen sitzen irgendwo in Moskau», sagte Gerichtspräsident Hanspeter Kiener. Aber: «Die Aufforderung, Geld abzuheben und zu verschicken, hat ziemlich klar gezeigt, dass es sich nicht um eine legale Sache handeln kann.»

Der Bund

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