Justiz fordert 117'000 Franken Strafe für bekannten Revisor

Daniel Senn, gefallener Spitzenmann des Wirtschaftsprüfers KPMG, steht wegen Insidervorwürfen vor Gericht. Er selbst hält sich für unschuldig.

Daniel Senn am Mittwoch am Bundesstrafgericht in Bellinzona. Foto: Alessandro Crinari (Keystone)

Daniel Senn am Mittwoch am Bundesstrafgericht in Bellinzona. Foto: Alessandro Crinari (Keystone)

Mario Stäuble@mario_staeuble

Der Fall ist politisch aufgeladen – das zeigt sich schon daran, dass an diesem Mittwoch drei SVP-Politiker nach Bellinzona gereist sind: Kantonsrat Hermann Lei (TG), Kantonsrat Claudio Schmid (ZH) und Alt-Nationalrat Christoph Mörgeli (ZH).

Die Hauptfigur betritt den Saal I des Bundesstrafgerichts ohne Anwalt, er hat sich mit seinem (Ex-)Verteidiger zerstritten. In seinen Sätzen schwingt Bitterkeit mit, der 60-Jährige, den DerBund.ch/Newsnet einmal als «Revisor der Nation» bezeichnete, ist im unfreiwilligen Vorruhestand. Daniel Senn war in seiner Domäne mal ganz oben: als Mitglied der Geschäftsleitung beim Wirtschaftsprüfer KPMG. Ihn rief die Schweizerische Nationalbank an, als es 2012 darum ging, im Fall des Präsidenten Philipp Hildebrand Börsengeschäfte zu durchleuchten. Und ihn hatte man gerufen, als es 2003 darum gegangen war, die Bank des inzwischen freigesprochenen Bankers Oskar Holenweger zu liquidieren.

«Project Sunshine»

Aber nun steht Senn unter Anklage. Der Partnerstatus bei KPMG ist längst Geschichte. Die Bundesanwaltschaft beantragt vom Gericht eine bedingte Geldstrafe von 117'000 Franken und eine Busse von 7000 Franken. Senn soll als Insider sein Wissen gezielt genutzt haben, um an der Börse zu spekulieren.

Die Geschichte dahinter liegt sieben Jahre zurück. 2011 leitete Senn das KPMG-Mandat bei der Privatbank Julius Bär. Die Bank wälzte Übernahmepläne; das Management hatte ein Auge auf die Bank Sarasin geworfen. Im September kaufte Senn 4000 Aktien der Sarasin für rund 100'000 Franken. Wenige Wochen später kamen die Übernahmepläne an die Öffentlichkeit – und die Sarasin-Aktie legte zu. Senn erzielte einen Buchgewinn von 30'000 Franken, schreibt Staatsanwalt Cédric Remund, der nicht persönlich vor Gericht erschienen ist.

Laut Anklage musste Senn als Revisor vom Plan der Bär gewusst haben, der unter dem Codenamen «Project Sunshine» lief. Ankläger Remund liefert zwei Argumente: Es gab Bär-Sitzungsprotokolle aus dem Sommer 2011, in denen von einem Zukauf die Rede war. Diese seien Senn bekannt gewesen. Und es gab – just einen Tag bevor Senn die Sarasin-Aktien kaufte – ein Treffen von Julius-Bär-Leuten mit der Finma. Bär informierte damals die Aufsicht, dass sie eine «grössere Übernahme» plane. Mit am Tisch: Revisor Senn.

«Ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt, so wahr mir Gott helfe. Ich weiss, dass mir das nicht hilft, aber ich sage es trotzdem.»Daniel Senn, Angeklagter

Mehr noch: Die Bundesanwaltschaft befragte einen KPMG-Partner Senns als Zeugen, und der sagte, es leuchte ein, dass mit der «grösseren Übernahme» die Sarasin gemeint gewesen sei.

Senn fordert Freispruch

Diese Darstellung weist Senn zurück. Er fordert einen Freispruch. Vom Übernahmeplan habe er erst am 26.?September 2011 erfahren – einige Tage nachdem er die Aktien gekauft hatte. Die Protokolle seien erst im Oktober an die KPMG gegangen. Und an der Finma-Sitzung sei der Name Sarasin gerade nicht gefallen. Die Aktien habe er gekauft, weil sie unterbewertet gewesen seien. Für die Anklage gebe es einen anderen Grund: «Das Ganze wurde durch eine Kampagne von Herrn Mörgeli ausgelöst.»

Christoph Mörgeli sitzt in diesem Moment im Pressesaal des Gerichts, sich Notizen machend. Der SVP-Politiker arbeitet heute als Journalist bei der «Weltwoche». Er hat mehrere Artikel über Senn geschrieben, und er war es, der ihn in seiner Kolumne 2012 unter dem Titel «Seltsame Revision, seltsamer Revisor» ein erstes Mal angegriffen hatte.

«Ich hatte Insiderinfos»

Aus Mörgelis Sicht handelt es sich nicht um eine Kampagne, sondern um die Aufklärung eines Missstands: «Ich hatte Insiderinformationen, dass Herr Senn bei der Sarasin mit Aktien handelte», sagt er. Mörgeli sah Parallelen zum Fall Hildebrand – auch im Fall des SNB-Präsidenten kamen Insidervorwürfe bei Transaktionen auf Sarasin-Konten auf. Die Verbindung zu Hildebrand erklärt auch die Anwesenheit der SVP-Politiker Schmid und Lei; beide waren mittendrin, als die Devisendeals des in SVP-Kreisen höchst unbeliebten SNB-Präsidenten öffentlich wurden.

Ausgerechnet Senn habe man im Fall Hildebrand eingeschaltet, sagt Mörgeli nun. Senn, der selbst bei Sarasin tradete. Senn, der schon im Fall Holenweger eine höchst fragwürdige Rolle gespielt habe. Nach seinem «Weltwoche»-Artikel schrieb Mörgeli einen Brief an die Revisionsaufsichtsbehörde. Ende Januar 2014 entzog die Behörde Senn die Zulassung als Revisor und zeigte ihn bei der Bundesanwaltschaft an.

Keine Rede mehr von Roche und Valiant

Der Lizenzentzug endete mit einem Kompromiss am Bundesverwaltungsgericht, Senn verzichtete eine gewisse Zeit auf seine Lizenz. Strafrechtlich schrumpften die Vorwürfe, eventuell auch wegen Verjährung; zu Beginn hiess es noch, dass Senn auch mit Roche-Optionen und Valiant-Bank-Papieren als Insider gehandelt haben soll. 

Davon ist vor Gericht keine Rede mehr. Es geht nur noch um Sarasin und einen Bruch von Revisionsregeln. Kurz vor Mittag, am Verhandlungsende, soll Senn ein Schlusswort halten. Er stellt sich ans Rednerpult, wiederholt seine Punkte – und schiebt nach: «Ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt, so wahr mir Gott helfe. Ich weiss, dass mir das nicht hilft, aber ich sage es trotzdem.»

Das Gericht will sein Urteil am 9. August bekannt geben.

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