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Mit kanadischer Medizin gegen Europas Zombie-Banken

Der Staat als Retter für abgestürzte Banken: Was in den letzten Jahren selbstverständlich war, soll es nicht mehr geben. Wie das geht und wer als leuchtendes Beispiel gilt.

Ein Institut, wo das Verhältnis von Eigenkapital und Bilanz aus dem Ruder lief: Die spanische Bankia.
Ein Institut, wo das Verhältnis von Eigenkapital und Bilanz aus dem Ruder lief: Die spanische Bankia.
Keystone

Marode Banken sind aktuell das grösste Problem der europäischen Wirtschaft. Banken, die über zu wenig Eigenkapital verfügen, können keine Risiken eingehen. Das bedeutet, sie geben den KMU zu wenig und zu teure Kredite und verhindern somit, dass der Jobmotor wieder anspringen kann. Deshalb ist es von grösster Bedeutung, dass unterkapitalisierte Zombie-Banken verschwinden und dass die verbliebenen Banken so kapitalisiert werden, dass sie ihre volkswirtschaftliche Rolle auch spielen können. Einen Schritt in diese Richtung haben letzte Nacht die EU-Finanzminister unternommen. Um Banken sicherer zu machen, haben sie beschlossen, dass zunächst mindestens acht Prozent der Verbindlichkeiten eines Finanzinstituts von Eigentümern, Gläubigern und wohlhabenden Kontobesitzern geschultert werden müssen. Erst dann darf der Hilfsfonds eingeschaltet oder gar der Steuerzahler zur Kasse gebeten werden. Was bedeutet dies?

Wer sein Geld zu einer Bank trägt, der will, dass es arbeitet, sprich Gewinn abwirft. Dabei gibt es eine Dreiklassengesellschaft. Die gewöhnlichen Sparer erhalten einen relativ bescheidenen Zins, dafür können sie ihr Geld jederzeit abheben. Wer Kassenobligationen kauft, erhält mehr Zins, muss sich aber verpflichten, sein Geld über eine bestimmte Dauer der Bank zu überlassen. Die Aktionäre schliesslich beteiligen sich unmittelbar am Geschäftsrisiko einer Bank. Wenn alles gut geht, erhalten sie deshalb via Dividende ein grösseres Stück des Gewinnkuchens. Umgekehrt sind sie auch die Ersten, die allfällige Verluste absorbieren müssen. Dann kommen die Obligationäre an die Reihe. Aber auch Spargelder sind grundsätzlich mit einem Risiko behaftet, wie das Beispiel von Zypern kürzlich gezeigt hat. Weil die zypriotischen Banken kaum Eigenkapital und auch wenig Obligationäre hatten, wurden die wohlhabenden Kontobesitzer ebenfalls zur Rechenschaft gezogen. Nur Kleinsparer mit Einlagen von unter 100'000 Euro wurden geschont. Die gleiche Regelung haben auch die EU-Finanzminister beschlossen.

Bescheidener seit der Finanzkrise

Bei einem gut geführten Unternehmen sinkt die Eigenkapitalquote nicht unter 30 Prozent, in der Regel beträgt sie zwischen 40 und 60 Prozent. Ein solches Unternehmen ist sicher, es lässt sich vergleichen mit einem Hauseigentümer, der seine Liegenschaft im gleichen Umfang selbst finanziert hat. Ein Aufschlag der Hypothekarzinsen oder ein anderes Missgeschick wird ihn nicht sofort aus der Bahn werfen. Bei den Banken hingegen ist dies heutzutage anders. «Sie verlassen sich in grossem Ausmass auf fremdes Geld und verfügen typischerweise über weniger als 10 Prozent Eigenkapital, oft sogar bloss über 5 Prozent ihrer Bilanzsumme», stellen Anat Admati und Martin Hellwig in ihrem Buch «The Bankers New Clothes» fest. Warum ist das so?

Die wichtigste Kennzahl für Banker ist die Eigenkapitalrendite, meist ROE abgekürzt (vom englischen Begriff return on equity). Sie gibt an, wie viel Rendite der Aktionär auf seine Investition erhält. Bis vor kurzem noch hat etwa Jo Ackermann von einem ROE von 25 Prozent geschwärmt. Seit der Finanzkrise ist man ein bisschen bescheidener geworden und gibt sich mittlerweile mit 15 Prozent zufrieden. Nicht nur Aktionäre haben ein Interesse an einem möglichst hohen ROE, sondern auch die Banker selbst. Die Höhe ihres Bonus hängt direkt vom erzielten ROE ab.

Das gute Beispiel Kanada

Für Banker und Bankaktionäre ist eine tiefe Eigenkapitalquote deshalb wunderbar. In guten Zeiten können sie damit weit überproportionale Renditen erzielen, in schlechten Zeiten muss der Steuerzahler einspringen und die Bank retten. Banker und Bankaktionäre gehen somit bei einer tiefen Eigenkapitalquote die berühmte Wette ein: «Bei Kopf gewinnen wir, bei Zahl verliert der Steuerzahler.» Wie Admati und Hellwig in ihrem Buch nachweisen, unternehmen sie alles, um dies zu verschleiern. Sie benützen dazu einerseits eine technische, für Laien nicht verständliche Sprache. Zur Not sagen sie auch – höflich ausgedrückt – nicht immer die Wahrheit.

Geld, das für Eigenkapital der Banken gebraucht werde, fehle der Wirtschaft, lautet eine oft geäusserte Schutzbehauptung von Bankern. Das ist schlicht falsch. Eigenkapital hat nichts mit der Kreditvergabe einer Bank zu tun. Es gibt, ausser dem ROE, keinen vernünftigen Grund, weshalb Banken eine tiefere Eigenquote aufweisen als andere Unternehmen. Die enorm tiefe Eigenkapitalquote ist historisch gesehen zudem alles andere als normal, und Länder, deren Banken eine hohe Eigenkapitalquote aufweisen, haben die Finanzkrise relativ schadlos überstanden. Das bekannteste Beispiel ist Kanada.

Das zynische Beispiel Irland

Irland hingegen hat gezeigt, welch katastrophale Folgen es für die normalen Menschen hat, wenn Banker mit wenig Eigenkapital auf Kosten der Steuerzahler zocken dürfen. Dass sie dies mit einem fast unglaublichen Zynismus getan haben, beweisen die jetzt veröffentlichten Abschriften der Telefongespräche von Managern der Anglo Irish Bank. Sie wussten, dass das Eigenkapital ihrer Bank längst aufgebraucht war. Deshalb überlisteten sie die Politiker und sorgten dafür, dass der Staat und damit der Steuerzahler für den Schaden aufkommen muss. Die Folgen: Vor der Krise boomte die Wirtschaft und Irland hatte gar das höchste Pro-Kopf-Einkommen in der EU. Heute wird Irland von einer riesigen Staatsschuld erdrückt, die Arbeitslosigkeit beträgt 14 Prozent, die Löhne sind massiv gedrückt und die Auswanderungsquote ist auf dem höchsten Stand seit 25 Jahren.

Um anderen Ländern das Schicksal von Irland zu ersparen, fordern Admati und Hellwig eine Eigenkapitalquote für Banken zwischen 20 und 30 Prozent. Davon sind die EU-Finanzminister noch weit entfernt. Sie haben jedoch einen kleinen Schritt in die richtige Richtung gemacht. Allerdings: Ob sie ihn auch umsetzen können, steht noch in den Sternen.

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