Wie ein Funke zum Flächenbrand führt

Argentinien, Indien, Südafrika: Die Krise der türkischen Lira reisst andere Schwellenländer mit. Was haben die Probleme mit den USA zu tun – und wie schlimm wird es?

Die türkische Lira hat in den vergangenen Wochen dramatisch an Wert verloren. Foto: Abdurrahman Antakyali/Imago

Die türkische Lira hat in den vergangenen Wochen dramatisch an Wert verloren. Foto: Abdurrahman Antakyali/Imago

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Als Argentiniens Staatspräsident Mauricio Macri sich vor einer Woche mit einer Rede an sein Volk wandte, da musste man ihm nicht einmal zuhören, um die Botschaft zu verstehen. Die Lage, das sprang Macri aus dem Gesicht, ist ernst. Die argentinische Währung ist seit Jahresbeginn um 50 Prozent gefallen. Das Land befinde sich in einer Notlage, alle müssten nun «Opfer bringen». Die Exporteure, die höhere Abgaben zahlen müssen. Die zehn Minister, um die er sein Kabinett verkleinert. Macri macht das alles, um den internationalen Finanzmärkten zu signalisieren: Wir tun etwas. Allein, geholfen hat es bislang nicht.

Was mit der Türkei begonnen hatte, trifft nun auch andere Länder. Wie in Panik ziehen Investoren grosse Summen aus vielen Schwellenländern ab. Anfang des Monats sackte die türkische Lira stark ab, dann nahmen die Anleger Argentinien in den Blick. Wie ein Virus scheinen die Nachrichten andere Schwellenländer zu befallen: Die indische Rupie fällt, die indonesische Rupiah ebenfalls, der brasilianische Real hat zu kämpfen, der südafrikanische Rand siecht. In all diesen Ländern leuchten die Kurstafeln über den Geldwechselstuben tiefrot – und Anleger stellen sich nur eine Frage: Wiederholt sich die Geschichte? Wird wie zu Zeiten der grossen Asienkrise Ende der 90er-Jahre Schwellenland um Schwellenland erfasst?

Der Auslöser

Die Krise begann, als US-Präsident Donald Trump Anfang August seine Strafzölle auf importierten türkischen Stahl und Aluminium erhöhte. Selbst in einem pessimistischen Szenario würde das kaum mehr als 0,04 Prozent der Wirtschaftsleistung kosten. Dennoch schickte Trump die türkische Lira an jenem Tag auf Talfahrt, lenkte die Aufmerksamkeit auf ein Land in der Krise mit einem zweifelhaften Herrscher an der Spitze.

Trump stiess die Investoren mit der Nase darauf, dass Erdogan im Juni seinen Schwiegersohn zum Finanzminister gemacht hatte, dass er immer wieder von Zinsen als «Mutter und Vater alles Bösen» sprach und damit der Zentralbank die Linie vorgab. Zinserhöhungen angesichts der davonlaufenden Inflation? Lieber nicht. Dabei könnte wohl nur dieser Schritt die Inflation in Schach halten und ausländische Investoren veranlassen, ihr Geld im Land zu lassen. Bis jetzt hat Erdogan keine Kompromissbereitschaft erkennen lassen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die Notenbank am 13. September die Märkte wieder enttäuschen wird.

Drei relevante Faktoren

Ein türkischer Präsident, der mit den Finanzmärkten auf Kriegsfuss steht. Ein argentinischer Präsident, der ihnen alles recht machen will und dennoch scheitert. Auf den ersten Blick mag es merkwürdig wirken, dass solch unterschiedliche Politikstile dasselbe Ergebnis zeitigen: eine taumelnde Währung.

Wer das verstehen will, muss sich vertiefen in die Publikationen, die derzeit Banken an die Kunden verschicken. Darin erklären sie, welche Länder als Nächstes auf der Abschussliste der Finanzmärkte stehen dürften. Und worin die gemeinsamen Probleme der unterschiedlichen Schwellenländer liegen. Drei Faktoren sind für Anleger relevant. Besonders gefährdet sind Länder, die mehr importieren als exportieren. Weil sie sich gegenüber dem Ausland verschulden, sind sie darauf angewiesen, dass frisches Geld ins Land fliesst. Versiegt der Geldstrom, bekommen die Länder Schwierigkeiten. Die Türkei, Argentinien, Brasilien und Kolumbien haben hohe Handelsdefizite.

Auch Unternehmen, die es mit der Verschuldung übertrieben haben, geraten jetzt in den Blick der Märkte. In vielen Ländern haben sich die Firmen massiv in ausländischen Währungen verschuldet. Die Auslandskredite schienen süss, denn die US-Zinsen lagen deutlich unter dem heimischen Niveau.

«Kann die
Zentralbank nicht gegensteuern, droht in der Türkei eine Insolvenzwelle.»
Janis Hübner, Deka-Bank

Mit massiv fallenden Landeswährungen müssen die Firmen auf einmal viel mehr Landeswährung auf den Tisch legen, um ihre Dollarkredite zurückzuzahlen. Insgesamt betragen die auf Dollar lautenden Fremdwährungskredite von Unternehmen in Schwellenländern 3700 Milliarden Dollar, so hat es das Institute for International Finance berechnet. Doppelt so viel wie noch 2010. Besonders zugelangt haben Unternehmer in Argentinien, Chile und der Türkei. «Kann die Zentralbank nicht gegensteuern, droht in der Türkei eine Insolvenzwelle», sagt Schwellenländerexperte Janis Hübner von der Deka-Bank.

Auch wer als Nation in den Bannstrahl von US-Präsident Donald Trump kommt, muss sich hüten. So reichten Trump schon seine Zollverdoppelungen auf ein bisschen türkischen Stahl und Aluminium, um das Land wirtschaftlich in Schwierigkeiten zu bringen. Vor allem Russland hat ebenfalls mit dieser Gefahr zu kämpfen. Auch wenn sich Trump und Putin erst vor einigen Wochen in Helsinki trafen, drohte der Senat wenig später mit einem Gesetzentwurf, der es in sich hatte: Transaktionen mit russischen Staatsanleihen könnten verboten werden, russische Banken möglicherweise gar ganz vom Dollar abgeschnitten werden. Als der Entwurf öffentlich wurde, sackte der Rubelkurs ab.

Noch mächtiger als Donald Trump dürfte in Sachen Schwellenländer Jerome Powell, Chef der amerikanischen Notenbank Fed, sein. Denn die US-Leitzinsen stehen wieder bei 1,75 bis 2?Prozent. Weil deswegen auch die Zinsen auf US-Staatsanleihen steigen, überlegen sich Anleger zweimal, ob sie das Risiko in den Schwellenländern überhaupt noch eingehen sollen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.09.2018, 19:02 Uhr

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