Wofür der Bitcoin wirklich taugt

Spekuliert wird derzeit viel mit der digitalen Währung. Dabei wäre der Bitcoin doch für etwas ganz anderes gut.

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Bernhard Kislig@berrkii

Wer Bitcoin besitzt, braucht gute Nerven: Kurssprünge von 30 Prozent und mehr an einem Tag sind keine Seltenheit. Dabei wurde der Bitcoin nicht als spekulatives Finanzderivat konzipiert. Im Grunde ist er eine Digitalwährung, die Überweisungen vereinfachen soll. Die Transaktion erfolgt über ein dezentral organisiertes Netzwerk direkt vom Zahlenden zum Empfänger – eine Bank ist überflüssig. Dennoch gilt der Bitcoin heute vor allem als Spekulationsobjekt. Und wenn von Zahlungen die Rede ist, dann oft im Zusammenhang mit dubiosen Geschäften.

Doch was taugt der Bitcoin bei un­voreingenommener Betrachtung als Zahlungsmittel? Die Internetsite Coinmap.org gibt Auskunft über Unternehmen, die den Bitcoin als Zahlungsmittel akzeptieren. Der erste Eindruck ist – vorsichtig ausgedrückt – ernüchternd: Im Gebiet der Stadt Zürich sind 34 Adressen aufgeführt, in der Stadt Bern gerade einmal 5. Und dabei sind auch noch einige Wechselautomaten eingerechnet. Das Verzeichnis ist zwar unvollständig, da sich nicht alle betroffenen Anbieter eingetragen haben, dennoch lässt sich ein eindeutiger Schluss ziehen: Der Bitcoin ist weit davon entfernt, ein breit akzeptiertes Zahlungsmittel zu sein.

Die derzeit hohen Transaktionsgebühren sind einer der Gründe, weshalb Konsumenten nicht auf die Digitalwährung aufspringen. Mit diesen Kosten werden die Miner entschädigt, die im Internet Rechenleistung zur Verfügung stellen und so einen sicheren Betrieb des Systems gewährleisten. «Die Gebühr ist heute fast so hoch wie eine Lieferung, das lohnt sich für unsere Kunden nicht», sagt Dominik Guggisberg, Co-Geschäftsleiter von Velokurier Bern. Der angegliederte Service «Schnellerteller» liefert per Velo warme Menüs von Restaurants in Privathaushalte. Nach der Einführung im Jahr 2016 gab es pro Monat ungefähr «ein bis zwei Kunden, die mit Bitcoin abrechneten», erzählt Guggisberg. Heute fragt niemand mehr danach.

Nachfrage bestimmt den Preis

Die Transaktionsgebühr ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Sie wird durch die Nachfrage bestimmt. Es ist vergleichbar mit einer Auktion, die ein Algorithmus steuert. Innerhalb von 10-Minuten-Intervallen ist eine begrenz­te Anzahl von Überweisungen möglich. Mit den richtigen Apps können Käufer auf ihrem Smartphone definieren, wie viel sie bereit sind, für die Transaktion zu entrichten. Wer mehr zahlen will, kann mit einem raschen Abschluss (Settlement) rechnen. Konsumenten, die eine tiefere Gebühr anvisieren, müssen sich länger gedulden, bis die Überweisung ausgelöst ist. Ist der Betrag zu tief angesetzt, fliesst das Geld gar nie.


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«Am 23. Dezember lag der Median der Transaktionsgebühren bei 34 Franken», sagt Lucas Betschart, der Präsident der ­Bitcoin Association Switzerland und Gründer der Consultingfirma Blockchain Source. Und das arithmetische Mittel liege seit vergangenem Dezember bei rund 32 Franken. Bei solchen Beträgen ist es naheliegend, dass niemand mit Bitcoin im Restaurant ein Bier bezahlt oder im Lebensmittelladen einkauft. Mehrere Unternehmen bestätigen denn auch, dass die Kryptowährung bei Zahlungen unbedeutend ist. Doch ein Firmeninhaber rechnet vor, dass Bitcoin-Zahlungen ab einer gewissen Betragshöhe attraktiv werden. Denn bei Zahlungen mit Kreditkarten fällt eine Gebühr von bis zu 3,5 Prozent an. In aller Regel dient der Bitcoin aber vor ­allem als Marketing-Instrument: Die Bitcoin-Akzeptanz spricht allenfalls ein jüngeres und Technik-affines Publikum an. Dennoch sind es nicht nur IT-Firmen, die sich auf der Coinmap.org eingetragen haben. Es gibt auch Angebote in Gastronomie, Rechtsberatung, Architektur, beim Coiffeur und andere mehr, die man mit Bitcoin bezahlen könnte.

Einzelne angefragte Unternehmen wie die im Bereich der industriellen Metalle tätige Metal Depot Zurich AG wollten gegenüber dieser Zeitung nicht Stellung beziehen. Andere gaben zwar Auskunft, wollten aber aufgrund des zweifelhaften Rufs des Bitcoins anonym bleiben.

Das Problem mit den hohen Gebühren könnte in den nächsten ein bis zwei Jahren gelöst sein. So ist im Rahmen des Projekts «Lightning» geplant, im Bitcoin-Netzwerk eine zusätzliche Ebene einzubauen, mit der sich die Zahl der Transaktionen deutlich erhöhen lässt. Es funktioniere bereits, sei aber noch in der Testphase, sagt Betschart. Einmal eingeführt, soll die Transaktionsgebühr auf wenige Rappen sinken, sagt er, was die Nachfrage nach Bitcoin beflügeln könnte.

Absicherung gegen Kursverlust

Ein weiterer Grund für die geringe Akzeptanz sind die erwähnten starken Kursschwankungen: Konsumenten haben lieber den stabilen Schweizer Franken im Portemonnaie als eine Kryptowährung auf dem Smartphone, die von einem Tag auf den anderen ein Drittel ihres Werts einbüssen kann. Für Unternehmen existiert eine praxistaugliche Lösung: Es gibt Dienstleister wie Bitpay, die Bitcoin mit der Überweisung unmittelbar in eine nicht virtuelle Währung umtauschen. «Schnellerteller» arbeitet ebenso mit Bitpay wie auch Lanieri, die Zürcher Niederlassung des italienischen Herstellers von Massanzügen. Mit dieser Vorgehensweise sinkt das Volatilitäts­risiko auf ein praxistaugliches Niveau. Allerdings fallen dafür auch Gebühren an. Wie Yves Nespeca von Lanieri erläutert, hat der Kleiderhersteller im letzten Quartal 2017 weltweit rund 20 Zahlungen in Bitcoin erhalten. 80 Prozent der Bestellungen kamen aus Italien und keine aus der Schweiz.

Bei Banken oder anderen Zahlungsdienstleistern steigt die absolute Transaktionsgebühr mit der Höhe des überwiesenen Betrags. Beim Bitcoin nicht. Der Bitcoin unterscheidet auch nicht nach Landesgrenzen. Deshalb wird der Bitcoin umso interessanter, je grösser die Zahlung und je exotischer ein Land ist, in dem sich der Empfänger befindet. «Bei internationalen Überweisungen ist der Bitcoin in der Regel ab 1000 Franken günstiger als eine Banküberweisung», sagt Joël Zaugg, Inhaber und Geschäftsführer von Greenville Gardening in Bern. Die Firma verkauft technisches Zubehör für den Anbau von Hanf. 90 Prozent der Kunden sind laut Zaugg Schweizer Unternehmen, die in der THC-freien Hanfproduktion tätig sind. Greenville Gardening liefert auch ins Ausland. Vor einem Monat hat letztmals ein Kunde in Bitcoin bezahlt.

Zaugg geht davon aus, dass Bitcoin als Zahlungsmittel vor allem bei internationalen Überweisungen zu einer Konkurrenz werden könnte. In der Schweiz leben viele Ausländer, die ihren Familien im Heimatland Geld schicken. Manchmal führt kein Weg an Western Union vorbei, wobei gemäss Vergleichsdienst Moneyland.ch relativ hohe Gebühren und Wechselkurskosten anfallen. Hier kann der Bitcoin durchaus eine deutlich kostengünstigere Alternative sein. Solange der Kurs aber sehr volatil bleibt, müssen sich Konsumenten sehr gut überlegen, ob sie diese Methode nutzen wollen.


Video: Was man über Bitcoin wissen muss

Die Kryptowährung kurz erklärt.


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